Matthias Göritz

Der Himmel im Gehege

Zu Gedichten von John Ashbery aus Where shall I wander und Planispheres


(aus Heft Nr. 208, S. 510-512)

Schon wieder Ashbery? Ein Dichter, der so oft wie kein zweiter in den letzten zehn, fünfzehn Jahren von einer Anzahl gestandener Lyriker ins Deutsche übertragen worden ist? Zuletzt erschienen bei luxbooks Ein weltgewandtes Land (2010) und Flussbild (2013), so dass man davon ausgehen könnte, dass wenigstens er, anders als so viele seiner transatlantischen Kollegen, bei uns in einer gewissen Breite wahrgenommen worden ist. Ist das nicht des Guten zu viel?

Vielleicht, aber dieser Einwand klingt dann doch sehr nach „der Markt ist gesättigt“ – und da die Lyrik einen konstant kleinen Kreis von Lesern (nach Hans Magnus Enzensberger sind es bekanntlich genau 1354) hat, dafür aber deren Hunger nach Gutem unstillbar ist, und kaum ein anderer Dichter so viel Gutes in so schöner Regelmäßigkeit geschrieben hat wie der 1927 in Rochester, New York, geborene John Ashbery, traue ich seinen Gedichten noch einen weiteren Auftritt zu.

Zu Beginn seiner Karriere galt Ashberys Lyrik als schwierig, inzwischen gehört sie zum poetischen Inventar. Und wie das bei Möbeln so ist, manchmal muss man sie nur ein wenig neu arrangieren, um sie noch einmal mit frischem Blick anzusehen.

Jan Volker Röhnert, selbst Lyriker und Essayist, hat eine sehr persönliche Auswahl von 14 Gedichten aus Ashberys 2005 erschienenem Band Where shall I wander und dem vier Jahre später publizierten Planisphere übertragen, zwei der schönsten Bände aus dem lyrischen Spätwerk des 86-jährigen Urgesteins der New York School. Von „Alterswerk“ zu sprechen verbietet sich angesichts der Produktivität John Ashberys, der ja noch immer alle zwei Jahre einen Gedichtband veröffentlicht.

Auch thematisch spricht aus den Gedichten kein abgeklärt über Vanitas- Symbole dozierender Greis, sondern eben der hellwache, an allem und jedem Interessierte poetische Proteus, der sprachlich so agil ist wie eh und je. In dieser Hinsicht kann man den oben erwähnten Hans Magnus Enzensberger mit seinen welthaltigen späten Gedichten wohl als Pendant des Amerikaners sehen.

Where shall I wander, Ashberys dreiundzwanzigster Gedichtband, ist auf jeden Fall ein Geschenk. So viele traurige, witzige Gestalten erzählen darin in Momentaufnahmen ihre Lebensgeschichten, dass man das Gefühl hat, in einer Art poetischen Dauersendung mit Nachrichten (beziehungsweise, bei Ashbery: permanenten Lautsprecherbedröhnung im Supermarkt) aus dem amerikanischen Leben versorgt zu werden. Neufundland ist, oder war, voll kurioser Typen.

Wie Larry, der sich an Straßenecken zum Narren machte
wegen eines Groschens. Da war der Russe, der sich selber
für den Großherzog hielt, und von dem es hieß, er wär’ ein echter Graf
von irgendwo,
und die Frau, die mit ihm seine Runden zog.
Doc Hanks, die Knochensäge, war ein echt guter Chirurg,
wenn er nicht gerade sturzbesoffen war wie meistens.

Der Titel stammt aus einem Kinderreim, „Goosey goosey gander / Whither shall I wander?“, den Umschlag der amerikanischen Ausgabe ziert Caspar David Friedrichs Gemälde Das große Gehege bei Dresden von 1832. Und so oszillieren die Gedichte zwischen kindlichem Spiel und großer Romantik und bilden damit einen angemessenen Kontrast zu der von Kinoästhetik geprägten amerikanischen Alltagsphantasie. Aber es sind ja nicht die Dinge, die geschehen, die an Ashberys Gedichten bezaubern und den Leser gerne ein wenig verschaukeln, sondern die Art, wie sie geschehen. Das Gedicht wird zum Fluxraum, zum kinetischen Akt einer sich nie wirklich festlegen wollenden Syntax und semantischen Verschiebung.

Wir weinten der Leistungsgesellschaft nach, die, schwer beschäftigt,
das Essen auf dem Tisch, die Milch im Glas gelassen hatte.
Im Armeleuteviertel, alles kreuz und quer,
gingen wir zurück zum ursprünglichen Felskristall, der er geworden war,
alles in Angst und Nöten wegen uns.
Gemächlich stiegen wir hinab
zur Stufe, die dem Grund am nächsten war. Da kannst du seufzen,
keuchen,
deinen Besitz am kühlen Quell ausspülen.
Gib nur auf die Bären und die Wölfe acht, die dort verkehren,
und den Schatten, der eintritt, wenn du das Morgenrot ersehnst.

Auch in Planisphäre (der Titel bezeichnet altertümlich das Himmelsgewölbe mit seinen Sternkreiszeichen) ist Ashberys linguistische Imagination ungebrochen, führt ihn von den Allusionen wegweisender Sätze und den Sternkarten der Liebe zu den Echos des Alltagssprachraums bis hin zu Parodien typisch amerikanischer Ausdrucksformen wie Werbesprüchen, Bargeflüster, akademischem Small Talk, Modegelaber oder Gebrauchsanweisungen. Das Bombardement des Alltags besteht aus Sätzen, die der Dichter – vielleicht aus reiner Notwehr – in unkonventioneller Weise überwindet. Indem er das Merkwürdige findet, aufschreibt, collagiert, verdreht und verwandelt – als Teil von Jedermanns (und – fraus) Autobiographie. The title always wins, heißt es im Gedicht „Zero percentage“ – „Null Prozent“. Der Titel behält immer recht.

Röhnert ist Ashbery im März 2004 auf einer Reise in New York City begegnet. Und wie bei vielen Dichtern ist John Ashberys zugleich verschmitzte und zurückhaltende Art, bei der man immer das Gefühl hat, als würde er mit jedem Blick eine Art inneres poetisches Gelage bei seinem Gegenüber entfesseln wollen, nicht ohne Wirkung geblieben. Die Übersetzung ist ja nicht die schlechteste Art der Hommage an einen der großen Lyriker des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts. Und wenn sie, wie hier, das Wandern durch die Planisphären und Gehege auch im Deutschen so wunderbar ermöglicht, dann kann John Ashbery sicher sein, dass auch seine nächsten Bände einen Dialog über die Kontinente, die Sprachen und die Generationen hinweg entzünden werden. Des Guten zu viel? Noch mehr kann nicht schaden – ich würde es uns wünschen.