Nora Bossong

Gedichte

(aus Heft Nr. 183, S. 245-250)

Rattenfänger

Zwei Jungen traf ich
unterm Brückenbogen nachts,
die pinkelten den Pfosten an und
sagten, dass sie sieben seien,
sagten, dass sie Läuse hätten.
Sie lachten über mich, als ich
es glauben wollte. Nichts zu holen
außer Läuse, verriet der Kleinere.
Er zeigte aufs Gebüsch und trat
mir auf den Spann. Ich hätt mich gern
in ihn verliebt, so billig war
in jener Nacht sonst nichts mehr
zu erleben. Der Große fragte, ob es stimmt,
dass auch das Tier allein
nicht sterben kann. Es war
zu spät für Jungen unter dieser Brücke.

 

Geweihe

Das Spiel ist abgebrochen. Wie sollen wir
jetzt noch an Märchen glauben? Die Äste
splittern nachts nicht mehr, kein Wild,
das durch die Wälder zieht und das Gewitter
löst sich in Fliegenschwärmen auf. Gleichwohl,
es bleibt dabei: Das Jucken unter unsern Füßen
ist kein Tannenrest, kein Nesselblatt, wir folgen noch
dem Dreierschritt, den sieben Bergen und auch
dem Rehkitz Brüderchen und seiner Liebsten.
Erzähl mir die Geweihe an die Wand, erzähl mir
Nadeln in die Fliegen. Im rechten Moment
vergaßen wir zu stolpern.
Schneewittchen schläft.

 

Überläufer

Mit Großvater gingen wir am Kanal,
vorbei an Dohlennestern, Tannenzapfen.
Schneemädchen nannte er mich, mit ihr
sprach er nicht. Seine Schritte schielten.
Sie sagte: Fallsucht. Sie sagte: Nicht mal
gehen kannst du mehr. Was bist du noch?
Er sah mich an, er fragte: Mädchen, frierst Du?
Sie rief: Schneemädchen, Schneemädchen,
du totes Kind! Wie gut, dass wir nicht mehr
zusammen sind! Sie rief es und lief
in den Forst, in den Frost. Ihr Lachen,
Herabstauben des Schnees von Nadelzweigen.

 

Weyhe

Wie wir zuletzt mit Vögeln Riten feiern,
das Ministrantenkleid ein Oberhemd
mit Federn als Manschetten, es ist
so spät in dieser flachen Gegend – und alles
protestantisch, sagst du zu mir
und auch: wie jener Milan dort
im Sturzflug starb und auf dem Feld
ein Rest von Rauch, ein Sengen
in den Augen,
in den Venen.

 

Namen

Da war Wasser vielleicht, Hänge, Hänge, da war
der Moment eines Frühlings. Zierkirschen. Statuen.
Waldwege, zusammengestürzt im Märzsturm,
waren wieder begehbar, die Flächen steigend.
Kein Gebirgskamm, kein Obelisk: Ein Stein
mit Namen. Steigen, steigen, da war das Licht
eines Lastkahns im Abend, da waren die letzten
Passanten, auf Parkbänken hielten sie Flussschau.
Der letzte Regen im Mai, dünne Frische, hing
in den Kronen. Es verwuchs sich ein Frühling,
nicht tief, im Hang und nannte nichts.

 

Chitin

Es gibt auch andre Tiere, doch dieses,
die Beinchen angezogen, liegt so harmlos
im Schacht des Feuerzeugs, es hat
den besten Platz gefunden
für den Winterschlaf.
Nicht einmal zittert es, als ich
den Feuerstein dreh.
Das Gas noch kaum verbraucht.
Die Augen starr, die Augen nur Chitin.
Dies eingeschachtelte Insekt,
dort hinterlegt, wo ich schon nicht mehr
an dergleichen glaubte. Mir scheint jetzt,
sein Kopf ist ein Stückchen herausgekrochen.

 

Ararat

In diesem Sommer rann der Regen
über ganz Europa tropisch oder,
wie manche meinten, sintflutartig.

Wir sahen Wassermassen in den Straßen,
wir sahen versunkene Tiere,
phantastische Insekten,
all diese nichtüberlieferten Träumer,
hinabwirbelnd in Gullyschächte.

Uns beeindruckte das Wetter nicht.
Wir glaubten uns im Überstehen
auch biblischen Unheils fest gebucht.
Dem Phönix ähnlich, war jeder von uns
sich selbst ein Paar, und eigenartig.

Streitigkeiten überließen wir
den abstrakten Gestalten. Russland
war längst schon auf Arche-Exkursion,
derweil die Türkei es abwies,
den Ararat-Berg nach Osten zu schieben.

Wir blieben ungerührt, glaubten ja auch nicht
an das mit Armstrong. Der Sommer derweil
rann diskret dem Regen davon.

 

Schlaflied

Wir hören das Pochen der Heizung,
der Sarg steht vorne im Saal,
wir knien uns nieder, aber können
die Blumen nicht riechen, die Kränze,
die Bänder, die Mutter singt leise
ein Schlaflied und schaukelt
vor schaukelt die Mutter
zum Vater, zu den Bändern,
zur Ruhe in Frieden, sie singt
ein Schlaflied, Kindlein Schlaf,
die Augen zu müde zum Warten,
die Nacht nur gelegen und Morgen
früh, wenn Gott will, die Stimme
der Mutter, da war der Vater nicht tot,
er deckte mich zu vor dem Schlafen,
die Mutter singt, was sie jetzt singt,
mit Rosen bedeckt, die Narzissen
zu gelb für den Winter.