Nr. 228, Dezember 2018


Editorial

Im Zentrum dieses Heftes steht Imre Kertész (1929–2016), geboren ausgerechnet an einem 9. November, jenem Tag also, an dem mehrmals im 20. Jahrhundert deutsche Geschichte geschrieben wurde: am 9. November 1918 endete das Kaiserreich und Philipp Scheidemann rief die Republik aus, an einem 9. November im Jahr 1938 stürmte der Nazi-Mob Synagogen und jüdische Geschäfte und an einem 9. November im Jahr 1989 tanzten die Berliner auf der Mauer, dem Symbol des Kalten Krieges. Imre Kertész’ Leben war auf denkbar schicksalhafte Weise mit Deutschland verbunden. Als 14-jähriger wurde er aus Ungarn nach Auschwitz deportiert, er blieb bis zu seiner Befreiung am 11. April 1945 in verschiedenen deutschen Lagern in Haft. Danach lebte Imre Kertész in Budapest, seit Mitte der Neunziger auch immer wieder für längere Zeit in Berlin. Hier verkehrte er mit Freunden und Kollegen, von hier aus gingen seine Bücher in die Welt. In der Akademie der Künste Berlin befindet sich sein Nachlass, so war es naheliegend, in Berlin und an der Akademie, deren Mitglied Imre Kertész war, das erste große ihm gewidmete Symposium nach seinem Tod zu veranstalten. Es fand vom 12. April bis 14 April 2018 am Pariser Platz unter dem Titel „Holocaust als Kultur – Zur Poetik von Imre Kertész“ statt. Angeregt hatte es die Biografin von Imre Kertész, Irene Heidelberger-Leonard. Neben Podiumsdiskussionen und Lesungen gab es zahlreiche Vorträge, die wir hier fast alle dokumentieren. Neben Irene Heidelberger-Leonard (London) gilt unser Dank vor allem Jörg Feßmann, dem Sekretär der Sektion Literatur, der das Symposium ganz zu seiner Sache gemacht hat. Beide haben es ermöglicht, die Beiträge der Tagung hier zu veröffentlichen. Ein besonderer Dank gilt der „Bundeszentrale für politische Bildung“, die nicht nur das Symposion, sondern auch den deutlich größeren Umfang dieser Ausgabe von Sprache im technischen Zeitalter ermöglichte.

Im Anschluss drucken wir in unserer Reihe Auf Tritt Die Poesie die „Winternotate“ des in Russland geborenen und seit seinem vierten Jahr in New York lebenden Dichters und Mitbegründers der Ugly Duckling Press Matvei Yankelevich. Matthias Göritz, selbst Lyriker und Co-übersetzer dieser Gedichte, führt in Werk und Leben des Poeten ein.

Dorian Steinhoff und Thorsten Dönges versammeln seit einigen Jahren Schriftstellerinnen und Schriftsteller, unterstützt von der Kunststiftung NRW, unter dem Titel Atelier NRW, um sowohl über Texte als auch das Schreiben an sich zu reflektieren. Im letzten August trafen sich erneut drei Autorinnen und drei Autoren im Eifelkloster Steinfeld. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hielten Impulsvorträge zu poetologischen, sozialen und literaturbetrieblichen Fragestellungen, die im Anschluss der Tagung zu kurzen Essays führten, die wir in diesem Heft vorstellen.


Inhalt

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„Holocaust als Kultur“ – Zur Poetik von Imre Kertész­
László F. Földényi Das heimliche Leben des Imre Kertész 368
Irene Heidelberger-Leonard Imre Kertész: „Der Holocaust als Kultur“ 380
Christina Viragh Ohne Schicksal sein 390
Sabine Wolf Ein Leben in Schrift 402
Katalin Madácsi-Laube Vom „Muselmann“ zum „Schicksallosen“ 412
Gerhard Scheit Ästhetische Form und Opfer-Täter-Verhältnis 425
Leonard Olschner Fortleben der Sprache „nach“ Auschwitz 436
Dietmar Ebert Der Schlüssel zur siebten Tür 449
Lothar Müller Ungunst und Augenblick 460
Rüdiger Görner Amor Fati contra Schicksallosigkeit 470
Irmela von der Lühe „... endlich lese ich den Doktor Faustus“ 482
Irene Heidelberger-Leonard Imre Kertész im Dialog mit Jean Améry 494
Iris Radisch Der funktionale Sisyphos 503
Peter Gülke „Sind Gefühl, Schicksal und Wahrheit endgültig ausgestorben?“ 511
 
Auf Tritt Die Poesie­
Matthias Göritz Es sind die einfachen Dinge 523
Matvei Yankelevich Winternotate 526
 
Atelier NRW­
Dorian Steinhoff Den Fragen gemeinsam nachspüren 538
Martin Becker Kafka. Beckett. TKKG. 541
Joachim Geil Irritierende Fiktionen 549
Selim Özdogan Sieben Schwierigkeiten und einer der immer schmaler werdenden Pfade 556
Angela Steidele Auf dem Weg zu einer Poetik der Biographie 568
Karosh Taha Der Raum im Roman ist ein Miterzähler 574
Julia Trompeter Emanzipatorische Literatur in Zeiten von #MeToo 581
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