Michael Braun

Mein Kopf ist ein Wespenschwamm

Zwischen Zauberspruch und Palimpsest – der Dichter Norbert Lange

(aus Heft Nr. 185, S. 53-54)

Poesie ist ein von Geschichte durchwirktes Gewebe. Sie existiert nie als isoliertes Artefakt aus Wörtern, sondern ist als Sprachkunstwerk, mag es noch so innovativ sein, von Traditionen präformiert. In der Lyrik spürt man stets die Präsenz der ganz großen Vorbilder – als Unterton, Nachklang, Bildecho. So steht der zeitgenössische Dichter zwischen unterschiedlichsten Vor- und Nachläufern.

Einfacher gesagt: Wer schreibt, schreibt erst einmal ab. Wer schreibt, verhält sich zu bereits Geschriebenem – im Modus der Adaption, der Abstoßung, der Parodie, Pastiche, Kontrafaktur oder der Übermalung. „Zum Tagewerk eines Dichters“, so sagt es Joseph Brodsky, „gehört so die Abwehr der Schatten, deren Atem er heiß oder kalt im Nacken spürt.“

Der 1978 in Gdynia/Polen geborene Norbert Lange, der seit vielen Jahren in Leipzig lebt, sucht den intensiven Austausch mit diesen Schatten und Gespenstern der Tradition. Ihm geht es nicht um die „Abwehr“ der Ahnen, sondern um die Freilegung ihrer poetischen Energien – um dann durch deren „Fähigkeiten des Geistes“ die eigenen lyrischen Sageweisen zu dynamisieren. Norbert Lange ist in Lahnstein im Rheinland aufgewachsen, jenes poetisch aufgeladene Rheinland, das später, in seinem Debütband Rauhfasern (Lyrik Edition 2000, München 2005), zum Naturstoff und Bildgrund so manchen Gedichts geworden ist. Nach Studien in Philosophie, Kunstgeschichte und Judaistik in Berlin absolvierte Lange von 2002 bis 2006 ein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Neben der Arbeit an seinen Gedichten entstanden ein Libretto für eine Kurzoper (Informationen über Bartleby) und mehrere Poetry-Filme.

Den Zentralbegriff seiner Poetik hat Norbert Lange in seinem Essay für dieses Heft markiert: „Quellenkunde“. Gedichte begreift er als „Palimpseste“, also als Übermalungen bzw. Überschreibungen von historisch immer wieder neu bearbeiteten Urschriften. Er hat also immer wieder neu Entscheidungen zu treffen: Welches Verfahren ist zu wählen, damit die eigene poetische Textur ein autonomes Gefüge wird und nicht die epigonale Reprise einer historischen Tonspur?

Norbert Lange hat in seinen Gedichten und seinen Essays Markzeichen gesetzt, die seine Vorlieben und seinen Fundus klar erkennen lassen. In einem Beitrag für eine Anthologie mit sprach- und poesiegeschichtlichen Tiefbohrungen (Quellenkunde, hrsg. von Norbert Hummelt, Lyrik Edition 2000, München 2007) hat er die Merseburger Zaubersprüche als primäre Sprachmaterie erforscht. Diese Beschwörungsformeln aus der Frühgeschichte der Poesie verknüpft er mit einem Gemäldegedicht, das eine Totentanz-Darstellung von Hans Holbein dem Jüngeren aufnimmt und mit modernen Reizwörtern verbindet. Am Ausgangspunkt des Holbein-Gedichts steht die intensive Beschäftigung mit dem zweiten Merseburger Zauberspruch, der die Heilung eines Pferdes evoziert. Das Pferd, so Lange in einem Brief, ist „einer alten Auslegungstradition zufolge, das klangliche und stimmliche Element der Sprache . . . heißt das vielleicht, dass schon der Zauberspruch die Sprache heilen will?“

In anderen Gedichten sind es schroff gefügte Bruchstücke aus Bildkunstwerken, Zitate aus Alltagszusammenhängen, Fotografien oder Liedreste, die in harter Fügung aufeinanderprallen. In einem Kommentar verweist Lange auf den gemeinsamen Referenzpunkt dieser Gedichte – das work in progress „Kunstkammer“: „Kunstkammer bezeichnet erst mal einen Sammlungstyp, der naturkundliche Präparate, Kunstwerke, Gegenstände des Alltags verschiedener Epochen, von der Skulptur bis zum Automaten, von Antiken bis zu Maschinen und Folkloristischem in einem Sammelsurium vereint und nach den Bedürfnissen des Sammlers ordnet.“

All diese Verfahrenstechniken, die Norbert Lange zur Freisetzung poetischer Energien mobilisiert –, Schnitt, Montage, Bildübermalung, Gemäldegedicht – erinnern in bestimmten Partien seines Werks an die kombinatorische „Schädelmagie“ des Dichters Thomas Kling. Norbert Lange selbst hat diese stilistische Affinität eingeräumt, zugleich aber die großen Differenzen benannt, die ihn von Klings Werk trennen. Zwei seiner stärksten Gedichte, das verstörende „Schlaflied“ und das Rollengedicht „Schreber-Uhr“, sind absolut eigenständige Texte, die durch Melodielinien von großer Suggestivität berühren. Das „Schlaflied“ nimmt die Verfahrensweisen des seit dem Mittelalter gängigen Wiegen- und Kinderlieds wieder auf und setzt es um in einen abgründigen Höllengesang. Dabei ist es das ungebärdig gewordene Kind selbst, das hier das Wort ergreift und die verschiedenen Entwicklungsstadien – vom pränatalen Zustand bis zum existenziell erschöpften „Ich“-Bewusstsein – durchspielt. Die „Schreber-Uhr“ bedient sich dagegen einer raffinierten Schnitt- und Vexier-Technik, um einige Motive aus der Perspektive des wohl berühmtesten Nervenkranken der Weltgeschichte, Daniel Paul Schreber, anzuschlagen und dann mit einer Anspielung auf ein Zentralmotiv Thomas Klings zu enden – und dabei noch eine semantische Verschiebung von „Wespenschwarm“ zum „Wespenschwamm“ einzuschmuggeln.

Diese lyrischen Palimpseste Norbert Langes werden tiefe Spuren hinterlassen in der Lyrik des 21. Jahrhunderts.

Die Gedichte „Schraubenschlüssel (V)“, „Aidsschleife“, „Dolby. Coda II“ und „natürlich in Daktylen“ sind Erstveröffentlichungen; das Gemäldegedicht „Holbein“ stammt aus dem Band Quellenkunde; die übrigen Gedichte sind Norbert Langes Band Rauhfasern entnommen.