Nr. 214, Juni 2015



Editorial

„Die Kommenden? Deutschsprachige Literatur der Mauerrisse. Poesie,
Prosa, Poetik 89“ – so war das September-Heft 1989 dieser Zeitschrift
überschrieben. Junge Autoren um die dreißig aus der Bundesrepublik, aus
der DDR, Österreich, der Schweiz, aus Südtirol, Rumänien und
Luxemburg stellten wir damals mit ihren Texten vor. Dass sich die Mauerrisse
zu einem europaweiten einzigen Mauerriss verstärken sollten, wusste
damals noch keiner, aber dass Risse in Sprachmauern die Verhältnisse
zum Tanzen bringen können, das glaubten wir damals schon. Die Zeiten
heute sind nicht ganz so bewegt, aber natürlich schreiben auch die heute
Dreißigjährigen immer noch Literatur. War Berlin, richtiger noch West-
Berlin, Ende der achtziger Jahre noch eher zentrale Randlage, so ist es
heute nicht nur Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschland, sondern
auch der vitalste Ort des literarischen Lebens im deutschsprachigen Raum.
Unzählige Autoren sind, so sie nicht schon hier lebten, in die Stadt
gekommen, sei es wegen der vielfältigen Kontaktmöglichkeiten zu Verlagen
und Kritikern, der zumindest bis vor kurzem günstigen Mieten oder
auch der verhältnismäßig guten Förderungen für Autorinnen und Autoren
in der einst geteilten Stadt. Den Schwerpunkt in diesem Heft bilden
also Texte jüngerer Autoren, die von Martin Bruch und Ann-Christin
Bolay ausgewählt wurden. Beide sind als Literaturvermittler tätig, beide
arbeiten sie für das Freiburger Literaturbüro und beide sind im Moment
vor allem damit beschäftigt, ein Literaturhaus in Freiburg auf die Beine zu
stellen. Wir haben sie aus zwei Gründen ausgewählt, zum einen suchten
wir Generationsgenossen der Autoren, und zum anderen sollten die Gastherausgeber nicht aus Berlin sein, sondern von einem anderen Ort aus die
Szene beobachten. Im Wissen um die Unmöglichkeit, einen repräsentativen
Überblick wie diesen zusammenzustellen, haben sich Ann-Christin
Bolay und Martin Bruch auf Autorinnen und Autoren beschränkt, die
bisher noch nicht in Sprache im technischen Zeitalter veröffentlicht haben.
Selbstverständlich gilt auch hier: Keine Regel ohne Ausnahme! Wir bedanken
uns hiermit für die gelungene Auswahl.
Aber natürlich drucken wir auch weitere Texte in dieser Ausgabe. In
„Auf Tritt Die Poesie“ bringt uns der Dresdener Dichter Volker Sielaff die
mazedonische Dichterin Verica Tričković näher. Dazu gibt es noch zwei
Texte zur Poesie: Theresia Prammer hat einen Essay zu Tadeusz Dąbrowski
geschrieben, und Michael Braun sprach mit Nico Bleutge über die Bedeutung
der Bildenden Kunst für seine Dichtung.

Inhalt

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Nico Bleutge/Michael Braun Honigwarme Pupillen.
Poesie und Bildende Kunst.
114
Theresia Prammer Wissen, was wirklich ist 125
 
Auf Tritt Die Poesie­
Volker Sielaff Zwischen zwei Sprachen schaukeln 134
Verica Trickovic Gedichte 136
 
Lern mit meinen Echos rechnen – Neue Texte­
Ann-Christin Bolay/Martin Bruch Vorwort 145
Katharina Schultens Gedichte 147
Thomas Pletzinger Das leicht fransige Orange des Seils 155
Andreas Stichmann Dinge der Liebe 160
Nadja Küchenmeister Neue Gedichte 165
Nora Wicke Über die Verhältnisse 171
Verena Roßbacher Ich war Diener im Hause Hobbs 180
Per Leo Haus ohne Vordertür 191
Ann Cotten Verbannt 201
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