Nr. 191, September 2009

20 Jahre nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens präsentiert sich China als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2009. Aus diesem Anlass widmet sich Spr.i.t.Z. China und seiner reichen Literatur. Am Anfang steht ein Interview, das Michael Magercord mit dem Lyriker Yang Lian und dem Romancier Ma Jian geführt hat. Beide leben im Exil, Yang Lians Analyse lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig: „Die Chinesen sehen sich einer Verbindung der schlimmsten Auswüchse des Kommunismus mit jenen des Kapitalismus gegenüber. Im Vergleich zu allen anderen ist dieses System das grausamste.“ Yang Lians Freund Liang Xiaoming dagegen hat sich in der Volksrepublik, in Hangzhou, eingerichtet, und wir stellen Bespiele seiner Lyrik vor: „Geisterrede und Totentanz, poetische Beschwörung und mystische Ekstase“ (Hans Christoph Buch). Dazu Beiträge von Norbert Miller, Joachim Kalka und Zhang Yushu über chinesisch-deutsche Wechselbeziehungen – und eine literarische Reisegeschichte in die Provinz des Reiches der Mitte von Matthias Messmer.

Außerdem:

  • In „Auf Tritt Die Poesie“ präsentiert Michael Braun die Mecklenburgerin Kerstin Preiwuß.
  • „Zu Gast in Berlin“ ist der in Chicago geborene Thailänder Rattawut Lapcharoensap. Er wird von Maike Wetzel vorgestellt.
  • Ein ehemaliger Gast des Berliner Künstlerprogramms, Norman Manea, steuert zu diesem Heft eine neue Erzählung bei.
  • Last but not least drucken wir Gedichte des Berliner Lyrikers René Hamann.
  • Gleichzeitig mit Heft 191 erscheint das Sonderheft 2009: European Borderlands.

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Editorial

Vor genau zwanzig Jahren erschien im September 1989 das Heft 111 dieser Zeitschrift mit dem Titel „Die Kommenden? Deutschsprachige Literatur der Mauerrisse“. Es war die Zeit, als manches möglich schien, aber keiner hat für möglich gehalten, was sich dann kaum zwei Monate später in Deutschland und Europa abspielen würde. Ein Vorschein dessen aber, dass Festgefügtes in Bewegung geriet, waren die Demonstrationen chinesischer Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens, die am 4. Juni 1989 ihr gewaltsames Ende fanden. 1989 war also sowohl ein deutsches als auch ein chinesisches Schicksalsjahr, und beide Länder sehen heute völlig anders aus als damals. Egal ob diese Parallele ein Grund für die Frankfurter Buchmesse war, China als Ehrengast einzuladen, oder nicht, wir jedenfalls haben das zum Anlass genommen, den Schwerpunkt dieses Heftes China und seiner reichen Literatur zu widmen. Dass das nur Annäherungen sein können, erklärt sich bei der immensen Größe des Themas von selbst, und so bieten wir verschiedene Zugangswege, die sich hoffentlich von jenen ein wenig unterscheiden, die wir in den nächsten Wochen im Umfeld der Messe werden lesen können. Wir beginnen die Chinasektion mit einem Interview, das Michael Magercord anlässlich des Prague Writers Festival Anfang Juni mit dem Lyriker Yang Lian und dem Romancier Ma Jian in der tschechischen Hauptstadt geführt hat. Im Anschluss drucken wir Norbert Millers Beitrag über die Rezeption der klassischen Romane Chinas in Europa, aber vor allem in Deutschland. Ein anderer überaus belesener Publizist, Joachim Kalka, schreibt über seine ersten Leseeindrücke chinesischer Literatur und wie diese Literatur ihren Weg nach Deutschland fand. Umgekehrt bespricht Zhang Yushu eine zehnbändige Geschichte chinesischer Literatur, die vom Bonner Sinologen Wolfgang Kubin herausgebracht wurde. Eine literarische Reisegeschichte in die Provinz des Reiches der Mitte steuert Matthias Messmer bei. Und Hans Christoph Buch stellt uns den Dichter Liang Xiaoming vor.

In „Auf Tritt Die Poesie“ präsentiert Michael Braun die Mecklenburgerin Kerstin Preiwuß, und „Zu Gast in Berlin“ ist der in Chicago geborene Thailänder Rattawut Lapcharoensap. Er wird von Maike Wetzel vorgestellt. Ein ehemaliger Gast des Berliner Künstlerprogramms, Norman Manea, steuert zu diesem Heft eine neue Erzählung bei. Und last but not least drucken wir Gedichte des Berliner Lyrikers René Hamann.


Inhalt

  Auf Tritt Die Poesie  
Michael Braun Präludium zum Niedergang 250
Kerstin Preiwuß Vor dem Gedicht 253
Kerstin Preiwuß Gedichte 266
     
Norman Manea Die Erziehung der Empfindsamkeit 266

   

Annäherungen an China  
Michael Magercord
Yang Lian
Ma Jian
Von Kommunismus und Kapitalismus 279
Norbert Miller Mit gleichsam chinesischem Pinsel 292
Joachim Kalka Die Geister des Gelben Flusses 304
Zhang Yushu Interkulturelle Sinologie 313
Matthias Messmer Die Tränen des Feuervogels 324
Hans Christoph Buch Albumblatt für einen Dichter aus Hangzhou 346
Liang Xiaoming Gedichte 349

   

Zu Gast in Berlin  
Maike Wetzel Bangkoks giftig-schöner Himmel 355
Rattawut Lapcharoensap In den Neunzigern 357
     
René Hamann Gedichte 367