Irena Karpa

Adieu, geliebte Stadt

(aus Heft Nr. Sonderheft 2009, S. 45-58)

00:00:01:13

Adieu, geliebte Stadt. Ich liebe dich so, wie ich noch keine Stadt auf der Welt geliebt habe, du gehörst mir mit jedem Plastikfenster und jeder Plastikflasche, von dem ganzen historisch-architektonischen Erbe ganz zu schweigen. Ich liebe dich so sehr und will in dir leben, hier in deiner schönsten Ecke, wo von jedem Fenster aus eine andere Kirche zu sehen ist und wo man an Feiertagen die Fenster öffnen und zuschauen kann, wie die Raben zum Glockengeläut auf den Dächern tanzen. Ich liebe dieses Dachgeschoss, dieses Treppenhaus, diese Straße mit dem komischen Namen, aber böse Menschen trennen uns. Als ob sie all das so lieben könnten, wie ich es liebe! Als ob sie die Schönheit mit ihrer Haut und den Genuss mit ihren inneren Organen empfinden könnten! Sie sind die Besatzer, nicht ich, obwohl die Wohnung nominell ihnen gehört.

– Die Ära unseres Glamour-Trashs ist vorbei, – sagt Trischa Tornberg zu Dolorio. – Da ist nichts zu machen. Eine Etappe ist eine Etappe, das ist vollkommen in Ordnung. Nur ich kann den sichtbaren ruhigen Wohlstand verlassen und dorthin abhauen, wo noch vor wenigen Tagen ein Erdbeben Tausende Menschen tötete, und wo in etwa zwei Wochen ein Vulkanausbruch erwartet wird, dreißig Kilometer von meinem Haus dort entfernt …

– Das kann ich nicht verstehen, sorry, – sagt Dolorio. – Ich bin wohl zu pragmatisch und zu rational.

– Das Rationale in mir ist verkümmert … – seufzt Trischa. – Macht nichts, so bin ich halt. Mir ist alles scheißegal, und dann kommt es so, wie ich will. Wenn ich das Richtige will. Sogar mit einem extra Bonus. Plus 25 Prozent gratis.

Dolorio hüllte sich in Schweigen. Er kümmerte sich wenig um diese Geschichte von der Zwangsumsiedlung Trischas und ihrer „wechselnden Verwandten“ aus dem luxuriösen Haus. Machte nur konkrete Vorschläge: Wohne bei mir und meinen Eltern. Trischa sagte nein. Wohne in einem Monat mit mir am anderen Ufer. Trischa sagte nein. Trischa lebte entweder im Zentrum oder zehntausend Kilometer davon entfernt. Trischa täuschte Kompromissbereitschaft nur vor, in Wirklichkeit lauerte sie leise auf das fetteste und frischeste Stück, von dem sie als Kind einmal geträumt hatte.

– Je länger ich lebe, desto unkomplizierter nehme ich radikale Veränderungen des gesamten Settings … – das ist schon an David gerichtet.

Im Auto neben Dolorio weinte sie manchmal sogar, weil diese ständig defizitäre Freiheit letztendlich die schlechte Gewohnheit hatte, ihr wie ein Stein auf die Brust zu drücken, oder war das vielleicht schon das Alter – was für beschissene Gedanken gingen ihr durch den zerzausten Kopf! –, wenn die Freiheit, zum Selbstzweck geworden, sich wie ein autistisches Kind aufführte. Immerhin, auch Jesus zweifelte. Und Trischa, sie täuschte die Kompromissbereitschaft nur vor, tatsächlich wartete sie listig ab. Wartete auf eine fettere, schönere, leckerere, wohlhabendere und verrücktere Freiheit.

– Du bist ein Kämpfer, und Kämpfern geht alles am Arsch vorbei, auch wenn sie manchmal Rotz und Wasser heulen, – es war der Pilot, der das sagte.

– Wie auch immer, – zuckte Trischa die Achseln. – Lassen wir das.

Dabei tat es ihr irgendwie leid, dass hier niemand um sie trauern würde, weil sie selbst es so verfügt hat: niemandem darf sie fehlen. Es ist doch kein Puzzleteil im Gesamtbild der Beziehungen, das ist bloß der Lack – damit bestreichst du alle Puzzleteile, damit sie zusammenhalten und glänzen. Und wenn der Lack fehlt, was dann? Die Puzzles fallen trotzdem nicht auseinander. Der Leim hält sie zusammen.

00:00:01:14

Eine meiner Lieblingsschauspielerinnen hat einmal bekannt, dass sie jedes Mal in die Dusche pinkelte, wenn sie dort in einer erotischen oder anderen Szene gefilmt wurde. Wie konnte ich danach meinen Film ohne sie drehen? Interessant, was David von dieser netten Angewohnheit hält, laut Drehbuch ist er es, der mit dem Mädchen eine Wasser-Kachel-Romanze haben wird.

Dieses Mädchen würde seinem Charakter nach gut zu ihm passen – ein exaltiertes zärtlich-gemeines Wesen mit großem Mund und lebendigen Augen, die in ihrem Gesicht zu schwimmen scheinen wie Fische über dem sandigen Grund.

– Your eyes are fish on a creamy shore… – unser Kameramann kannte irgendwoher die Texte von Tom Waits.    

– Genau, – sage ich. – Kyrill, du bist ein Genie. Lass unsere Heldin zu Tom Waits im Licht ihres Wagens tanzen, in dem sie ja auch wohnt. Im dichten Nebel tanzen.

– Okay, – Kyrill zuckt die Achseln. Ein merkwürdiger Typ. Weiß so viel und stimmt mir aus irgendeinem Grund fast immer zu. Dies macht einen ein bisschen fertig, muss ich gestehen. Allerdings kannst du mit ihm immer sicher sein, dass die Szene voll phat wird. Er flieht vor dem Amateur-Pseudo-Drive genauso beharrlich wie ich vor der Old-School. Keine schlechte Symbiose. Und nun haben wir also entschieden – für alle Fälle –,eine Szene mit einem Mädchen zu drehen, das in seinem Wagen wohnt. Erinnern Sie sich, davon habe ich einmal nachts Stognijewytsch die Ohren vollgejammert.

– Trischa, wie sollen wir diese Luxussplitter später zusammenschneiden? – hätte Kyrill in Bezug auf meinen verrückten Einfall fragen müssen. Er fragte aber nicht, weil er an meine Schnittkünste glaubte. Die Produzenten glaubten an meinen Geschäftssinn. Und ich an meine künstlerische Begabung. Wie abgedroschen das alles zusammen auch klingen mag.

– Und irgendwo in diesem Nebel sollten wir drehen, wie ihre Freundin oder Schwester der Heldin am Telefon ein Buch vorliest, weil sie sonst in ihrem Schlafsack im Wagen nicht einschlafen kann …

– Hast du bereits eine Darstellerin?

– Ja, – sage ich und wähle Elsa, meine Schwester, während ich gedanklich bereits den blauen Dunst in goldene Berge verwandle, die ich ihr gleich versprechen werde.

Elsa hebt lange nicht ab, dann sagt, sie habe eine Depression und gehe nicht raus, nicht mal ungarische Würstchen kaufen.

Ich rufe also David an und bitte ihn, zu ihr zu fahren und so lange Steinchen ans Fenster zu werfen, bis sie zusammen mit ihrer Depression rauskommt. Gott sei Dank wohnt Elsa im Erdgeschoss. Sonst hätte David seine Bergsteigerqualitäten beweisen müssen. Und sie wissen, wie es bei ihm mit der Sicherung aussieht …

Tatsächlich gibt Elsa letztendlich nach, bekommt dafür ein Kilo ungarische Würstchen, wobei 800 Gramm davon Kyrill und ich aufessen.

Erstaunlich, dass dem Wagen nicht der Auspuff abfällt und dass unser Auto überhaupt nicht für immer in dieser Nässe bleibt, durch die wir uns auf der Suche nach Nebel quälen. Der Nebel ist eine subjektive Substanz und hat es faustdick hinter den Ohren – taucht auf und bekommt Beine, wie es ihm grade passt.

– So ein Arsch, – sagt David über ihn.

Ich schweige, weil es mir einfach angenehm ist, neben ihm im Wagen zu sitzen und dem Nebel hinterherzujagen. Darin besteht ein trauriger Symbolismus. Endlich finden wir einen merkwürdigen Baum am Fluss, das heißt im Nebel. Eine fast keltische oder sogar gotische Ästhetik, ich schrecke zunächst zurück und denke dann, dass sie kaum gotisch sein kann, weil es Blätter auf dem Baum gibt und niemand ihn angezündet und zum wehmütigen Knarren gebracht hat, und es gibt keine blutverschmierten Inschriften wie „Wir werden hier alle verrecken“. Alles in Ordnung also. Diesen Baum muss Elsa hinaufklettern und von dort aus dem Buch vorlesen. Im boshaften Halbgeflüster.

– Na, zieh die Lampe über, – Elsa wird ein zu einer Vogelscheuche passendes Ding mit Gummiband gereicht, das über Kreuz auf dem Kopf befestigt wird. Elsa probiert es aus, ob sie auf diese Weise das Buch lesen kann.

– Absolutely, – sagt sie.

– Dann los.

Wenn ich sehe, wie ein krauslockiges Mädchen mit einer Lampe an der Stirn, in knallroter Jacke, schwarz-weißem prunkvollem langem Rock, braunen Strumpfhosen und Schuhen mit hohen Absätzen und goldenen Schnallen – ach, noch mit greller türkisblauer Tasche in der Hand – auf einen Baum klettert, um ein Buch zu lesen, denke ich: Fuck, was spielt sich eigentlich in meinem Unterbewusstsein ab.

00:00:01:15

Seit vier Stunden trinke ich im Flugzeug meinen Rotwein – keinen Weißwein – und heule wie blöd. Erst wegen eines Films über die Hundewelpen, die 150 Tage in der Antarktis überleben mussten, später wegen des Sonnenuntergangs im Bullauge und des Songs What Else Is There. Ach ja. Auch aus Reue, wegen des täglichen Wunsches zu sterben. Ich fliege jetzt direkt ins Epizentrum des Erdbebens, das vor einer Woche dreitausend Menschen getötet hat. Dreitausend. Stellen Sie sich diese Zahl vor? Keine Terroranschläge, keine zufälligen Explosionen, keine gesunkenen Schiffe … Und nun wird dort ein Vulkanausbruch vorhergesagt. Derjenige Vulkan, der 30 Kilometer von unserem Haus entfernt ist. Mutter sagte, sie werde grau vor Sorgen, und ich log, dass ich nach Australien fliege und dass dort alles ruhig ist… So sagte ich. Und weinte dann selber, dass mir so wenige Leute nachweinen werden, einer gewissen Trischa Tornberg. Wer? Opa, Oma, Mutter, Vater und meine Schwester Elsa. Folglich habe ich kein Recht auf den Tod, sonst werden diese fünf für mich sehr wichtigen Menschen traurig. Alle anderen werden meinen Tod bloß als kulturelles Ereignis wahrnehmen. Was werde ich Ihnen sagen? Ihnen – nichts. Besser werde ich etwas zu Gott sagen.

– Lieber Gott. Du weißt es. Ich mache alles, was Du willst. Ich werde Schauspielerin, Schriftstellerin, Sängerin, Bildende Künstlerin, Journalistin, Regisseurin … Schließlich auch Mutter. Verzeih mir nur diese ständigen Drohungen, Dir zu kündigen – meinen Wunsch zu sterben. Meine Reaktionen auf irgendwelche Briefe, dass ich besser niemals mehr etwas filmen sollte. Auf mein Selbstmitleid, dass ich schon so erwachsen bin, aber doch noch so klein, so einsam, und dass mich niemand beschützt. Weißt Du, Herr, in jeder obdachlosen Königin, welche Du und ich aus mir gemacht haben, lebt ein kleines und empfindliches vagabundierendes Mädchen, man kann nichts dafür. Es ist leicht, sie zu verletzen, zu kränken, zu beleidigen. Und sie braucht manchmal eine gewisse Zeit, um sich in das Monster zu verwandeln, das alle fürchten.

Weißt Du, Herr, was ich heute geträumt habe? Du weißt es mit Sicherheit, aber besser erinnere ich Dich noch einmal daran …

Verzeih mir, ich heule schon wieder, ich schluchze lautlos, während ich auf den Flügel des Flugzeuges im nächtlichen Himmel schaue. Der Flügel ist wie eine Pagode. Licht auf der Spitze. Für mich?

I don’t know what more to ask for

I was given just one wish … [1]

– Also, lieber Gott. Ich habe geträumt, dass ich jemandem erkläre: Der Teufel, um den Menschen mehr Schaden zuzufügen, macht von Zeit zu Zeit Folgendes. Er befruchtet eine total unansehnliche Frau, die gar nichts ahnt. Dann trägt diese Frau das Kind aus und bringt es zur Welt. Das Kind wird ganz besonders, ahnt aber praktisch nichts und geht zu den Menschen und sät, macht dort irgendetwas. Eine solche Frucht bin nämlich ich …

– In jenem Traum, Herr, geht mir unheimlich nah, dass ich mich zwischen Dir und ihm zerreiße, ich säe doch auch etwas Gutes und Nützliches, was Deinen Blick und Dein Herz erfreut. Wie soll es mit uns weitergehen, Herr? Solche wie mich gibt es noch ein paar, vielleicht auch mehr, wir werden alle zerrissen, weil wir Dir dienen wollen, unsere Natur aber ganz anders ist, konträr, chthonisch. Was soll ich tun, Herr?!! Erhöre mich. Erhöre mich!!! Ich fliege über dem Irak. Tigris und Euphrat. Kein besonderer Zufall, dass solche Gedanken gerade hier kommen … Hier wurde alles geboren. Alles. Nur ich nicht. Aber auch das weiß man ja nicht. Ich kenne nur eine Ebene meiner Geburt. Warum habe ich solche Träume? Wozu muss ich das wissen? Und wie könnte ich genau erfahren, welchem Deiner Pläne, Herr, ich zugehörig bin? Dem chthonischen oder dem himmlischen? Oder sind dieser und jener Deiner Pläne ein und dasselbe? Jetzt ist es dunkel vor dem Fenster. Unten der Tigris und der Euphrat. Und ein paar Sterne oben.

Wir werden doch nicht so oft geboren. Blutfontänen in Form von Mädchen. Im Körper von Mädchen. Nicht wahr, Herr?

Ich will ein Kind mit ihm haben. Ich will es auf dem höchsten Berg empfangen. Wird das mich vor irgendetwas retten?

00:00:01:16

Am Anfang war Trischa Tornberg Schauspielerin. So, wie es guten Musikern gelingt, dem Lebensabschnitt zu entgehen, wo man in der Unterführung spielt, musste auch Trischa in ihren Jugendjahren nicht in Massenszenen spielen oder in episodischen Rollen als Passantin oder Sekretärin auftauchen. Sie bekam sofort die Hauptrolle.

– Ich bin ein sprachloses Tier, – sagte Trischa über diese Rolle als rothaarige Schlampe.

In der Tat, sogar die kleinen, im Drehbuch eingeplanten Dialoge waren herausgeschnitten worden. Ungeachtet dessen, dass Trischa gut die Hälfte des Films auf dem Bildschirm flimmerte. Sie ging hin und her, lief, stand auf, setzte sich, wusch sich unter der Dusche, ging halbnackt ans Fenster, hüllte sich in die verschiedensten Klamotten und sang. Auf Englisch. Weil vor Russisch – der Auftraggeber war das russische Goskino – in der Darbietung von Trischa Tornberg alle furchtbare Angst hatten. Echt Schiss.

– Keine Ahnung, was das für ein Akzent sein soll, – der Regisseur war ratlos. – Nicht ukrainisch, nicht jüdisch, nicht baltisch. Eine irgendwie kosmische Sprache.

Die Zuhörer überlief es kalt, sie wussten nicht, warum das Ende der Welt so schnell gekommen war. Ein durchaus reales Mikroende. Vielleicht schaltete Trischa von allen unbemerkt in ihrer Tasche einen Sender ein, der ihre Hirnwellen verströmte, und die lösten bei den Menschen Angst um ihre seelische Verfassung aus, vielleicht stimmte was mit der Frequenz der Laute nicht, oder möglicherweise hasste sie Russisch so stark und innig, dass sie seine Phonetik unbewusst (oder gar bewusst?) in eine Massenvernichtungswaffe verwandelte.

– Das ist sie, wahre kulturelle Sabotage. Lass Trischa in deinen Garten, sie wird dich aus dem Haus jagen, – sagte ihr der Psychiater. Damals war er noch jung, hager und abscheulich. Keine Rede davon, dass Trischa ihn irgendwann lieben könnte. Deswegen wedelte er brav mit dem Schwanz, schaute drunter und glaubte echt, dass es Augen waren.

Also Folgendes. Trischa und der männliche Hauptheld waren sehr traurig darüber, dass es in der „Liebeskomödie für Jugendliche“ keine einzige erotische Szene gab. Der Junge musste den ganzen Film den absoluten Deppen spielen, und Trischa das totale Biest. Dabei blinzelte das Miststück nur mist-seriös mit den riesengroßen Wimpern, sagte etwas wie „Ja?“ mit einer furchtbar giftigen Intonation, einmal im ganzen Film durfte sie mit den Worten „Kommt er nicht?“ Hoffnung zum Ausdruck bringen, das war über ihren pseudoschwulen Lover, diesen ihren Möchtegernlover. Und als Trischa mit einem schweren Hochglanzmagazin in nach der Sekretärin ihres Produzenten-Opas war und gleichzeitig „Verpiss dich, du blöde Kuh“ schrie, klatschten alle stehend Beifall.

Kameraleute mochten Trischa schon immer. Als sie noch Schauspielerin war, wurde sie gemocht, weil sie alles sofort schnallte, keine Zicken machte und nicht versuchte, sich vor der Kamera zur Schau zu stellen – sie wusste auch so, dass sie schön war. Wenn du kein Schauspieler bist, sondern einfach ein Mensch mit Charisma, darfst du überhaupt nicht spielen, sonst vermasselst du alles ruck, zuck, und alles wird bestenfalls aussehen wie ein blöder Spaß. Aber so machten die Kameraleute Nahaufnahmen von ihr, die fünf Minuten dauerten anstatt der geplanten dreißig Sekunden. Einen Schauspieler zu beobachten ist dann am interessantesten, wenn sein Text schon lange zu Ende ist, die gestellte Aufgabe erfüllt, der Regisseur aber noch nicht „Stop!“ sagen will. Zumindest im Monitor beobachten. Das Geniale ist ganz nah. Und das ist, wie bekannt, etwas Objektives.

– Meine Süße, – das bezog sich schon auf die Sprache. – Weißt du, wenn du irgendwas erreichen willst, dann musst du alles Kleinrussische in dir ausmerzen. Bleib eine Weile hier, in Moskau, besuche den Bühnensprachkurs, reihe dich hier ein … So war es mit allen Schauspielerinnen aus der Ukraine. Mit Schulschenko, zum Beispiel …

Und dann fingen alle an – Kameraleute, Produzenten und Regisseure – damit um die Wette zu prahlen, wie ihre Mütter oder Väter nach dem Krieg aus Tiflis, Eriwan, Charkiw oder Tallinn nach Moskau übersiedelten, russische Gedichte paukten, von morgens bis abends Bühnensprache übten und sich strengstens untersagten, auch ein einziges Wort in jener provinziellen Sprache der Verlierer zu artikulieren, die sie hinter sich gelassen hatten.

– Und sieh mal, sie haben alles erreicht! – ruft jemand mit aufrichtigem Jubel.

Trischa lächelt nett. So lächeln jetzt ihre Webadministratoren, wenn sie einen neuen zornigen Brief mit „gerechter Kritik“ höflich beantworten: „Entschuldigung, aber wir werden Ihren inkorrekten und uninformativen Spam nicht an unsere Chefin weiterleiten. Würden Sie uns freundlicherweise am Arsch lecken? Mit besten Grüßen, www.tornberg.com.

– Vielen Dank, meine Lieben, – dachte Trischa und grinste über das ganze Gesicht, – ihr seid wirklich ganz nett, aber eure Rezepte sind nichts für mich. Warum soll ich etwas in mir zerstören? Ich bin gekommen, um zu bauen. Mich selbst und etwas um mich herum. Ich werde nach Hause zurückkehren und mein eigenes Imperium aufbauen. So fängt immer alles an. Ich habe im breiten Mainstream gebadet. Und weiß jetzt ganz genau, was für Filme ich nicht machen werde. Welche ich machen werde – das kommt von alleine. Hauptsache der richtige Vorsatz. Und meiner ist richtig, sagt mein Gefühl.

Sie täuschte sich nicht. Weil sie es nicht scheute, ihren Hangar jeden Tag zu bauen. Und früher oder später musste ein mächtiges, schönes und bis daher nie gesehenes Flugzeug diesen Hangar verlassen.

00:00:01:17

Davids vorherige Freundin handelte mit Drogen. Diejenige vor ihr war einfach ein reiches Töchterchen, die gar nichts Besonderes machte. Die handelte nicht mal mit Drogen. Und ihre größte Rache an David war, dass sie sich einen Wagen kaufte, den er früher gern gehabt hätte, den sie aber abstoßend gefunden hatte. Nein, das Mädel war total doof. Und die vor ihr, als sie mich sah, genauer gesagt, mein Ukrainisch hörte, blinzelte mit glasigen Augen und lallte: „Hej, du bist nicht von hier, stimmt’s?“ Weiß der Teufel, welcher Niedergang hier zum Ausdruck kommt. „Wichsen mag ich halt nicht“ – gestand David einmal ein. Wir haben also: ein nicht sehr kluges Mädchen, das glaubt, eine Schauspielerin zu sein, ein ganz dummes Mädchen, das gar nicht denkt, dafür aber Silikonlippen hat, ein Mädchen, das Stoff verkauft und von dem ich sonst nichts weiß, und ich. Soso. Eine merkwürdige Aufzählung, alles durch Kommas getrennt. Ja-a …

Ja-ja. Ja-ja-ja … Jaflisch.

Jaflisch, Jaflisch. Der junge Jaflisch. Dich haben wir ja ganz vergessen. Wieso habe ich so schnell das Interesse an dir verloren? Na ja, dieser verdammte David ist aufgetaucht und hat ganz unbemerkt meine Waggons auf seine Gleise rangiert. Na und? Mich wundert ja nicht, dass meine Gefühle zu Psychiater oder zu Z oder zu all den anderen abgekühlt sind. Aber du … du bist mir immer als etwas Besonderes erschienen. Warum ist das so? Vielleicht deswegen, weil mit der Volljährigkeit auch die Megalomanie an deine Tür geklopft hat?

Du hast aufgehört, interessant zu sein, warst kein Kind mehr, kein erstaunlicher und aussichtsreicher Teenager. Du bist in das abscheuliche pubertäre Alter des deklarierten Erwachsenseins eingetreten. Gott helfe deinen Pickeln, was soll’s … Ich sag ja nicht, dass du nichts erreichen wirst. Mögen alle deine Luftschlösser mit Ziegeln befestigt werden, das wünsche ich dir von Herzen. Wie aber konnte es passieren, dass du jünger viel erwachsener warst als heute? Und warum passiert das mit einer großen Anzahl von Männern, die ich bewundere – mit der Zeit fangen sie an, sich für den Mittelpunkt der Erde zu halten, und ersticken fast an ihrem lächerlichen Drang nach Ruhm, Anerkennung und Bedeutung … Warum? Vielleicht stecke ich sie alle damit an und stehe dann wie Mitschurin und beobachte, was mit diesen Wildbirnen passiert, denen ich Drachenfrüchte aufgepfropft habe?

Allerdings erwachte in mir von Zeit zu Zeit ein gewisses Interesse zu dem Kleinen. Dann schrieb ich ihm einen Brief aus Melanesien, zum Beispiel. Fragte, ob er die Aufnahmeprüfung am Institut für Architektur bestanden hatte (er selbst hielt sich bereits für die Nummer eins unter den Architekten dieses Landes, es lag ihm schwer im Magen, dass sogar der Blick auf das schönste von ihm entworfene Haus ihm keine Freude bereiten würde). Oder ich schrieb an Z, dass ich jetzt auf Bali allein, „ganz schön allein“ sei und demnächst nach Papua wolle. Er stellte pathetisch seine Geographiekenntnisse zur Schau und fragte: „Und was dann? Borneo, Sumatra, Kalimantan?“ Ich lächelte durchaus wohlwollend und antwortete: „Sieh mal. Noch einer wie ich. Ich dachte früher auch, dass Borneo und Kalimantan zwei verschiedene Inseln sind. Es ist aber dieselbe, Malaien und Indonesier nennen sie halt anders.“ Daraufhin antwortete er – so peinlich berührt kann sich nur ein 45-jähriger Macho [2] fühlen – mit noch mehr Pathos: „Ach ja, sag noch, dass Java und Sumatra auch das Gleiche sind!“ Ich seufzte: „Nein, diese zwei Inseln liegen tatsächlich ziemlich weit voneinander entfernt. Aber das braucht dich nicht zu kümmern.“ Was soll’s, manchmal muss man eben ein Miststück sein. Das zeigt gewisse therapeutische Wirkung.

00:00:01:18

Manchmal denke ich an den Tag, als ich David zum ersten Mal sah. Es ist merkwürdig zu denken, dass alles, was passiert ist, ohne einen kaum spürbaren Impuls nicht passiert wäre … Obwohl, an den Impuls denken wir erst später, während wir in unserer Vorstellung immer mehr Details dazumalen.

– Hallo, Tach, ist das Trischa Tornberg? – eine hohe und piepsige Männerstimme wie aus einer Gummiente.

– Ja, am Apparat.

– Ich heiße Oleg, ich bin Producer.

– Was kann ich für Sie tun, Producer Oleg? – ich war, was die Welt um mich herum anbelangte, absolut schlecht drauf, dazu noch diese ständigen blöden Anrufe mit „Superangeboten“, nachdem mir das Etikett „Mode-regisseur des Jahres“ verliehen worden war.

– Wir möchten uns gerne mit Ihnen treffen, um ein sehr interessantes Filmangebot zu besprechen … Machen Sie sich bitte keine Sorgen – alles ist schon da: Geld, Schauspieler, sogar irgendein Drehbuch …

– Mhm.

– Wir brauchen nur noch einen Starregisseur, und dieser … hochdotierte Film wird Furore machen.

– Vielleicht erschießt du dich dann vor Glück zusammen mit deiner Stimme … – murmelte ich.

– Wie bitte? Verzeihung, ich kann Sie schlecht hören.

– Nein, nichts. Okay. Lass uns treffen.

– Können Sie vielleicht zu uns ins Büro kommen?

– Nein, können wir nicht. In zwei Stunden im Klub „Party Phone“ im Podil.

– Okay. Dann um sieben Uhr dort. Bis gleich.

– Bist Scheiß. – Das sagte ich aber nicht mehr.

Engel und ich haben uns was zu futtern gemacht, uns satt gegessen, dann mit hochgestreckten Füßen auf dem Sofa gelegen und uns Zeichentrickfilme angeschaut. Okay, alles Wichtige erledigt, nun kann man auch mit Sterblichen zusammenkommen.

Engel und ich sind furchtbare Trasher. Alte Jacken, weite Hosen, dämliche Mützen. Ich habe mir noch Perlen umgehängt – weiß der Teufel wozu. Vielleicht damit die Menschen kapieren, wer von uns beiden ein Mädchen ist.

Wir kommen in den Klub. Im ersten Saal sitzen ein paar Kerle. Wie viele sind es? Vier, fünf? Eindeutig zu viel. Ich kann mich erinnern, dass dies mich etwas geärgert hat. Ich mag keine Betriebsversammlungen. Den Namen von dem Kerl, der mich angerufen hat, habe ich mir nicht gemerkt, klaro. Deswegen warte ich jetzt, dass jemand uns erkennt. Sie stellen sich blöd, Nuriel rettet aber die Situation:

– Hi, David! Wie kommst du denn hierher? – er geht zu ihrem Tisch und drückt dem hageren dunkelhaarigen Typ die Hand. Zottige Haare, der Pulli gestreckt und mit einem Loch, fast wie Nikita II. Ach, wie wir Bohème spielen, – denke ich. – Entweder studieren wir Theaterkunst oder verpulvern Mamis Geld am Regisseurinstitut und schleppen uns mit Freunden zu einem Date mit Trischa Tornberg hierher, um später allen erzählen zu können, wie abscheulich sie in Wirklichkeit ist, totales Miststück eben, warum tanzen nur alle so um sie herum?

– Ich bin Trischa, freut mich sehr. – Ich gebe jemandem die Hand. Gut, dass ich in solchen Situationen keine Anstalten mehr mache, freundlich zu sein – ich bin schon müde von den Beschwerden über mein grausames Grinsen.

– Ach, wir hätten Sie gar nicht erkannt! – irgendwo von der Seite erreicht mich die Stimme wie aus einem Gummientenarsch. – Nicht wahr, Jungs? Auf den Fotos in den Zeitschriften sehen Sie ganz anders aus!

Fuck, ihr geht mir alle auf den Sack.

– Wie schön, – sage ich, – also werde ich reich.

Diese Missgeburt schnüffelt schon fast an mir: bin ich es oder doch nicht. Warte noch, Arschloch, gleich nehme ich die Mütze ab, und dort siehst du drei Tage nicht gewaschenes Haar. Da wirst du das Schicksal ablesen können. Wie an der Hand. Dein eigenes, natürlich.

Menschen mit hässlichen Stimmen sehen zum Glück entsprechend aus. Das ist gut, weil ich mich in den Menschen beim ersten Mal in der Regel irre. Aber hier – diese stickige Wolke süßen Parfüms, dieses Haar mit dick aufgetragenem Gel, dieses einschmeichelnde, fünfunddreißig Jahre alte Lächeln und – der Höhepunkt – eine Lederjacke. Um schon ganz sicher wie ein reiches Arschloch auszusehen. Später erfahre ich, dass dieses Onkelchen ein Gigolo ist – er bindet den Töchtern reicher Eltern einen Bären auf und fährt ihre Geländewagen der Marke Hummer, alle gelb wie Kinderkrippen-Diarrhö. Die Mädels (er hat natürlich einige davon pro Saison) lieben ihn wirklich und freuen sich riesig, dass ein solcher Geck aus Tausenden Models und Sängerinnen, die ihm hinterherlaufen (daran, dass sie hinter ihm her sind, gibt es keine Zweifel – er hat es ja selbst gesagt!), gerade sie ausgewählt hat. Obwohl sie, wie sie glaubt, durchaus ihre Makel hat, sagt sie ihm nichts davon, klar. All diese Zahnspangen, die Beine ein bisschen krumm, auch die Wirbelsäule … aber wir werden es noch schaffen. Mit einem solchen Mann kann und muss man sicher durchs Leben gehen! Weil sie, eben sie sein Star ist!

Krass. Ich würde solche Papagallos in Zoos züchten, armen Leuten zeigen und auf dem Vogelmarkt an die Reichen verkaufen. Jede Ware findet ihren Käufer.

– Also, ich wollte Ihnen Folgendes vorschlagen… – unterbricht meine Gedanken das Medikament selbst. – Obwohl, lass uns erst kennenlernen. Das ist Kyrill. Unser Kameramann.

So lernte ich Kyrill kennen. Er hinterließ keinen bleibenden Eindruck bei mir, klaro.

– Das ist Igor.

Man reicht mir eine Hand. Ein Anhängsel von David, der sich fast immer mit ihm herumschleppt und bei mir abwechselnd Verärgerung und unverhohlenes Entzücken über seine Naivität auslösen wird. Er hat überhaupt keinen Eindruck bei mir hinterlassen. Habe nicht einmal den Blick fokussiert.

– Und das ist David, der Schauspieler, wird wohl die Hauptrolle spielen.

– Hi, – ich drücke dem Bohemien die Hand. – Hauptrolle, sagst du? Wenn ich aber einen schwarzen Zwerg mit roten Haaren und ausgeschlagenen Zähnen filmen will?

– Ha. Ha. Ha. – Sie lächeln höflich. Kriegen aber schon Schiss und bereuen wohl, sich mit mir eingelassen zu haben. Ich bin wie gesagt nicht in bester Laune. Auch nicht in bester Verfassung. Bukowski und Woody Allen zusammen sind im Vergleich zu mir wie zwei Brad Pitts.

– Und ich, wie sie bereits erraten haben, bin Oleg. Das war ich, der sie angerufen hat.

– Oh ja, – sage ich nicht ohne eine Prise Pathos und trinke ziemlich unpathetisch irgendwelche Flüssigkeit aus einem fremden Glas, – ihre Stimme ist unvergesslich.

Der Gummiarsch nimmt alles für bare Münze und setzt sein kluges Gequatsche fort. Also sie wollen etwas wie eine Gangsterkomödie für Jugendliche mit jeder Menge Verfolgungsjagd, Flucht, Gefahr, Schießerei und so weiter. Als Beispiel nennt der Gummiarsch den Film Revolver von Guy Ritchie. Für mich eine seltene Scheiße im Vergleich mit seinen anderen Filmen. Wenn man vom Rekordhalter in Arschigkeit und schlechtem Geschmack absieht – seinem Film mit Madonna in der Hauptrolle. Ich mag Madonna, ehrlich, und habe mir den Film fast bis zu Ende angeschaut. Der Eindruck war wie bei einem Begräbnis.

– Revolver ist Scheiße, – sage ich.

– Hundertpro Scheiße, – macht sich Bohemien David bemerkbar.

– Er ist kein Bohemien, er ist Söhnchen reicher Eltern, – wird mir später Nuriel sagen. Er will sich einfach mit dieser Clique herumtreiben und Mamis Kohle für Kunst oder so ausgeben … Er fährt schon die dritte oder die vierte Karre in diesem Jahr. Die vorherige war sehr cool – ein lustiger VW Käfer, er hat ihn aber verkauft, weil Mami eine neue gekauft hat, irgendeinen Sportflitzer eben.

– A-ah – ich gähne. – Von mir aus können sie sogar mit Pferden ficken, Hauptsache sie bezahlen, wenn ich für sie arbeite.

Was unser geschäftliches Rendezvous anbelangt, so gab es dort nicht viel Interessantes zu vermelden. Das Einzige, was mir auffiel und mich ein bisschen wunderte, war, dass offenbar nur David meine düsteren Witze kapierte sowie Dinge und Namen schnallte, die ich von Zeit zu Zeit nannte. Für den Bruchteil einer Sekunde blieb mein Blick an ihm haften: hager, dunkeläugig, krause Haare, großer Mund, dünne Finger. Interessant, wie er nackt und im Bett ist. Wie er sich im Dunkeln anfühlt. Das war alles, was ich damals gedacht hatte. Es reichte, wie es sich später herausstellen sollte.

Vor dem zweiten Treffen mit den supercoolen Filmemachern hatte ich etwa zwei Stunden geschlafen. Ich sah aus wie ein Schwarz-Weiß- Foto.

– Buggi, – sagte ich zum Spiegel. – Wenn sogar den Leichen ein Make-up gemacht wird, um sie frisch aussehen zu lassen, könnte ich doch auch mit zittrigen Händen surrealistische Studien auf meinem Gesicht realisieren.

Die Männer sind so merkwürdig. Und so dumm. Nicht alle, natürlich. Aber diejenigen, die sich für unübertroffene Connaisseurs der Frauenschönheit und Frauenpsychologie halten, sind es fast immer.

– Super siehst du heute aus! – begrüßt mich Gummiarsch-Oleg.

– Mhm, hab ganze zwei Stunden geschlafen.

– Solltest vielleicht immer zwei Stunden schlafen?

Ich würde ihm gerne sagen, dass er sich verpissen soll, aber mein Mund geht noch zu schwer auf, um diese bedeutungsvollen Worte zu artikulieren.

Der Rest der Clique sitzt schon am Tisch. Ich bin heute ohne Engel da. Habe ihnen meinen Laptop mit irgendwelchen Ideen drauf gebracht – lest, wenn ihr wollt. Mich kotzt es an zu sprechen. Oleg wirft nur einen flüchtigen Blick auf das Geschriebene, stellt dann aber äußerst konstruktive und, wie er meint, prinzipielle Fragen. Ich trinke ruhig und schweigend meinen Latte. Plötzlich bemerke ich ein äußerst merkwürdiges Leuchten. Es sind die Augen von David, der gierig alle meine Thesen und Skizzen aufsaugt. Ich kann nicht sagen, dass es unangenehm ist. Unangenehm ist, dass dieser Oleg mir viel zu nahe sitzt.

– Hör mal, – warum, verdammt, sagt es plötzlich „du“ zu mir, – was für ein angenehmer Duft. Warte mal … Ich kenne dieses Parfüm. Es ist etwas Bekanntes …

– Fuck, – denke ich, – hat Mephisto mir ein so gewöhnliches Parfüm geschenkt, dass sogar dieser Arsch es erraten kann? Aber nein. Der Gummiarsch blufft wahrscheinlich. Denkt, das würde Spannung schaffen, und dass Mädels von solchen Casanova-Tricks umfallen wie der Weizen während der Ernte. Denkt er vielleicht, dass ich einfach so komme, wenn er den Namen von diesem Davidoff-Fuck-Off nennt, oder dass ich verlegen nach Hause gehen werde, weil das Geheimnis meines Zaubers gelüftet ist?

Soso, Trischa. Was für Gedanken hast du am Vormittag. Wie ein Experte der Frauenzeitschriften auf dem Höhepunkt des PMS.

Danach ging alles seinen Weg. So ist es oft: jede Menge Enthusiasmus, ein superteurer Trailer, Reise nach Prag, um das Band zu überspielen, Vorführung des Trailers für Investoren, Genehmigung der Zusammenfassung, grandiose Pläne, Vorbereitung der Verträge und so weiter. Und dann plötzliches Schweigen und Funkstille. Mal nehme ich nicht ab, weil mich die Stimme des Gummiarsches bei zu niedrigem mentalem Level einfach umbringen würde, mal belästigt mich sogar der Gummiarsch selbst nicht mehr. Am schlimmsten ist, dass Oleg immer von Davids Handy mit einem All-inclusive-Tarif angerufen hat, so assoziiert sich bei mir der Name David auch mit dieser hässlichen Stimme. Ich sitze gerade am Steuer und hebe ganz automatisch und zufällig ab, als auf dem Display „David Actor“ angezeigt wird.

– Hallo.

– Hi, hier ist David, erinnerst du dich noch?

Wow. Er ist’s wirklich. Was habe ich aber davon?

– Hi. Natürlich.

– Hör zu, ich habe ein Anliegen.

– Aha. Was Neues von unserem grandiosen Projekt?

– Nein. Es ist was anderes. Ich muss unbedingt in einem … Kurzfilm spielen. Soll aber ein alternativer Film sein. Ich glaube, du schnallst alles … Und überhaupt – mir gefällt das, was du machst. Nur Perlenporno hab ich noch nicht gesehen. Gibst mir mal?

– Mhm. Keine Frage. Lass uns treffen und alles in Detail besprechen.

So ging’s weiter. Zunächst gab ich ihm den „Porno“, dann DVD mit Filmen von Greenaway, Ki-duk, Kaurismäki, Fellini, Bunuel, irgendwelche Bücher, Reiseführer, Musik, einfach nette Kleinigkeiten, nur um einen ernstzunehmenden Vorwand für ein Treffen zu haben. Damit er nicht dachte, ich hätte wegen ihm nicht alle Tassen im Schrank, obwohl ich einfach nicht erklären konnte, woher dieses Bedürfnis kam, ihn jeden Tag zu sehen. Und warum ich, wenn ich einschlief, die Luft in meinem Schlafzimmer mit Schmerz einatmete, in der Hoffnung, meine Lungen zumindest mit ein paar Molekülen seines Duftes zu füllen. Seltsam. Er war ja nie in meinem Schlafzimmer …

Das war eine merkwürdige Zeit. Zum ersten Mal in meinem Leben tickerte ich SMS mit Drohungen, deren Inhalt nicht zusammenpasste, die mich aber vor dem kleinen Tod schützen sollten, den dieser unauffällige Junge David aus irgendwelcher Ferne mitbrachte. Aber es ist wohl unmöglich, sich davor zu schützen. Das wissen Sie ja selber. Dazu kommt noch, dass ein Künstler in der Agonie manchmal wesentlich mehr künstlerischen Kram schaffen kann als der normale Handwerker in seinem ganzen Leben. Und nach jedem neuen Tod kommt die neue Geburt. Der Fleischwolf des Karma.

… Es ist seltsam, über dem Pazifik zu fliegen und sich an so etwas zu erinnern, auf die Wolken unten zu blicken und auf ihre Schatten in fast ideal harmonischen Formen auf dem sonnenbeleuchteten Wasserspiegel. Dort weit unten.

00:00:01:19

Manchmal versuche ich an gewissen Orten – zum Beispiel auf Papua, wenn plötzlich der Strom ausfällt und man den Orangensaft in tiefer Dunkelheit trinken muss – an sie alle gleichzeitig zu denken. Wie merkwürdig. Es ist, als ob in dieser hundertprozentigen Finsternis gleichzeitig einige Dutzend Bildschirme eingeschaltet worden wären wie im Regieraum während einer Live-Sendung. Auf jedem ein anderes Gesicht. Sie wiederholen sich, klar, aber ihr Ausdruck, ihre Mimik, ihre Stimmung verändern sich je nach Tageszeit. Sie sagen etwas, aber der Ton fehlt in diesem dunklen Zimmer. Was fühle ich dabei? Meistens schnell vorbeifliegende Zärtlichkeit und Trauer, die man nicht in Worte fassen kann. Na klar, alles Überflüssige wird entfernt, es bleibt nur eine gewisse fließende Wärme. Unser Gedächtnis ist wie ein Fluss, der nach einem Sommerregen schneller fließt.

Kann ich aus dieser Bildschirmreihe jemanden hervorheben? Als Erster fällt mir David ein. Ohne ihn hätte diese Geschichte keine Fortsetzung – die Inspiration würde einfach nicht ausreichen. Mit ihm hat alles aufgehört. Oder fast aufgehört. Weil echte Geschichten nie so einfach enden.

(Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot)

1 Ó Röyksopp

2 Im Original steht „very male man“, man könnte auch diesen Ausdruck stehen lassen