Michael Speier

Donau-Gene

(aus Heft Nr. Sonderheft 2008, S. 49-59)

budapester metromorphosen

 

städte müsste man so beschreiben wie die erinnerung
an einen gedanken oder an ein gefühl
sándor márai.

beginnen wir mit dem fluss
 da sind sie schon, die fluss-inseln
und auch die nebenläufe
 verzweigt wie ein koronargefäß
dem irgendwo ein fluss-herz pulst
 belauscht von lachsen und senilen welsen
der fluss selbst ist geschlechtslos
 solange er durch ungarn fließt
seine mündung birgt den ursprung
 die zeit als alles ins fließen kam

 

unterm flussbett rauscht sie nämlich
 vom deák tér bis déli oder mexikó
rolltreppen gleiten durch die schläfer, durch
 das ganze 19. jahrhundert, geisterbahnhöfe
gleiten vorbei, ihre mammutzähne glänzen
 es gleitet die existenz durch die nicht-existenz
eine ewige drehtür, und das am
 sándor-tag, am géza-tag, am zsófia-tag
besonders aber am júlia-tag
 wie jede station ungefragt meldet

 

in den bädern steigen die temperaturen
 mann spielt schach bis zum nabel im wasser
eben wurde die vorhölle abgeschafft
 auch der vorhimmel, imperialer
stillstand bei grobem tuch und bürste
 kein verdacht auf machtdurchdrungenheit
hier muss man nicht lange über kies fahren
 hier heißt das bier adam-bräu
kaum weiß ein halbgott zu sagen
 wer mit namen sie sind

 

womit wir bei den marken wären
 flaches design für einen vollen sound
mehr mäntel an der wall street
 die mantelgesellschaften im euro-raum
eher unterentwickelt
 über die margareten-brücke wird faustisch
gefahren (o feinstaub o linienverkehr)
 wo einer sich ins wasser gleiten lässt
denkt man an donau-gene, an legenden
 vom nil, an das verbrechen eines verstehens

 

solche erinnerungen an körper leben in uns
 senden gelegentlich botschaften etwa
gegen den nachthimmel geschriebene
 e-mails oder konsens-streifen
deutungslos zu wolken schwellend
 den markt erziehen heißt die devise
von mindest-hohn war nie die rede auch wenn
 mal wieder die verleger des parnass
spiralblöcke verteilen, nach ozon schmeckende
 forint: eine blinde gleichgültigkeit
treibt diesen strom wo dolce auf gabana
 trifft wie lagerfeld die blonde theiß

 

später beim mammut gekauft
 schneeregen, völkerwanderungszeit
(alles muss raus) sieben stammesfürsten grüßen
 als tütenleute vom boulevard
ein halbmond leuchtet ihnen zwischen
 proto-ungar und erlöserkind zur tiefkühlkost
hús heißt hier fleisch und zárt geschlossen
 reflexe ersten grades stellen sich ein
wie notebooks, rückübersetzt in
 die donau hinabtreibende eistafeln

rückübersetzt mein eigenthum
 in die kugel bajcsy-zsilinszkys, in den lauf
der geschichte, ihre reine präsenz
 rückübersetzt alle oberflächen der stadt
(maschinell nicht möglich, man beißt da auf nebel)
 in frivole ungarische wortstellungen
eine sprache ohne hilfsverb, ohne eigenes
 wort für haben & sein, in die
traurige grazie des tricotagengeschäfts
 mit dem schild factory outlet

 

fischsuppe essen

der donauwels lag leicht und weich am gaumen
vom balaton ein strammer weißer ließ ihn schwimmen
am nebentische zwei verliebte männer
dazu ein pärchen aus dem pester hollywood
(express your self), die kinoküsse
in möglichst hohem maß an sichtbarkeit

 

worin soll einer denn erscheinen als im jahr
das quer durch alle zeiten (zonen) fliegt sich auftut
schließt, worin die zukunft mit den schultern zuckt
und licht verheimlicht kraftlos die gewichte

 

sämtliche donaubrücken lagen im wasser schon
da man den strudel auftrug dazu in kleinen dosen gott
der würde hier gern rauchen (wenn man nur rauchen würde)
statt wahllos rumzustochern in kometenkarten
mal einen happen hier mal da, doch schließlich sind

 

dieser oase sitten nicht zu vergleichen
mit der kälte draußen, dem was uns fortschreibt in
stringenten räumen, und als der kellner kam
(er trat so nah an das heran wovon er sprach)
zogst du die goldne karte zahltest gingst

 

 

(für géza und ilona horváth)

...

Hinweis: Der vollständige Text ist online nur für Abonnenten sichtbar.