Nr. 202, Juli 2012

Tabus als Movens: Wie weit reizen sie Autoren in verschiedenen Gesellschaften, gegen sie zu verstoßen oder um sie herum zu schreiben? Essays von Joanna Bator, Annett Gröschner, Arnon Grünberg,  Maja Haderlap und Mirko Kovac. Außerdem: Prosa von Theodor Weißenborn, Gedichte von Constantin Abãlutã und Michael Brauns Laudatio auf Jan Wagner anlässlich der Verleihung des Kranichsteiner Literaturpreises 2011. In „Auf Tritt Die Poesie“ stellt uns Volker Sielaff den aus Russland stammenden Poeten Oleg Jurjew vor, und „Zu Gast in Berlin“ ist der Dichter Ken Babstock, der in Lutz Seiler einen kongenialen Übersetzer gefunden hat.

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Editorial

Im Duden, Das große Fremdwörterbuch, 3. Auflage aus dem Jahr 2003 steht auf Seite 1317 unter dem Stichwort Tabu: „das; -s, - s: 1. bei Naturvölkern die zeitweilige od. dauernde Heiligung eines mit Mana erfüllten Menschen od. Gegenstandes mit dem Verbot, ihn anzurühren (Völkerk.). 2. ungeschriebenes Gesetz, das aufgrund bestimmter Anschauungen innerhalb einer Gesellschaft verbietet, bestimmte Dinge zu tun; sittliche konventionelle Schranke.“ Zum Autorenspecial auf der Leipziger Buchmesse 2012 haben wir fünf Autoren aus Europa eingeladen und sie gebeten, unter dem Titel „Tabuzonen – Worüber man nicht schreiben darf?“ einen Essay zu verfassen. Dabei ging es auch darum, inwieweit Tabus als Movens dienen und Autoren reizen, gegen sie zu verstoßen oder um sie herum zu schreiben. Natürlich liegen in verschiedenen Gesellschaften die Tabuzonen jeweils woanders. Joanna Bator aus Polen bezieht sich auf den Tabubegriff von Sigmund Freud. Annett Gröschner steuert Beispiele aus der ehemaligen DDR bei, aber auch von Tabus, die ihr ziemlich schnell in der dann größer gewordenen Bundesrepublik begegneten. Die eigentlich tabuloseste Zeit in ihrer Wahrnehmung dauerte gerade eben mal ein Jahr vom Oktober 1989 bis zum Oktober 1990. Arnon Grünberg wiederum geht unter anderem religiösen Tabus auf den Grund. Während Mirko Kovac seine Schwierigkeiten im Jugoslawien Titos schildert. Und Maja Haderlap schließlich schreibt vom nicht immer einfachen Zusammenleben der slowenischen Minderheit in Kärnten.

Prosa drucken wir in diesem Heft von Theodor Weißenborn, Gedichte von Constantin Abãlutã aus Bukarest. Wir dokumentieren Michael Brauns Laudatio auf Jan Wagner anlässlich der Verleihung des Kranichsteiner Literaturpreises am 25. November 2011.

In unser Serie „Auf Tritt Die Poesie“ bringt uns Volker Sielaff die Lyrik des aus Russland stammenden Poeten Oleg Jurjew näher. Und in „Zu Gast in Berlin“ drucken wir Gedichte des außergewöhnlichen kanadischen Dichters Ken Babstock, der zurzeit Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD ist und in Lutz Seiler einen kongenialen Übersetzer seiner Dichtung ins Deutsche gefunden hat.  


Inhalt

  Zu Gast in Berlin  
Lutz Seiler Die Klassenfrage 148
Ken Babstock Gedichte 151
     
Michael Braun Ich wurde ein Kontinent 163
     
Theodor Weißenborn Die Wasser der Zeit

170

Theodor Weißenborn Ich fliege mit dem Wind 173
     
Constantin Abaluta Die Schwerkraft aus der Grundschule 176
     
  Tabuzonen – Worüber man nicht schreiben darf?  
Joanna Bator Die-welche-seltsame-Dinge-bringt 185
Annett Gröschner Tabuzonen. Worüber man nicht schreiben darf? 193
Arnon Grünberg Literatur, Macht und Tabu 207
Maja Haderlap Die Wirklickeit der Schatten 225
Mirko Kovac Wir erben Tabus, erschaffen und unterwandern sie 237
   
Auf Tritt Die Poesie  
Volker Sielaff Mystik im Teeglas 250
Oleg Jurjew Aus: Von Zeiten. Ein Poem 252
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