Nr. 210, Juni 2014


Editorial

Ein deutsches Sprichwort lautet „Geld regiert die Welt“. Seit der Finanz- krise 2007 scheint dieser Satz noch wahrer zu sein. In Europa hat sich durch die sich aufschaukelnde Währungskrise der Eindruck verstärkt, alle Politik kümmere sich nur noch um das Geld. Zu was das führt, kann man unter anderem an der Ambivalenz sehen, mit der sich die Deutschen gleichzeitig vor einer Inflation und einer Deflation fürchten. Aber was ist das eigentlich: Geld? Was ist es mehr als die Konvention, ein Stück Papier gegen 1 kg Kartoffeln einzutauschen. Geld ist wichtig für ganze Volks- wirtschaften, aber auch für Individuen. Um des Geldes wegen trennen sich Paare, wird gemordet und geraubt. Es ist Anreiz zu Höchstleistungen im Sport oder für Manager. Die einen schaffen dafür den Müll weg, andere gehen dafür als Söldner in den Krieg oder prostituieren sich auf der Straße. Zweifellos ist es schlichte Notwendigkeit Geld zu besitzen, flüssig zu sein, einen Spargroschen auf der Bank zu haben. Andererseits kann man durch Besitz auch zum Spießer werden. Und Autoren sorgen sich gerade um die Bedingungen des Urheberrechts in einer sich radikal verändernden Welt des Publizierens. Geld regiert die Welt war das Thema des diesjährigen Autorenspecials, das von der Leipziger Buchmesse und dem Literarischen Colloquium Berlin für das Café Europa in Messehalle 4 organisiert wurde. Sechs europäische Autoren haben wir gebeten, zu diesem Thema einen Essay zu verfassen. Fünf haben das getan: Sergej Lebedew, (Russland), Jonas Lüscher (Schweiz), Tim Parks (Großbritannien/Italien), Ricardo Menéndez Salmón (Spanien), Szczepan Twardoch (Polen) – und als sechste hat Ulrike Draesner eine Erzählung zum Thema geschrieben. Das Heft beginnt mit dem Vorabdruck eines Kapitels aus dem neuen Roman „Pfaueninsel“ von Thomas Hettche. Dazu drucken wir – Schau- platz bleibt Berlin-Brandenburg – eine Passage aus dem Umfeld des Romans „Vor dem Fest“ von Saša Stanišic?, eine Passage, die dem Autor zwar am Herzen liegt, aber dann doch nicht Aufnahme in den Roman fand. Schließlich findet sich noch ein Beitrag von Gert Loschütz, den er als Katalogtext für seinen Freund Claus Bury geschrieben hat und der recht eigentlich eine Erzählung ist. Anschließend drucken wir unsere Kolumne Auf Tritt Die Poesie, in der Volker Sielaff den kroatischen Dichter Branko C?egec vorstellt. Darauf folgen neue Gedichte von Tadeusz Da?browski. Den Abschluss des Heftes bildet die von Lothar Müller gehaltene Laudatio auf Hans Joachim Schädlich anlässlich der Verleihung des Berliner Literaturpreises am 26. Februar im Berliner Roten Rathaus.


Inhalt

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Thomas Hettche Feuerland 142
Sasa Stanisic Die Alten 155
Gert Loschütz Landschaften 161
 
­Geld regiert die Welt­
Ulrike Draesner Die Habseligkeit 166
Sergej Lebedew Von Rubel und Dollar, von Bernstein und Gold 180
Jonas Lüscher Über Geld 188
Ricardo Menendez Salmon Über den Kapitalismus als Religion 199
Tim Parks Geld macht einen Mann sichtbar 209
Szczepan Twardoch Wunderwirtschaft 220
 
­Auf Tritt Die Poesie­
Volker Sielaff Schwebende Pilze und historische Sonnenblumen 230
Branko Cegec 20th Century, Fox 232
Tadeusz Dabrowski Neue Gedichte 236
Lothar Müller Gib ihm Sprache. Laudatio auf Hans Joachim Schädlich 243
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