Nr. 171, September 2004

Schwerpunkt: Autorenpoetik. Brigitte Kronauer, Hans-Ulrich Treichel, Reinhard Jirgl, Sarah Kirsch, Thomas Lehr und Michael Lentz schreiben über die Bedingungen ihrer Arbeit. Außerdem:

  • Joachim Kalka beschäftigt sich mit den Folterfotos aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib.
  • In der Reihe "Auf Tritt Die Poesie" stellt Michael Braun den Lyriker Markus Stegmann vor.

Editorial

Daß Schriftsteller sich zu Fragen der Ästhetik äußern, ist in der Literaturgeschichte kein Novum. Sowohl das Aufstellen normativer Regeln als auch ihre Problematisierung wurden jederzeit begleitet von Reflexionen poetologischer, aber auch geschichtsphilosophischer und gesamtgesellschaftlicher Art. Bedeutende Autoren sorgten durch solch grenzüberschreitende Analyseblicke immer wieder für Impulse und Debatten, und zwar mit Folgen – nicht nur für die literarischen Werke nachfolgender Generationen.

Was auf den ersten Blick nach einer akademischen Theoriedebatte oder einem historischen Abriß zur Geschichte der Dichtkunst aussehen könnte, ist – gerade wenn es um die spezifische Perspektive kunstvoll „lügender“ Dichter geht – nach wie vor von unschätzbarem Wert für alle (Literatur-)Diskussionen auf der Höhe der Zeit.

Von dieser zentralen Seismographenbedeutung zeugen bereits zahlreiche wegweisende Poetikvorlesungen. Berühmt geworden sind etwa jene von Wolfgang Hildesheimer, Ernst Jandl, Uwe Johnson, Günter Grass oder Christa Wolf.

Vor diesem traditionsreichen Hintergrund hat das Literarische Colloquium in Kooperation mit der Stiftung Preußische Seehandlung eine Poetik-Reihe angeregt und durchgeführt, die wir in diesem Heft dokumentieren. Keine Vorlesungen waren intendiert, aber Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Generationen und mit sehr unterschiedlichen Schreibansätzen stellten sich im LCB der Diskussion: Brigitte Kronauer und Sarah Kirsch, Hans-Ulrich Treichel und Reinhard Jirgl, Michael Lentz und Thomas Lehr gaben Auskunft über ihre Poetologie und geben Einblick in ihre Schreibwerkstatt.

Abgerundet wird dieses Heft von unseren Kolumnen: Michael Braun stellt in „Auf Tritt Die Poesie“ den in Basel lebenden Lyriker Markus Stegmann vor, und Jo Kalka schreibt in seiner Reihe, die nach Großbritannien und in die USA blickt, über die eigenartige Ästhetik der flotten Schnappschüsse von der Folter im Irak.


Inhalt

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Auf Tritt Die Poesie  
Michael Braun Der Ethnograph des Bösen 256
Markus Stegmann Gedichte 259
   
Autorenpoetik  
Brigitte Kronauer Kleine poetologische Autobiographie 267
Hans-Ulrich Treichel Der Felsen, an dem ich hänge 283
Reinhard Jirgl Die wilde und die gezähmte Schrift 296
Sarah Kirsch Kommt der Schnee im Sturm geflogen 321
Thomas Lehr Spaziergang im Schneckenhaus 324
Michael Lentz Schreiben. Sprechen. Ich 346
   
Joachim Kalka GB/US. Notizen (XIII) 375