Nr. 218, Juni 2016



Editorial

Das Phänomen Migration begleitet die Menschheit seit ihren Anfängen. Immer wieder kommt es zu Verschiebungen ganzer Bevölkerungsgruppen. Man muss nicht bis zu den Tagen der Völkerwanderung zurückgehen, allein im Mitteleuropa des 20. Jahrhunderts gab es verschiedene große Migrationsbewegungen. Vor dem Ersten Weltkrieg kamen viele Polen oder polenstämmige Arbeiter in das Ruhrgebiet. Viele europäische Juden flohen vor dem Naziwahnsinn nach Amerika und vor allem nach Palästina. Im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg kam es zu gewaltigen Umsiedlungen von Ost nach West. Mit dem Wirtschaftswunder in der alten Bundesrepublik folgten die sogenannten Gastarbeiter und noch in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts kamen Flüchtlinge vom Balkan, um sich vor den damaligen Kriegen in Ex-Jugoslawien in Sicherheit zu bringen. Und trotzdem scheint die Völkerwanderung, die sich im letzten Jahr auf der Balkanroute nach Nordwesten bewegte, eine neue Dimension erreicht zu haben. Einmal durch die schiere Zahl der Flüchtlinge, die sich auf den Weg machten, aber auch weil die Menschen nicht nur aus einem Land kamen, sondern aus einem Raum, der sich von Syrien bis nach Pakistan erstreckt und vom Maghreb bis weit nach Afrika. Die so oft beschworene Globalisierung bekam plötzlich Gesichter, die bis in die kleinsten Gemeinden in Mitteleuropa sichtbar wurden. Im Rahmen des Mittelmeerprojekts „Das weiße Meer“, das getragen von der Allianzkulturstiftung und dem Literarischen Colloquium seit 2012 abwechselnd in Berlin und einer Mittelmeeranrainerstadt durchgeführt wird, baten wir im letzten Herbst sechs Autoren aus Syrien, Griechenland, Serbien, Ungarn, Slowenien und Deutschland, einen Erfahrungsbericht aus ihren Ländern zu schreiben. Im Februar waren die Schriftsteller dann zu einer Diskussion in das LCB geladen. Die jeweils sehr subjektiven Beiträge drucken wir in diesem Heft ab – durchaus im Bewusstsein, dass es mittlerweile auf ihre Weise schon wieder historische Texte sind.

Dazu gibt es neue Prosa von Peter Schünemann, Albrecht Selge und Beate Meierfrankenfeld. In „Auf Tritt Die Poesie“ stellt Volker Sielaff den tschechischen Zbynek Fiser vor. Darüber hinaus haben wir noch zwei Dichter in diesem Heft: Jürgen Ritte hat Gedichte des Pariser Schriftsteller Emmanuel Moses übersetzt und führt kurz in sein Werk ein. Stefan Sprenger gratuliert Richard Pietraß zum 70. Geburtstag. Der Jubilar überließ uns gerne einige neue Gedichte zum Abdruck.


Inhalt

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Odyssee nach Europa­
Zsofia Ban To be at Sea 134
Amanda Michalopoulou Europäischer als wir 138
Ales Steger Nichts wird so sein, wie es früher war 142
Vladimir Arsenijevic Die Übermacht der menschlichen Güte 145
Rasha Abbas Das weiße Meer 149
Ingo Schulze Zwei, die reden 153
Stefan Sprenger Dass der Mensch der Stil sein möge 159
Richard Pietraß Gedichte 166
Albrecht Selge Bagatelle 172
Peter Schünemann Der verlorene Abschied 177
Peter Schünemann WinterLand 189
 
Auf Tritt Die Poesie
Volker Sielaff Wanderer, kommst du nach Trauerland 199
Zbynek Fiser Gedichte 201
Jürgen Ritte »ganz schön frech unser Dichterkollege...« 211
Emmanuel Moses Gedichte 213
Beate Meierfrankenfeld Wald, Juni 228
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