Nr. 178, Juni 2006

Schwerpunktthema: Attraktion und Widerstände – Zur Lage der EU an ihren inneren und äußeren Grenzen. Essays von László Darvasi, Viktor Jerofejew, Andrej Kurkow, Margrit de Moor, Ale¨ ¦teger, Angel Wagenstein und Cécile Wajsbrot.

Dazu:

  • Neue Texte von Kathrin Röggla und Sabine Scho, ein Vorabdruck aus Annette Pehnts Roman »Haus der Schildkröten«.
  • Zu Gast in Berlin ist diesmal Ottó Tolnai,
  • und Auf Tritt … Marek Sniecinski, vorgestellt von Volker Sielaff.

Editorial

Das politische Europa ist gegenwärtig von einem Paradox geprägt: Jene ost- und südosteuropäischen Staaten, die nicht Mitglied in der EU sind, drängen mit Optimismus und nicht nachlassender Energie hinein – und in jenen Ländern, die einst am Anfang des politischen Einigungsprozesses standen wie Frankreich und die Niederlande, stimmt das Volk in Volksbefragungen über den europäischen Verfassungsentwurf zumindest europakritisch ab. Fragen, Ängste und Zweifel bezüglich der angemessenen Reaktionen auf die Globalisierung, bezüglich der Sozialsysteme, der Verfassung, der europäischen Identität – prägen die öffentliche Debatte. Europa quält sich!

In seiner Aufsehen erregenden Dankrede zum Leipziger Preis für europäische Verständigung etwa hat der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch zumindest eine Aussicht auf eine Vollmitgliedschaft der Ukraine angemahnt. Diese Rede bildete genau den richtigen Auftakt für das mittlerweile schon traditionelle Autorenspecial der Leipziger Buchmesse. Denn das diesjährige Thema lautete „Attraktion und Widerstände – Zur Situation der EU an ihren äußeren und inneren Grenzen“. Wir haben sieben Autoren aus sieben Ländern eingeladen, persönliche Erlebnisse, Erfahrungen oder auch Einsichten im Umkreis des Themas zu einem Vortrag zu verdichten, der dann im März 2006 in Leipzig gehalten worden war. Wir drucken die Beiträge von László Darvasi (Ungarn), Viktor Jerofejew (Russland), Andrej Kurkow (Ukraine), Margrit de Moor (Niederlande), Ale¨ ¦teger (Slowenien), Angel Wagenstein (Bulgarien) und Cécile Wajsbrot (Frankreich).

Darüber hinaus stellt Volker Sielaff in der Kolumne Auf Tritt Die Poesie den polnischen Lyriker Marek ¼nieciciñski vor. Wir drucken einen kurzen Text von Sabine Scho aus den Westen der USA, während Kathrin Röggla bei ihrem Rückflug über Sibirien begonnen hat, einen Reisebericht über ihren Japanaufenthalt zu verfassen, der auch in diesem Heft zu finden ist. Last but not least drucken wir vorab eine Episode aus dem in diesem Herbst erscheinenden neuen Roman Haus der Schildkröten von Annette Pehnt.

Außerdem, und das verlangt die Chronistenpflicht, soll nicht verschwiegen werden, wie sehr sich Verleger, Herausgeber und Redakteure über den Hermann-Hesse-Förderpreis 2006 für Literaturzeitschriften freuen, den wir für diese Zeitschrift am 2. Juli in Calw, der Geburtsstadt Hermann Hesses, entgegennehmen werden.

Herausgeber und Redaktion


Inhalt


Zu Gast in Berlin

Ottó Tolnai
Lorbeeren vom Balkan 120
Kathrin Röggla
die versteckte nacht 130
Sabine Scho
Dam Dog 139

Attraktion und Widerstände

László Darvasi
Die Symphonie des Ungarn 141
Viktor Jerofejew
Der europäische Sinn des Lebens 150
Andrej Kurkow
Die Ukraine und Europa 154
Margrit de Moor
Ermordete Unschuld 164
Ale¨ ¦teger
Hier, ungefähr nirgendwo: Europa 172
Angel Wagenstein
Unter dem Balkon Europas 184
Cécile Wajsbrot
Euphemismus 197

Auf Tritt die Poesie

Volker Sielaff
Vom Übersetzen des nicht Übersetzbaren 207
Marek Sniecinski
Gedichte 209

Annette Pehnt
Haus der Schildkröten 218