C. D. Wright

Ein Großes Selbst

Aus dem Englischen von Matthias Göritz

(aus Heft Nr. 216, S. 494)

Matthias Göritz

C. D. Wright – Ein Großes Selbst

Eines der gewagtesten und am kontroversesten diskutierten Bücher der amerikanischen Lyrikerin C.D. Wright trägt den Titel „One Big Self“, „Ein Großes Ich“ oder „Ein großes Selbst“. Es ist ein vielstimmiger Versuch die Insassen verschiedener staatlicher Gefängnisse in Louisiana in Gedichten sprechen zu lassen. Die Neuausgabe der Texte aus dem Jahr 2007 trägt den Untertitel „An Investigation“.

Zum Begriff Untersuchung: Ärzte untersuchen, Philosophen untersuchen, der Automechaniker untersucht. Doch viel weiter gefasst sind die dichterischen Untersuchungen, welche die menschliche Natur, die Sprache und das eigene Ich zum Gegenstand haben.

Selten sind solche Untersuchungen im Gedicht so visuell und körperlich so intensiv geführt worden, wie in den Gedichten von C. D. Wright. Was andere Dichter an C. D. Wright lang schon bewundern ist die Kompaktheit mit der ihre kraftvolle Sprache, die so direkt von den Dingen zu sprechen scheint, Widerhaken setzt.

Wrights Stil hat sich von Buch zu Buch entwickelt, verwandelt könnte man sagen. Anfänglich ein zurückgenommener, surrealistisch-abstrakter Ton, in dem Trauer und Erinnerung nahezu zur Einkapselung führen, hat sie sich in späteren Gedichten neu erfunden, neue Wege über Körper, Sex und Begehren zu schreiben, „new ways of moving under my dress“, wie es in einem Gedicht heißt. Ohne Wright auf das oft mythisch überhöhte Sprechen von einer „weiblichen Schrift“ festlegen zu wollen, zeigen doch viele Gedichte, wie Worte Fleisch werden, wie das Sichtbare ins Sagbare eindringt, und sich doch nicht, wie viele Versuche einer ecriture feminine, mit Regelverletzungen, dem Bruch mit der Unterwerfung unter grammatische (und politische) Ordnung, der Verweigerung von Narration zugunsten größerer Ambiguität, zufrieden gibt. Wrights Schreiben folgt vielmehr einem eher traditionellen Argument, wie jenem, das William Gass in dem großartigen Aufsatz „On being blue“ entwickelt, und demnach wirklich erotisches Schreiben sich mehr um die Worte als um die Personen, die Handlungen oder Haltungen drehen. „Wirkliche Sexualität“, so Gass, „ist in der Literatur – Sex als positive ästhetische Qualität verstanden – nicht irgendeiner Szene oder einem Thema zuzuschreiben...sondern dem auf dem wohlvollzogenen Liebesakt auf dem Papier und dessen Konsequenzen, vollzogen am Medium, das dem Schriftsteller angehört.“ Sex ist also, wen wundert’s, eine Sprache. Und genau auf diese Akte des Körperlichen und des Schreibens zielen C.D. Wrights Gedichte. Sie verwandeln Verwundungen, Verluste in einen feierlichen Moment des Gerade-Jetzt-Geschehens. Vor den Augen des Lesers, ja, manchmal, so scheint es, auch vor denen der Dichterin.

Vertrau dem haptischen Sinn

Das muss eine Wassermelone sein.
Das meine Hand, das deine.
Das ist die Ferse eines Fußes. Nein, eine Kartoffel,
das ist eine Kartoffel, Baby.

Wrights Verse arbeiten an einer Befreiung von den Fesseln des kodifizierten Erinnerns, sie machen sich fest an einem Moment, wo die Stimmung, die gerade erzeugt wurde, bricht. Wo Wörter, Handlungen und Situationen auftauchen, wo eine Gleichzeitigkeit des Bewusstseinsstroms entsteht, die überrascht. Die dem Leser, wie in dem schönen Gedicht String Light, anbietet, aus vielen Attributen ein Porträt zu bauen, ein Selbst, das genau so viel von C. D. Wright zu tragen vermag, wie es unser Begehren zeigt, doch irgendwie ein spezifisches Selbst zu sein. „Poems are my building projects“, „Gedichte sind meine Bauvorhaben“, schreibt C.D. Wright als poetologisches Vorwort in einer gerade in Slowenien anlässlich ihres Ehrengastauftritts beim Lyrikfestival „Poesie und Wein“ in Ptuj erschienen größeren Auswahl ihrer Gedichte („Skritost“, Beletrina 2015). Und weiter: „Ich bewohne sie eine Zeit lang, bis alle Ecken ausgeleuchtet sind, dann ziehe ich aus, nehme das mit, was ich nach meinem Dafürhalten brauche, um neu anzufangen.“

Ausleuchten – das ist ein schöner Begriff, verweist er doch auf das präzise, filmische Auge, mit dem man sich in den Gedichten Wrights immer wieder konfrontiert sieht.

„Niemals die Augen abwenden.“ (Kurosawa).


Ein Foto ist eine Schrift aus Licht. Photo Graphein.


C. D. Wright hat mehrfach mit der preisgekrönten Fotografin Deborah Luster zusammengearbeitet, unter anderem auch für das Buch „One Big Self“, „Ein Großes Selbst“, für das die beiden Künstler staatliche Gefängnisse in Louisiana besucht haben. Herausgekommen ist ein faszinierender Foto-/Gedichtband mit von ihnen selbstinszenierten Porträts der Insassen, Frauen und Männer, und Texten, die aus unterschiedlichen Stimmen, Briefen, Fragmenten von Gefängnisspielen, Fakten, den Codes der Insassen und Wärter und zahlreichen Inventuren bestehen. Das Buch wurde 2003 von der New York Times und der Village Voice völlig zurecht zum „notable book of the year“ gewählt. Wright beschreibt in ihrem Vorwort ihren Ansatz:

„Nicht idealisieren, nicht urteilen, nicht freisprechen, nicht die unermesslichen Schichten des Schmerzes ästhetisieren. Nicht dämonisieren, nicht verfluchen. Was ich wollte war ganz unzweideutig das wirkliche Gefühl einer harten Zeit darzulegen.“

C.D. Wright lebt mit dem Dichter Forrest Gander außerhalb von Providence, Rhode Island, wo sie an der renommierten Brown University Literatur und Schreiben unterrichtet. Geboren und aufgewachsen ist sie 1949 auf dem Land, in Mountain Home in Arkansas. Dass die Leute in Arkansas, besonders in den Ozarks, eine Tradition des Individualismus pflegen, der die Zugehörigkeit zu jeder Gruppe, egal ob sie die Politik, die Religionszugehörigkeit oder den Lebensstil betrifft, hinterfragt, allein deshalb unterscheiden sich ihre inzwischen 14 Gedichtbände erheblich voneinander; bis in die Interpunktion hinein. Immer wieder taucht in den Rezensionen und Laudationes auf ihr Werk der Begriff von „echter Originalität“ auf. Sie sei eine „ganz eigene Dichterin“. Das stimmt. C. D. Wright hat einen Weg gefunden die Fragmente eines ikonischen Amerika mit einer luziden und frischen Sprache zu verbinden, die mit Ironie und Leidenschaft die immer gefährdete Schönheit unserer körperlichen Existenz erlebbar macht.

Für ihr Werk wurde C. D. Wright mit zahlreichen Preisen und Ehrungen ausgezeichnet, unter anderem mit einem Fellowship der Guggenheim Foundation und zwei Fellowships vom National Endowment for the Arts, sie war für fünf Jahre State Poet of Rhode Island und erhielt das prestigeträchtige Mac Arthur Stipendium. Ihre zuletzt veröffentlichten Gedichtbände gewannen den Griffin Poetry Prize und den National Book Critics Circle Award. Gelebt und gearbeitet hat sie unter anderem in Memphis, Fayetteville, San Franzisco, New York, Atlanta und Mexiko City.

C. D. Wright

Ein Großes Selbst

Gefängnis Städte Gefängnis Motels Gefängnis Filme
Gefängnis Bücher Gefängnis Träume
Stimmen in der Lüftungsanlage
Häftlings Hass Häftlings Schweiß Häftlings Stimmen im Toilettentank Diese Zelle dein Haus; dieses Grab dein Garten

Mack fing eine Spinne Hielt sie im Pfefferglas Nannte sie Iris
Fing Kakerlaken für sie Er liebte Iris
Als sie starb
Schrieb er ihr einen Brief

Nach dem Hausbrand

Zähl deine Kinder
Zähl sie nochmal
Zähl die Gründe auf warum du überhaupt existierst Zähl deine Cents
Zähl die Tage bis zu deinem nächsten Gehalt
Zähl die Stapel in deinem Hinterkopf
Zähl die Irrwege auf wie du hierher kamst

Übers Private

Am Telefon erzählte er seiner Schwester
Dass er Streifen einer Plastiktüte vor sein Bett gehängt hatte
Und sich einbildete er wäre auf seinem Schiff
Und das Spülen seines Zellengenossen, das Polarmeer

Zähl deine Finger
Zähl deine Zehen
Zähl deine Nasenlöcher
Zähl dein Sei-dankbar-dafür
Zähl deine Sterne (glücklich oder nicht)
Zähl dein Kleingeld
Zähl die Autos auf der Kreuzung
Zähl die Meilen bis zur Staatsgrenze
Zähl die Zecken, die du aus dem Hund gezogen hast
Zähl deine Schwielen
Zähl deine Muscheln
Zähl die Spitzen an Geweihen
Zähl Schlüssel beim Neuen
Zähl deine Karten; misch sie nochmal

Körpersprache

Was sagt das Tattoo
Das ist der Name meiner Liebsten
Was ist der Name deiner Liebsten
UTOPIA

Ist dies das Tattoo, das Utopia aussagt
Nein, das ist das Tattoo das sagt Echte Kerle lecken Muschis
Ich hätte dich warnen können, nicht zu fragen
Drosselte die Drosselvene
Der Jury kollektives Erschauern
Benimm dich, sagte er ich, bevor er ihr den Nacken rasierte
Es ist nicht so sehr die Bedeutung der Trauer und ihrer Schönheit
sondern vielmehr wie die Dinge weitergehen, was mich beeindruckt
Die alten dreckigen-Wort-Tattoos, befleckt mit verwackelten Vögeln
Während des spirituellen Banketts mit dem Priester im Todestrakt
sind die Männer nur an den Füßen gefesselt
Und wenn man sich in diesem Raum mit all den Familientischen umsieht
es könnte überall sein
Ja, da gibt es eine Frau im Trakt
Ich erinnere mich sie hat ihren Partner getötet
Und ich erinnere mich nicht mehr, wen sonst
Wenn sie ihren Gang macht ist der Hof leer Dann kommt der lang erwartete Brief
der das Datum und die Zeit der Exekution festsetzt
für den verdammtnochmal falschen Mann
Ohne Scheiß
Komm näher da ist keine Leere
Ja, sehr bitter jeder Bissen bitter

Tag ist lang
Nacht geht vorbei
Mit oder ohne Regen
Den wir so brauchen

Zähl deine grauen Haare
Zähl deine Krätze
Zähl deine Pillen
Zähl die Male die dein Telefon bimmelt
Zähl deine T-Zellen
Zähl deine Moskitostiche
Zähl die Tage seit deiner letzten Menstruation
Zähl die Hühner die du verspeist hast
Zähl deine Geschwüre
Zähl die Sturmkerzen
Zähl deine Wundnähte
Zähl deine gebrochenen Knochen
Zähl die Fliegen, die du vorm Mittag gekillt hast
Zähl Köpfe. Zähl die von Männern. Zähl die von Frauen.

Fünf mal wird durchgezählt im Zellblock oder am Arbeitsplatz. 4:45 erste Zählung am morgen. Ich/männl. muss mich hinstellen für den Apell. Das Durchzählen dauert, solang wie es dauert. Der Kontrollraum weiß, wie viele Leute in welcher Zone sein sollten. Keiner bewegt sich von Zone A in Zone B ohne dass Kontrolle das weiß. Wenn ich/männl. beim Apell auffalle wird ich/männl. aufgeschrieben. Drei Einträge und ich/männl. geht in Einzelhaft. Bist du in Einzelhaft, musst du deine Sachen abgeben: Plastikseifenschale, Dose Vaseline, Kamm oder Haarkrampe, Taschenbuch Wenn du zu deiner Einheit zurückkehrst, gibt dir der Inventarbeamte deine Sachen zurück: Seifenschale, Vaseline, Kamm, Haarkrampe, Taschenbuch Bei Entlassung bekommst du deine Besitztümer: Seifenschale, Vaseline, Kamm, Krampe, Buch Und dann kann die wahre Freude beginnen

Vertrau dem haptischen Sinn

Das muss eine Wassermelone sein.
Das meine Hand, das deine.
Das ist die Ferse eines Fußes. Nein, eine Kartoffel,
das ist eine Kartoffel, Baby.
Das ist eine Schaufel.
Das ein Pump.
Das Radio. Die King James Bibel. Rosen,
die sind aber künstlich.
Das ist meine Lieblingsgitarre.
Ich habe sie in Downtown Macon gekauft 19hundert und 42.
Das sind deine preisgekrönten Pfauenhennen, die kenn ich.
Wo ist Becky hin.
Zwischen dem h und dem i.
Hühnerherzen sind gut für die Augen. Viel Zink.
Mmmhmm.
Vitamin A hilft deiner Retina, sich einzustellen.
Möhren und Tomaten sind gut, Spinat, Süßkartoffeln, Kürbis.
Mmmhmm. Komm setz dich zu mir
auf diese Plastikcouch.
Lass mich den Arm hier oben hinlegen.
Lass mich auf meine gute Seite rutschen.
Lass mich mal sehen, wie groß du bist.
Lass mich deine Kniescheibe drücken.
Lass mich dieses samtige, feuchte Zeug inspizieren. Uhuuh.
Komm mein feuriger Strahl,
kennst du die vier Zonen der Kapitulation.
Ich glaube ich riech einen
Hahn auf dem Feuer. Mmmhmm.
So merke ich, dass das Gefühl der Jugend zurückkommt.
Hör dem Blinden zu, wie er sagt, er riecht den Hahn auf dem Feuer.

Wie etwas in seiner Handschrift

Damals war es wärmer.
Nein, war es nicht, es muss kühler gewesen sein, bedeckt.
Ein Park dort unten, in dem sich nie jemand traf.
Aber Männer wurden von ihren Hunden über die Pfade gezogen, die Spaziergänger angelegt hatten.
Und ein namenloser Fluss verspricht durch ein Foto von Bäumen eine nicht örtlich festgelegte Realität,
die schimmert im Augenblick ihres Verschwindens.
Sie kaufte das Bild, nahm es mit, befestigte es an der Gipswand,
an die jemand etwas mit Bleistift gekritzelt hatte,
was sie nicht entziffern konnte.
Das Ende eines weiteren Sommers wanderte über Hinterhöfe,
die weder umzäunt noch bewässert wurden.
Wenn es regnete, regnete es.
Und der Regen berauschte uns.
Ein gelbes Blatt segelte zu Boden
strahlte einen Tupfer Optimismus
durch die langsame Intensivierung der Farben in die untere Ecke des Morgens.

Inzwischen flossen die Autos beständig weiter die Closeburn Road herunter.
Der Refrain auf den Regen wäre eine Bewegung die Lichtschlüssel rauf und runter.
Chlorophyllwelt. Juli. Große Kelche Magnolienlicht.
Ihr Kopf zum Abkühlen gegen das Autofenster. Der Verstand begreift das weiße Klavier,
ihre Mutter. Die nur spielte, was sie wollte, die nur „Smoke Gets in Your Eyes“ spielen wollte.
Ein Stadion leert sich. Die rubinrote Prozession der Rücklichter. Die Fähigkeit des Auges, eine Reihe von Standbildern als kontinuierliche Bewegung zu sehen. Zeitsprung.
Das war kein Kino-Verkehr. Da waren nicht einmal zwanzig Leute gekommen, um sich Smoke anzusehen.
Am Drive-in. Als sie jung waren. Die Eltern jung waren. Die Kinder schiefen auf der Kühlerhaube mit dem warmen Motor. Überzogen sie mit den Zierschwänen ihrer Abdrücke. Das Privatleben des Filmvorführers: Schatten, die eine Wand beleben.
„Niemals die Augen abwenden.“ (Kurosawa)
Ein Foto ist eine Schrift aus Licht. Photo Graphein.
Stärker als die Magnolie vermisst man die Kreppmyrte. Besonders die weißen Büsche.
Gegen das undifferenzierte Dunkel. Es ist nicht wie die Nacht.
Sie wird noch auf sein, wenn wir nach Hause kommen. Unser fließender Gastgeber. Sie wird uns an der Tür erwarten in ihrem plissierten Nachtgewand. Uns einlassen in ihr klimaanlagengebauschtes Nachtgewand. Ihre gloriose Wolke.

String-Licht und Dinge, die sie über sich gesagt hat:
In manchen Nächten schlafe ich in Kleidern. Meine Zähne
sind klein und gleichmäßig. Ich bekomme nie Kopfschmerzen.
Seit 1971, oder noch länger, suche ich nach einer Bank,
auf der ich meinen Schmelzkäse in Ruhe essen kann.
Wenn das Tennessee wäre und über den Fluss Arkansas,
würde ich dich heute Nacht in West Memphis treffen. Wir hätten
eine großartige Zeit. Gefahr an sanfter Schulter.
Lüg nicht und nimm mich nicht als Stütze. Ich versuche noch immer,
Arbeit zu finden, für die eine einfache Maschine nicht besser geeignet ist.
Ich habe Leute gesehen, die für Geld gestorben sind. Wie Admiral Benbow.
Ich wünsche mir, wir wären wie bestimmte Fische mit Leuchtorganen ausgestattet.
Das erinnert mich an ein wenig bekannte Tatsache:
Wenn wir mit Lichtgeschwindigkeit reisen, wird dieser Dom
schrumpfen, während wir an Gewicht zulegen.
Ist diese Straße nicht buckelig und steil.
Bei so einer Nässe. Ich erledige Reparaturen nachts. Ich bin keine
von den Millionen, die Monroes Gesicht im Mond
gesehen haben. Ich fühle mich leer, wenn ich es sehe.
Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich in Hotels leben. Ich habe Preise
in Buchstabierwettbewerben gewonnen und im Kraulen. Langelange her.
Großmutter hat einen Mann namens Ivan geheiratet. Die Männer nannten ihn
Eva. Noch merkwürdiger, um die Wahrheit zu sagen, in Hundejahren bin ich schon weg.

(Aus dem Englischen von Matthias Göritz)