Nr. 212, Dezember 2014



Editorial

Eine der wundersamsten Erscheinungen im Literaturbetrieb ist, dass bei offen ausgeschriebenen Wettbewerben zur Lyrik ungeheuer viele Ein- sendungen zu erwarten sind. Im Gegensatz dazu besteht – auch für her- vorragende – Lyriker das größte Problem darin, eine verlegerische Heimat zu finden. Wenn es nicht Kleinverlage gäbe, die es sich unter selbstaus- beuterischen Bedingungen zur Aufgabe gemacht haben, zeitgenössische Dichtung zu verlegen, würden kaum zwanzig Lyriker in diesem Land er- scheinen. Für Literaturzeitschriften, die ja auch nur noch unter Arten- schutz existieren, ist es dagegen ein Glücksfall, der Dichtung immer wie- der Freiräume einräumen zu können. Weil die Dichter wiederum von ihren Büchern, die kaum gedruckt werden, nicht leben können, braucht es Literaturpreise, die jenseits des Marktes rettend eingreifen. In diesem Heft finden sich Texte, die anlässlich dreier völlig verschiedener Literaturpreise entstanden sind. Einer davon, der Oskar-Pastior-Preis, ist dezidiert für ein dichterisches Lebenswerk ausgeschrieben. In diesem Jahr wurde Marcel Beyer mit ihm ausgezeichnet. Wir drucken die Laudatio von Christina Weiss auf den Preisträger und die Dankesrede des Geehrten, der seine atemberaubenden Pastior-Lesarten schildert. Zum zweiten drucken wir die Laudatio auf Werner Fritsch, der im Mai die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung in Weimar bekommen hat. Fritsch arbeitet an einem mo- numentalen Filmprojekt, „Faust Sonnengesang“, das er selbst als Film- gedicht beschreibt. Der Italo-Svevo-Preis dagegen ist für Prosaschreiber reserviert. Wir dokumentieren Holger Helbigs Lobrede auf Jochen Miss- feldt. Aber der Schwerpunkt in diesem Heft ist die Lyrik. Daniel Graf hat einen Aufsatz über Wiesel und Esel verfasst, in dem er uns die Dichtung von Uljana Wolf und Ulf Stolterfoht näherbringt. Von Ulf Stolterfoht drucken wir dazu neue Gedichte aus dem Zyklus neu-jerusalem. Von Vol- ker Sielaff präsentieren wir neue Gedichte und von Ginka Steinwachs Szenen aus Berlins neuer Mitte. Schließlich blicken wir über die Grenzen: Es sind Gedichte des polnischen Dichters Jarosław Mikołajewski zu ent- decken. Dank des Übersetzers Axel Sanjosé können wir einen der wich- tigsten Lyriker Katalaniens des letzten Jahrhunderts, Joan Vinyoli, vor- stellen.

Die Abteilung Auf Tritt Die Poesie besorgt dieses Mal Matthias Göritz, der zusammen mit Uda Strätling Gedichte von Mary Jo Bang übersetzt hat und in ihre Poesie einführt.

Herausgeber und Redaktion


Inhalt

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Über Lyrik­
Marcel Beyer Oskar Pastior:
Angst macht genau
390
Christina Weiss Mutmaßungen von Geschichte
Über Marcel Beyer
405
Daniel Graf (wi)eselkunde 414
Ulf Stolterfoht neu-jerusalem III: 427
Thomas Geiger Werner Fritsch: Von der Wondreb in die Welt 436
Jaroslaw Mikolajewski Gedichte 443
Volker Sielaff Neue Gedichte 450
Joan Vinyoli Gedichte 455
Ginka Steinwachs Berlin Evergreen 464
Ginka Steinwachs Frag nicht Google, Frag mich 469
 
Auf Tritt Die Poesie­
Matthias Göritz Zum Gedichtband Elegie von Mary Jo Bang 472
Mary Jo Bang Elegie 475
Holger Helbig Seht, so ist es 491
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