Nr. 199, Oktober 2011

In der türkischen Literatur gebe es keine Tabus mehr, sagt der in Berlin lebende Autor Zafer Șenocak im Gespräch mit unserer Zeitschrift – und die Texte von Müge ĺplikçi und Perihan Mağden bestätigen die Diagnose. Ein Schriftsteller der älteren Generation ist der noch von der Militärdiktatur verfolgte und heute in Paris lebende Nedim Gürsel. Neben diesem kleinen west-östlichen Panorama bringen wir Thomas Lehrs Antrittsvorlesung bei Übernahme der Heiner-Müller-Professur, Überlegungen und Hintergründe von Ulrich Blumenbach zur Neuübersetzung von Jack Kerouacs On the Road, Lyrik von Volker Sielaff und Gert Loschütz’ Kleine Verlustliste. Zu entdecken gibt es Prosa von Sarah Iwanowski und Lyrik von Levin Westermann, vorgestellt von Michael Braun; „Zu Gast in Berlin“ ist der arabische Autor Qassim Haddad, zu dessen Beitrag seine Übersetzerin Leila Chammaa die Einführung verfasst hat.

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Gleichzeitig mit Heft 199 erscheint das Sonderheft 2011. Für Abonnenten ist es im Bezugspreis enthalten.


Editorial

Die Welt ist in Bewegung – und so verändert sich auch die Literatur. Als eine der auch künstlerisch spannendsten Städte der Welt entpuppte sich in den letzten Jahren Istanbul an der Nahtstelle des Orients mit dem Okzident. Das war Anlass für uns, einmal einen Blick auf die gegenwärtige türkische Literatur zu werfen. „Eine neue Sprache finden – Türkische Literatur heute“ stellt drei türkische Autoren aus zwei Generationen vor. Müge ĺplikçi und Perihan Mağden repräsentieren die mittlere Frauengeneration, während der in Paris lebende Nedim Gürsel für die noch von der Militärdiktatur verfolgten Autoren steht. In diesem Zusammenhang haben wir den Berliner Dichter und Publizisten Zafer Șenocak zur aktuellen politischen Lage und zu Tendenzen in der türkischen Gegenwartsliteratur befragt. Seine Aussage, wonach es in der türkischen Literatur keine Tabus mehr gäbe, bestätigen die hier im Heft versammelten Beispiele.

Zum Verhältnis zwischen Literatur und Gesellschaft äußert sich in diesem Heft auch Thomas Lehr. Wir drucken seine Antrittsvorlesung für die Heiner-Müller-Professur, die mit dem Berliner Literaturpreis verknüpft ist und von der Stiftung Preußische Seehandlung und der Freien Universität Berlin getragen wird. Zu entdecken gibt es in diesem Heft die Autorin Sarah Iwanowski und den Lyriker Levin Westermann, der dieses Mal von Michael Braun in unserer Reihe „Auf Tritt Die Poesie“ vorgestellt wird. Volker Sielaff, der regelmäßig europäische Lyriker in dieser Abteilung vorstellt, ist dieses Mal selbst als Lyriker im Heft – wir drucken einige Gedichte aus seinem bald erscheinenden zweiten Band Selbstporträt mit Zwerg vorab. Zu Gast in Berlin ist dieses Mal der arabische Autor Qassim Haddad. Vorgestellt wird er von der Berliner Arabistin Leila Chammaa, seiner Übersetzerin. Ein anderer in den letzten Jahren hoch geehrter Übersetzer, Ulrich Blumenbach, schreibt über die verschiedenen Übersetzungen eines Jahrhundertbuches: Jack Kerouacs On the road. Eröffnet aber wird das Heft von einer „Kleinen Verlustliste – unvollständig, ungeordnet“ von Gert Loschütz, die leicht melancholisch eine Art Gewinn- und Verlustrechnung des Älterwerdens darstellt.


Inhalt

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Gert Loschütz Kleine Verlustliste – unvollständig, ungeordnet 256
     
  Auf Tritt Die Poesie  
Michael Braun Heimkehr ins flutende Element 259
Levin Westermann Gedichte 261
Levin Westermann „Alles beginnt mit der Stille“ 261
     
Thomas Lehr Der abgewandte Leviathan 267
     
  Eine neue Sprache finden – Türkische Literatur heute  
Nedim Gürsel Allahs Töchter 286
Müge ĺplikçi  Allein 295
Müge ĺplikçi
Eine Frage 299
Perihan Mağden Ali und Ramazan 303
Thomas Geiger
Zafer Șenocak 
Islam und Globalisierungsmaschine 315
     
  Fußnoten  
Ulrich Blumenbach „Die zerlumpte Erforschung meines Vaterlandes“ 334
     
Sarah IwanowskiÜbers Feld346
     
  Zu Gast in Berlin  
Leila Chammaa Qassim Haddad – ein Porträt 355
Qassim Haddad Keiner ist wie wir 359