Nora Bossong

Namen

(aus Heft Nr. 183, S. 251-252)

In diesen Wochen erreichte mehrere Mitglieder meiner Familie ein und dieselbe Anfrage. Auf teils obskurem Weg hatte eine Holländer unsere E-Mail-Adressen in Erfahrung gebracht, um uns über die Herkunft unseres Familiennamens (der auch der seine war) auszufragen. Eine Zeitlang ignorierten wir den Mann, er ließ nicht locker und schließlich erklärte sich jemand bereit, ihm Auskunft zu geben.

Begeistert sei der Holländer gewesen, als er erfuhr, dass tatsächlich eine Verbindung zwischen ihm und uns bestand: Ja, damals, siebzehnhundert-irgendwas! In einem kleinen Ort namens A… kreuzten sich unsere Geschichten.

Das Erstaunliche an der Begebenheit ist, dass jemand, den auf normalem Wege niemand aus meinem Umfeld getroffen hätte, allein aufgrund einer Identität der Namen davon ausgeht, es müsse eine Verbindung zwischen ihm und uns bestehen, zudem diese Verbindung als so aufregend einschätzt, dass er zeitintensive Recherche auf sich nimmt. Somit wird von einer Identität der Benennung bzw. formalen Übereinstimmung auf eine inhaltliche Beziehung geschlossen.

Ein anderer Versuch, über Namen Verbindungen, im besten Fall Kommunikation herzustellen, stammt aus dem durch anonyme Korrespondenz verseuchten E-Mail-Verkehr. Da Betreffzeilen wie „Jessica wants you“ scheinbar rückläufige Erfolgsquoten erzielen, werden jetzt die Lockmittel in der Absenderadresse postiert. Mir ist nicht ganz klar, weshalb ich, selbst wenn ich die leichte Abweichung von der richtigen Schreibweise übersähe, Nachrichten von Nora.Bassong@xy.com öffnen sollte, da ich, wenn ich mir selbst etwas Wichtiges mitzuteilen habe, dies selten per E-Mail tue.

Beinah erfreut war ich deshalb, als ich eines Nachts im Spam-Ordner einen Absender fand, der nicht über oberflächliche Identität zu funktionieren versuchte, sondern mit inhaltlichen Anknüpfungspunkten operierte. War es auf der einen Seite unheimlich, dass jemand, der nur meinen Namen kennt, so viel über mich herausfinden kann, dass er meine Aufmerksamkeit durch das Pseudonym Ottilia.Poe@xy.com einzufangen hofft, so kann ich doch nicht leugnen, dass mir die Namensgebung selbst gefiel.

Der erste Fall, die Recherche des Holländers, kann, übertragen auf die Arbeit am Gedicht, vielleicht verglichen werden mit der Suche nach etymologischen Aspekten oder mit der Überlegung, dass ein Reim, also klangliche Übereinstimmung, auch eine inhaltliche Entsprechung haben könnte. Hier geht man vom Formalen aus und prüft, ob dem Formalen inhaltlich etwas entspricht.

Der zweite Fall, die Erfindung der Ottilia Poe, geht umgekehrt vom Inhaltlichen aus und konstruiert eine sprachliche bzw. formale Verbindung zweier inhaltlich in Beziehung stehender Aspekte, sei es durch Neologismus, Metapher, Arrangement im Gedicht, das Konfigurieren einer neuen E-Mail-Adresse oder Ähnliches.

Die Vorstellung, Verbindungen zu finden und damit etwas zu bewirken, scheint somit nicht eine rein artifizielle Technik des Gedichts zu sein. Vielmehr scheint sie auch in anderen Bereichen eine Faszination zu besitzen, der in einem Fall freiwillig ein Gutteil der Freizeit geopfert wird (hier die des Holländers), der im anderen Fall so viel Kraft zugetraut wird, dass sie zur Durchsetzung eines fragwürdigen Zwecks (hier das Übertragen eines Computervirus oder das Locken auf kostenpflichtige Internetseiten) eingesetzt wird.

Vielleicht gerade, weil ich merke, dass Form, Struktur und Technik ganz unterschiedlich benutzt werden können, durchaus auch für fragwürdige Zwecke, scheint es mir wichtig, nicht nur ein Bewusstsein von ästhetischen Mitteln zu haben und dieses stets zu reflektieren und auf ihre Zeitgenossenschaft zu prüfen, sondern zudem die Form nicht über den Inhalt zu stellen, die Struktur des Transports nicht über das Transportierte selbst.

Narration verknüpft inhaltliche Aspekte, sie montiert Gegebenheiten, sie kann Figuren, Anschauungen, Situationen gegeneinander stellen, kann inhaltliche Verknüpfungen erschaffen und integrieren. Sie ist damit eine Möglichkeit, Inhalt in den Vordergrund zu rücken (eine von vielen). Mit ihren eigenen Anforderungen, nämlich, dass sie einen Verlauf, eine Handlungsentwicklung verlangt, ist sie darüber hinaus aber auch eine Form der Organisation des Textmaterials. Und sie kann eine gute und scharfe Prüferin sein, welche Techniken ihr und dem Text gerecht werden.

Technik und Formwille scheinen mir, mit seltenen Ausnahmen, Voraussetzungen für die Qualität eines Textes zu sein. Aber sie sind kein universelles Wundermittel; durchaus kann es vorkommen, dass ein Überschuss an Technik der Qualität, oder anders ausgedrückt: dem Kern eines Textes sogar im Weg steht.

Über Mittel zu verfügen heißt eben auch, zugunsten des Textes auf sie verzichten zu können.