Nr. 204, Dezember 2012

„Das Weite suchen“: Thomas Lehr über Marie Luise Kaschnitz und Sprachwege in Krieg und Frieden, Akos Doma, Goce Smilevski und Joachim Helfer über ganz unterschiedliche Formen der Flucht. Den zweiten Schwerpunkt des Heftes bildet die Lyrik: Martin Hielscher würdigt Sabine Scho, Jean Krieg und Katharina Kim Alsen steuern neue Gedichte bei. Im Anschluss stellt Matthias Göritz die iranische Lyrikerin Granaz Moussavi vor. Hinzu kommen Porträts zweier vermeintlich unzeitgemäßer Dramatiker: Gerhart Hauptmann (Roswitha Schieb) und Heinar Kipphardt (Ute Nyssen). Zu Gast in Berlin ist der Indonesier Afrizal Malna, vorgestellt von Silke Behl und Ulrike Draesner. 

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Editorial

Das Thema diese Heftes „Das Weite suchen“ haben wir bei Thomas Lehr geborgt, um das hässliche Wort gestohlen zu umgehen. „Das Weite suchen. Sprachwege in Krieg und Frieden“ war nämlich der Titel einer Tagung der Evangelischen Akademie in Tutzing, die aus Anlass der Vergabe des Marie-Luise-Kaschnitz-Preises dem Werk eben jenes Schriftstellers gewidmet war. Seine Dankrede, die er unter dieses Motto gestellt hat, dokumentieren wir in diesem Heft. Diese Rede verbindet auf das Schönste Biographisches und Poetologisches, sie ist eine Feier des Lesens und handelt von der Freiheit des Schreibens, sich hinaus in verschiedene Welten zu begeben – ohne dass man das Haus verlassen muss! Im Anschluss drucken wir Auszüge aus drei Prosaprojekten, die sich im engeren Sinne mit der übertragenen Bedeutung von das Weite suchen beschäftigen: mit Flucht. Der aus Ungarn stammende Akos Doma führt in die Welt Budapests um 1960 zurück, hier nimmt ein Vater Reißaus. Goce Smilevski aus Mazedonien schrieb eine fiktive Biographie von Adolphine, der Schwester Siegmund Freuds, die in Wien zurückblieb, während ihr Bruder nach London in das Exil ging. In Joachim Helfers Auszug aus seinem Romanprojekt „Das Dritte“ sind es nicht politische Umstände, die den Fluchtimpuls auslösen, sondern es ist die familiäre Konstellation, die Enge, die hier herrscht.

Die Lyrik nimmt auch in diesem Heft breiten Raum ein. Zunächst drucken wir die Laudatio von Martin Hielscher auf die in São Paulo lebende Dichterin Sabine Scho ab. Sie wurde durch die Deutsche Schillerstiftung von 1859 mit dem Anke-Bennholdt-Thomsen-Preis für Lyrikerinnen ausgezeichnet. Acht Oden präsentieren wir vom Luxemburger Dichter Jean Krier und im Anschluss stellen wir Katharina Kim Alsen aus Hamburg vor. Matthias Göritz bringt uns in der Abteilung „Auf Tritt Die Poesie“ die persische Dichterin Granaz Moussavi näher. Es folgen zwei kurze Dramatikerporträts, die auf den ersten Blick kaum verschiedener sein könnten: Gerhart Hauptmann und Heinar Kipphardt. Wie Roswitha Schieb und Ute Nyssen jeweils schreiben, haftet beiden – zu Unrecht – etwas Unzeitgemäßes an. Das Heftende gehört dem Indonesier Afrizal Malna, der zur Zeit Gast des Berliner Künstlerprogramm des DAAD ist. Schließlich sei hier noch bemerkt, dass dieses das letzte Heft von Sprache im technischen Zeitalter im SH-Verlag ist, der in wesentlichen Teilen im Böhlau-Verlag aufgegangen ist. Herausgeber und Redaktion bedanken sich hiermit bei den Gesellschaftern des SH-Verlages, die dieser Literaturzeitschrift 1997 durch schwere Zeiten halfen und seit 16 Jahren in bestem Einvernehmen mit den Blattmachern zusammenarbeiteten. 


Inhalt

  Das Weite suchen  
Thomas Lehr Das Weite suchen 398
Akos Doma Plattensee, einfach 408
Goce Smilevksi Freuds Schwester 416
Joachim Helfer "Das Dritte" 431
     
  Lyrik

 

Martin Hielscher Mit Flosse und Haifischmaul 437
Jean Krier Acht Oden 444
Katharina Kim Alsen Gedichte 452
     
  Auf Tritt Die Poesie  
Matthias Göritz Barfuß durch die Nacht 460
Granaz Moussavi Barfuß bis zum Morgen 464
     
Roswitha Schieb Zwischen Progression und Regression 481
Ute Nyssen Bruder Shakespeare 487
   
Zu Gast in Berlin  
Silke Behl
Ulrike Draesner
"Er steht da und beginnt zu sprechen" 491
Afrizal Malna sie haben angst, nicht, vor dem rot 252
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