Nr. 206, Juni 2013

50 Jahre LCB – Inmitten der Literatur: Zum Jubiläum schreiben Roland Berbig, Hans Christoph Buch, Rosemarie Tietze, Michael Braun, Matteo Galli, Jens Bisky, Kathleen Hildebrand, Jürgen Jakob Becker. Auf Tritt ... Rumiana Ebert, vorgestellt von Volker Sielaff. Zu Gast in Berlin ist Tomas Venclova.


Editorial

Es gehört wohl zu den Pointen Berlins, dass der Geist der Nachkriegsmoderne Anfang der sechziger Jahre im schmucken Ambiente einer abgewohnten Gründerzeitvilla heimisch wurde. Walter Höllerer hatte im kargen West-Berlin der frühen Mauerjahre die ansteckende Vision einer künstlerischen Produktionsstätte für Autoren, Theater- und Filmemacher entwickelt, ein Haus für Sprache und Literatur im technischen Zeitalter. Die Entdeckung eines leer stehenden Terrassenhotels in schönster Wannseelage unweit der S-Bahn erwies sich dabei als Glücksfall, denn als Gästehaus war es genauso geeignet wie für ein Autorentreffen oder das eine oder andere veranstalterische Experiment. Das „Literarische Colloquium Berlin“ (LCB), im Mai 1963 mit Fördergeldern der Ford Foundation gegründet und getragen vom Berliner Senat, wurde rasch zum Kristallisationspunkt internationaler Begegnungen und zur Bühne für die Diskussion mit dem Publikum. Tagungen der Gruppe 47, die San Francisco Poets, ein- und ausziehende Theatergruppen, Schriftsteller aus Ost und West füllten das Haus mit Leben und haben die Spuren gelegt zum Literaturbetrieb, wie wir ihn heute kennen.

In dieser Zeitschrift, einem weiteren Kind Höllerers, wollen wir die 50jährige Geschichte des LCB umkreisen. Roland Berbig führt den Leser zurück in das Jahr 1963 und in die literarische Topographie, in die das Haus hineinwuchs. Hans Christoph Buch schreibt, wie es beim berühmten Schreibkurs des Colloquiums war – oder wenigstens gewesen sein könnte. Rosemarie Tietze erinnert an die ersten Übersetzerveranstaltungen im Haus. Michael Braun schlägt einen lyrikgeschichtlichen Bogen von Günter Eich und Walter Höllerer zu den jüngsten Dichtern des jetzigen Berlin. Matteo Galli, seines Zeichens Germanist in Ferrara, schreibt über den wechselnden Einfluss der deutschen Literaturen in Italien. Und schließlich haben wir Jens Bisky gebeten, zu berichten, wie sich seine Lesebiographie durch den Mauerfall verändert hat – oder eben nicht. Last but not least schildert als jüngste Beiträgerin Kathleen Hildebrand, dass man noch immer der Literatur verfallen kann – auch wenn ihr immer wieder Abschiede gesungen werden. Wir im LCB jedenfalls glauben an ihre Zukunft. In einer Kärrnerarbeit hat Jürgen Jakob Becker eine Chronologie des LCB erstellt, die von 1885 bis zum 24. Mai 2013 reicht.

Und sonst? In Auf Tritt Die Poesie stellt Volker Sielaff Rumiana Ebert vor und Zu Gast in Berlin und also Gast des DAAD ist der große alte Mann der litauischen Lyrik Tomas Venclova.


Inhalt

  50 Jahre LCB - Inmitten der Literatur  
Roland Berbig Bachmanns Gesetz, Hacks'
Sorgen und Unselds Paradiese
130
Hans Christoph Buch Carmerstrasse 4,
November 1963
148
Rosemarie Tietze Vor uns die Sintflut 153
Michael Braun "Dass wir sichtbar werden" 158
Matteo Galli Jahrestage 167
Jens Bisky Über den Umbruch hinweg lesen

176

Kathleen Hildebrand Wie ich ein altmodisches Mädchen wurde 181
Jürgen Jakob Becker Kleine Chronik des Literarischen Colloquiums Berlin 185
     
  Auf Tritt Die Poesie  
Volker Sielaff In der Luft von Europa 256
Rumiana Ebert Gedichte 258
     
  Zu Gast in Berlin  
Tomas Venclova Gedichte 263
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