Matthias Göritz

Die wollen doch nur spielen

Ben Lerners Lichtenbergfiguren

(aus Heft Nr. 192, S. 482-485)

Die Lichtenbergfiguren, so der schöne, vieldeutige Titel seines ersten Gedichtbands, haben den 1979 geborenen und in Topeka, Kansas, aufgewachsenen Ben Lerner mit einem Schlag zu einem beachteten jungen Dichter der Vereinigten Staaten gemacht. Die Serie von 52 sehr losen Sonetten gewann 2003 den begehrten Hayden Carruth Award; ein Jahr später wurde der daraufhin erschienene Band unter die zwölf besten Gedichtveröffentlichungen des Jahres gewählt.

Was sind „Lichtenbergfiguren“? Wer dabei an den berühmten Autor der Sudelbücher denkt, ist auf der richtigen Spur, allerdings wird er hier weniger in seiner Eigenschaft als Aphoristiker denn als Physiker aufgerufen: Es geht um jenen Georg Christoph Lichtenberg, der fasziniert über ästhetisch anmutende Muster, die „concentrische Cirkel“ hinterlassenden „Versuche mit Electricität“ schrieb – ein „schönes lehrreiches Spiel“, wie er seinem Freund, dem Hannoveraner Beamten Johann Andreas Schernhagen 1778 in einem Brief berichtete. „Lichtenbergfigur“ wird noch heute die baum- oder farnartige Verästelung genannt, wie sie elektrische Hochspannungsentladungen auf isolierten Flächen und Materialien hinterlassen. Lerner erkannte darin eine hervorragende Metapher für das Gedicht und machte sie sich gleich mehrfach zunutze. Denn tragen die Gedichte doch rasante Blitzeinschläge quasi in sich, befragen sie doch stetig den Zusammenhang von Sprache, Gewalt und Form.

Im Sonett Nr. 22 heißt es:

 

„Das poetische Establishment hat Widerspruch eingemeindet. /
Das poetische Establishment hat Widerspruch nicht eingemeindet. /
Sind diese Gedichte einfach nur lahmarschig /
oder sind diese Gedichte eine Kritik der Lahmarschigkeit?“

Es ist Lerners Art, Sätze und Konzepte zuerst mit den kulturell etablierten Poetiken und dann noch mit der (sogenannten) ehrlichen und klaren Sprache des Alltags zu konfrontieren. Hier schreibt einer, der sich nicht selbst auf den Leim gehen will. Dem die traditionelle Frage nach der Rolle des Dichters in der Gesellschaft den puren Schauder über den Rücken jagt. Lerner beharrt darauf, dass das Gedicht sich sowohl gegen die intellektuelle Verdummung der amerikanischen Alltagsnarration wehren kann als auch gegen die hochtrabenden politischen und poetologischen Aufträge des literarischen Elfenbeinturm-Establishments.

Lerners Lichtenbergfiguren haben ihren Platz dort, wo konkurrierende Redeweisen und Wortfelder zusammenstoßen. Das Sonett, mit seiner schon in der Form begründeten Rhetorik des Argumentativen, taugt zum geo-poetologischen Mittel, gibt die dankbarste Matrize ab: Man denkt automatisch an die lange Tradition von Cavalcanti und Petrarca, über Shakespeare bis zum (ebenfalls mit den Grenzen der Sonettform spielenden) Rilke. Berücksichtigt man dazu die Tatsache, dass die der Bildung der Lichtenberg-Figuren zugrunde liegenden physikalischen Prinzipien dieselben sind, auf denen sich die Technik der überall benutzten Kopiergeräte und Laserdrucker gründet, werden sie zu einer Schlüsselfigur für die Lage der Poesie in Amerika, ihrem irgendwie festgefahrenen Fortsetzungswahn der traditionellen Avantgarden einerseits, der Rückkehr zur traditionellen Form bei der anderen Fraktion.

Lerner setzt dem Leser der Zeilenzahl nach Sonette vor, doch was sich in den 14 Zeilen jeweils abspielt, mal in der klassischen Rhetorik des Sonetts als Denkfigur, mal als verspielte Alltagsaufnahme mediokrer Gegenwart oder als Clash der Zivilisationen und Vokabulare, liest sich nur auf den ersten Blick wie ein Kompendium dessen, was am Anfang des 21. Jahrhunderts im Jargon der Poesie des 20. gesagt werden kann. Es wirkt nur irgendwie frischer, googlehafter. Die Sprachgeneration Lerner tritt nicht als neue poetische Großmacht auf, wie erst die Beat Poeten, die New York School oder die Language Poeten, sondern sie sampelt, kopiert und zitiert, beobachtet und verwirft und geniert sich in ihren Texten. Dass Großkotzigkeit, genauso wie das große Verwerfen derselben, eben auch Pose ist, dessen ist sie sich gewahr. Auch der Lichtenberg-Figurenmacher hat seine Sudelblätter gelesen.

Die feine Ironie, bei der die entschlackten Sonette so ganz ohne festes Metrum und Reim aber nicht stehen bleiben wollen, führt zu einer Rekonstruktion und Selbstbefragung der poetischen Mittel der Gegenwart. Die Lichtenbergfiguren wirken dadurch manchmal fast banal wie liegen gelassene Backförmchen eines Kindes im Sandkasten, die auf die großen, abstrakten Formen augenzwinkernd hinweisen; es sind Gedichte, die vorgeben mit dem Großen nur spielen zu wollen, aber dabei gelingt ihnen, ganz erstaunlich und wie nebenbei, immer wieder das ganz Große, Überraschende: jene feine Sentenz, für die das Sonett als die Meisterform der europäischen Tradition berühmt ist.

 

„(…) Ich habe absolut keinen / Schimmer davon, was ich sage. Ich weiß nur, / dass ich einen gewissen Hang zur / Rhetorik des Risikos und des Geheimnisses habe.“

Dieser Rhetorik des Risikos folgt man als Leser gern, scheint es doch längst fällig zu sein, das Spiel mit den Traditionen von den klassischen Formen auf jene der Avantgarde zu erweitern. Lerner hat einen Hybridstil entwickelt, der ebenso aus den dunklen Zufallsweiten des Internets gespeist wird wie aus den Einfällen der Literaturtheorie. Und wenn zwei sich kreuzen, freut sich bekanntlich der Dritte, in diesem Fall der Leser. Der Band mit allen 52 „Lichtenbergfiguren“ wird im nächsten Frühjahr übersetzt von Steffen Popp in einer zweisprachigen Edition im engagierten luxbooks Verlag erscheinen.