Nr. 195, September 2010

Neuübersetzungen von Klassikern haben Konjunktur. Dieses Heft versammelt Essays und Werkstattberichte mit Beispielen von Cervantes über Dostojewski bis Emily Dickinson. Beiträge von Werner von Koppenfels, Marie Luise Knott, Gunhild Kübler, Susanne Lange, Andrea Ott und Rosemarie Tietze. Dazu: Hans Pleschinski über die ewig junge Frage nach der lebenswertesten Stadt in Deutschland. Laudationes von Ulf Stolterfoht auf Oswald Egger sowie von Jörg Magenau auf László Krasznahorkai und seine Übersetzerin Heike Flemming. Der Berliner Literaturwissenschaftler Roland Berbig schreibt über den Tagebuchverfasser Walter Kempowski. In „Auf Tritt Die Poesie“ stellt Michael Braun den Lyriker Ulrich Koch vor, und „Zu Gast in Berlin“ ist Sema Kaygusuz.

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Editorial

In Gero von Wilperts Sachwörterbuch der Literatur (6. Auflage 1979) findet man unter dem Stichwort Klassiker: „Die Vertreter der Klassik oder allg., die größten Dichter einer Nation, die in die Weltliteratur hineinragen und deren Werke durch vollendete Gestalt mustergültig sind (…)“, und abschließend: „Heute ist der Begriff besonders durch die billigen Klassiker-Ausgaben fast aller druckfreier Dichter sehr ungenau geworden.“ Man könnte Klassiker aber auch anders identifizieren: In ihren Heimatländern daran, dass sie immer wieder neu ediert werden, und im Ausland daran, dass sie immer wieder neu übersetzt werden, wenngleich das eine wie das andere sicher eins nicht ist: billig.

In den letzten Jahren, so scheint es zumindest, haben Neuübersetzungen Konjunktur. Beispielhaft seien hier nur die Dostojewski-Übertragungen von Swetlana Geier und die Stendhal-Übersetzungen von Elisabeth Edl genannt. Weitere Beispiele finden sich in diesem Heft. Im März diesen Jahres veranstaltete der Deutsche Übersetzerfonds im Literarischen Colloquium eine Tagung unter dem Titel „Über unseren Umgang mit den Klassikern“, in der sich erfahrene „Neu-Übersetzer“ mit Fragen beschäftigten, die sich dann ergeben, wenn ein Werk zum wiederholten Male in den Fokus der übersetzerischen Aufmerksamkeit rückt. Marie Luise Knott führt ab Seite 298 in Thematik und Tagung ein.

Mit einer klassischen, ewig jungen Frage beschäftigt sich in seinem Feuilleton ganz am Beginn des Heftes Hans Pleschinski: Welche ist die lebenswerteste Stadt in Deutschland? Und fast gelingt ihm das Unmögliche, die Versöhnung von München und Berlin. Auf dem Weg zum Klassiker liegen, zumindest im gegenwärtigen Literaturbetrieb, die Literaturpreise. Zwei Laudationes drucken wir im Heft. Ulf Stolterfohts Rede auf Oswald Egger, die er anlässlich der Verleihung des Oskar Pastior-Preises im Berliner Roten Rathaus hielt, sowie die Rede von Jörg Magenau zu László Krasznahorkai und seiner Übersetzerin Heike Flemming, die er bei der Preisverleihung des BHF-Brücke-Preises hielt. Der BHF-Brücke-Preis zeichnet Autor und Übersetzer aus. In den Fußnoten schreibt der Berliner Literaturwissenschaftler Roland Berbig über den Tagebuchverfasser Walter Kempowski. In „Auf Tritt Die Poesie“ stellt Michael Braun den Lyriker Ulrich Koch vor, und „Zu Gast in Berlin“ ist Sema Kaygusuz.


Inhalt

Hans Pleschinksi Münchner Strategien 276
Jörg Magenau Materialismus und Transzendenz 281
Ulf Stolterfoht Gefährliche Welten 289
     
  Über das Neuübesetzen von Klassikern  
Marie Luise Knott Das Gleiche. Noch einmal. Anders 298
Susanne Lange Als wäre er gerade erst aufgebrochen … 303
Rosemarie Tietze Tiefenschürfung 313
Andrea Ott Miss Austen nimmt Mrs.Radcliffe auf die Schippe – aber wer ist Mrs. Radcliffe? 326
Gunhild Kübler Advocate the Azure 334
Werner von Koppenfels Nicht nur das Bessere ist der Feind des Guten 348
     
  Auf Tritt Die Poesie  
Michael Braun Der Himmel, unter dem ich lag 357
Ulrich Koch Gedichte 359
     
  Fußnoten  
Roland Berbig Lustige Person vor Hintergrund 365
     
  Zu Gast in Berlin  
Sevengül Sönmez Über Sema Kaygusuz 379
Sema Kaygusuz Eine Stelle in deinem Gesicht 382
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