Laudatio auf Juri Andruchowytsch
(aus Heft Nr. Sonderheft 2009, S. 59-68)Auszüge aus dem Notizbuch meiner Reise im März 2005 durch die Städte Kiew, Lwiw, Iwano-Frankiwsk, Czernowitz und Umgebung unter besonderer Berücksichtigung des Trägers des „Leipziger Buchpreises zur Euro-päischen Verständigung“ 2006 Juri Andruchowytsch
Donnerstag, 3. März 2005
Bei der Ankunft fällt der Strom auf dem Flughafen von Kiew aus, absolute Dunkelheit, die Bullaugen unseres Flugzeuges sind die einzigen Lichtpunkte weit und breit. Während die ungeduldigen Reisenden wieder Platz nehmen müssen, streiche ich mir den Satz an: Wenn die Ukraine Aufmerksamkeit erregt, dann stets durch eine Reihe negativer Faktoren.
Anderthalb Stunden später stehe ich einer Schar Männer gegenüber, die meisten von ihnen stecken in Trainingsanzügen – Lila und Grau sind die häufigsten Farben –, Kaninchenfellmützen auf den kahl geschorenen Köpfen. Die wenigen Frauen, wesentlich besser gekleidet, tragen Wollmützen in grellen Farben. Wie lange noch wird man die ehemalige Sowjetunion am Geruch erkennen?
Ich lächle anhaltend, weil ich glaube, jeden Moment Juri Andruchowytsch gegenüberzustehen, erblicke stattdessen aber ein auf dem Kopf stehendes Schild mit meinem Namen, darüber das blasse Gesicht einer rothaarigen Schönheit mit großen Ohrclips, darunter ihre langen Beine in weißen Stiefeln – Ludmila, die Fahrerin des Goethe-Instituts.
Ohne Juri, der erst morgen nach Kiew kommen wird, fahren wir in die Stadt. Kiew, schreibt er, das ist für mich ein Archipel, eine Handvoll Menschen, die dort wohnen, in Redaktionen, Studios, Wohnungen und Cafés versprengt, Leute, die sich, von anderen unbemerkt, schon seit Jahren oder Jahrzehnten der Kiewer Mechanisierung entgegenstellen und dabei lebendige Wesen bleiben. Zwischen ihnen liegen enorme, nur per Metro zu bewältigende Distanzen. Von einem Unterschlupf zum nächsten führen meine Routen durch eine Stadt, die in Wirklichkeit aus lauter Mini-Festungen besteht. Ins Freie zu gehen bleibt eine äußerst widerwärtige und gefährliche Angelegenheit, die man sich nur erlaubt, um die Alkoholvorräte aufzufüllen. Ringsum streifen Monster umher und knurren.
In Kiew bin ich der einzige Mensch ohne Mütze. Außer mir tragen nur Uniformierte lange Mäntel.
Freitag, 4. März 2005
Nach dem Frühstück sehe ich Juri. Ich sehe ihn drei Mal auf Brusthöhe im DIN-A3-Format an einer Art Trafohaus. Juri lächelt wie der Vorsänger eines Kosakenchores. Nach dem heutigen Datum folgt weiß auf schwarz: Juri Andruchowytsch präsentiert den ostdeutschen Schriftsteller Ingo. Mein Nachname ist dem Logo der Bank Ukraina zum Opfer gefallen.
Dem Plakat begegne ich an Bauzäunen, Häuserwänden und im Goethe-Institut, einem nach Plänen von Mies van der Rohe Ende der sechziger Jahre errichteten Bürobau, in dem früher die „Interflug“ saß.
Olia, meine Übersetzerin, die kurz nach mir den Raum betritt, weiß bereits, dass Juri in Lwiw den Zug verpasst hat, weil er noch etwas zu trinken kaufen wollte. Sie habe heute früh seine Reisetasche von der Waggonschaffnerin in Empfang genommen. Juri sei aber bereits mit einem Auto auf dem Weg nach Kiew. „So Gott will, wird er es schaffen!“, flüstert die Ortskraft aus der Bibliothek.
Olia tippt auf das Signet der Bank Ukraina. Ich solle nicht gekränkt sein, wichtig sei doch nur, dass es diese Plakate überhaupt gebe, nein, anders, wichtig sei doch nur, dass Juri mein Buch herausgibt und vorstellt. „Das ist wie ein Freifahrtschein in die ukrainische Literatur!“
Als wir die Straße zum berühmten Majdan überqueren wollen, fährt ein Begräbniswagen vorbei, dem einige große Limousinen folgen. Im letzten Wagen, der an der Ampel halten muss, sitzt hinten ein junger Mann neben einem Pinguin. Ich halte den Pinguin zuerst für ein Stofftier, aber er bewegt seinen Kopf und einen Flügel. Olia vermutet, der junge Mann habe eine Patenschaft im Kiewer Zoo übernommen.
Wir sitzen dann im Café „Orange“, der Espresso kostet umgerechnet drei Euro. Während Olia von den Demonstrationen erzählt, denke ich, dass die orangene Revolution auch für mein Buch vorteilhaft ist, denn jetzt werden unsere Gesellschaften einander ähnlicher. „Ihr werdet hier bald unsere Probleme kriegen“, sage ich. „Eure Probleme haben wir längst. Wir sind nur die alten noch nicht losgeworden“, erwidert sie und beginnt, als lohne es nicht, weiter über Probleme zu reden, von Juri, dem Patriarchen von BuBaBu zu erzählen, den sie zum ersten Mal früh um acht an einem Sonntagmorgen 1990 im ausverkauften Opernhaus von Lwiw erblickte, wie er mit seinen beiden Mitstreitern auf der Bühne erwachte. Gähnend und sich streckend trugen sie ihre ersten Gedichte vor. Nach zwei Stunden setzte das bis dahin so unsichtbare wie unhörbare Orchester mit dem Bu-baba-bu der Fünften von Beethoven ein, zu dessen Klängen Juri deklamierte – für alle ein unvergessliches Erlebnis!
Ich frage Olia, was sie von der Formulierung meines Freundes Boris hält, der für die Künstler und Schriftsteller eine Entwicklung vom Propheten zum Kleinunternehmer diagnostiziert.
„Juri ist ein Prophet!“, ruft Olia und rezitiert mir eines seiner frühen Gedichte. Was ich denn von ihm gelesen habe? Ein paar Essays. Zwölf Ringe, sein letzter Roman, soeben auf Deutsch erschienen, liegt im Koffer.
Olia erteilt mir Nachhilfe: Sein erster Roman, Rekreacij von 1992, erzählt die Geschichte einer Nacht in einem kleinen Karpatenstädtchen, in dem ein riesiges Festival stattfindet. Sein zweites Buch Moskoviada, geschrieben in Deutschland, veröffentlicht 1993, ist eine Abrechnung mit der Sowjetunion. Erzählt wird ein Tag im Leben eines ukrainischen Dichters im Mai 1991, wenige Wochen vor dem Putsch und dem Zerfall des Imperiums. Der Dichter wandert durch Moskau und wird dabei immer betrunkener. Perverzija von 1996 kreist um das rätselhafte Verschwinden eines Ukrainers in Venedig, während ja in den Zwölf Ringen, erschienen 2003, einem Westler dieses Schicksal in der Ukraine widerfährt. Das sei sozusagen . . . In diesem Moment klingelt ihr Handy. Olia starrt mit ihren großen blauen Augen auf meine Knie, sagt: „Da – da – !“, und reicht mir das Handy. Das sei jetzt Schicksal, höre ich Juri sagen. Seinem Wagen seien gleich drei Reifen geplatzt, aber wir hätten ja noch drei Lesungen zusammen, ich werde sehen, wie gut alles heute Abend auch ohne ihn werde, Courage, Ingo, Courage!
Als ich um 19.30 Uhr vor dem Polytechnikum, einem Bau der Stalinzeit, eintreffe, fühle ich mich unter meiner neu erworbenen Mütze praktisch unsichtbar. Angeblich hat es sich schon herumgesprochen, dass Juri nicht kommt. „Die fünfhundert Leute sind tatsächlich dein Publikum“, sagt Olia.
Diesen Eindruck teile ich von Anfang an nicht. Als wir auf die Bühne steigen, gibt es die ersten Pfiffe.
(Ich überspringe jetzt einiges aus Zeitgründen.)
Die hundertfünfzig Zuhörer bleiben alle zur Diskussion. Eine Frau, die Julia Timoschenko zum Verwechseln ähnlich sieht, fragt, welche ukrainischen Autoren ich kennen würde. Den einen, den wir alle kennen, sage ich. Und was ist mit Schewtschenko, was mit Antonytsch? Die kenne ich aus den Essays des einen. Ich möchte gern noch Namen nennen, aber mir fallen nur noch Joseph Roth, Bruno Schulz und Nikolai Gogol ein. „Meines Wissens“, sage ich, „gibt es von Antonytsch keine Zeile auf Deutsch, und die einzige deutsche Ausgabe von Schewtschenko stammt von 1951, erschienen im Verlag für Fremdsprachen Moskau. Diese Kenntnisse verbessern meine Situation im Polytechnikum nicht.
Ich höre mich dann selbst von der Analogie unserer Erfahrungen reden, dem Weltenwechsel, von einem System zum anderen, nur dass es in Deutschland praktisch keine Übergangsperiode gegeben habe, hingegen in der Ukraine alles Übergang sei. „Und befindet sich nicht ein Großteil der Welt in diesem Übergang?“ Ich rede von dem Vorteil, den der fremde Blick auf den Westen bietet, und sage, was ich häufig auf Lesungen sage, dass im Osten die Worte die Zahlen verdeckten und jedes Wort so ungeheuer wichtig gewesen sei, während bei uns spätestens seit der Ankunft der D-Mark die Zahlen die Worte verdeckt hätten die Zahlen, die wir wie ein Naturereignis hinnehmen würden, statt zu fragen, auf welchen metaphysischen Annahmen sie beruhten. Die entscheidende Frage jedoch sei: Wo können Worte heute noch etwas anderes erreichen als die Steigerung der eigenen Auflage? Ist eine Talkshow, eine Laudatio, eine Messe noch für etwas anderes gut, als die Auflage um zwei, um zehn oder hundert Exemplare zu erhöhen?
Spätestens hier merke ich, dass ich mich verrannt habe. Denn die Frage nach der Wirkung sollte ich als Leser stellen. Die Ukraine, ruft jemand dazwischen und Olia übersetzt, das war das Gefängnis von gestern, über Nacht in einen basar-woksal, einen „Bahnhofsmarkt“ transformiert. Zusammengefasst sagt er etwa: Das Gesetz des Gefängnisses blieb in Kraft, denn dieses Gesetz ist wesentlich die Gesetzlosigkeit. Mafia sind nicht die Leute, die in Prag auf Ladenbesitzer schießen oder in der Budapester Innenstadt Autos demolieren. Mafia – das sind prinzipiell alle. Korruption als Dauerzustand der sozialen Beziehungen. Prostitution als Normalität.
Ich sage, dass doch jetzt eine berechtigte Hoffnung auf Veränderung bestehe. Die Frau, die aussieht wie Julia Timoschenko, schnäuzt sich und nickt vor sich hin. Eine ältere Dame erhebt sich, ihre Stimme verrät die ewig junge Studienrätin, ihr Deutsch ist fehler- und nahezu akzentfrei. Nach dem sie sich für mein Kommen bedankt hat, fragt sie, ob ich, wenn ich von Übergang, von der Transformation der Gesellschaft spreche, nicht automatisch, also ohne nachzudenken, den Westen als eine Art Endziel darstellen würde, so als wäre alle Geschichte eine Heilsgeschichte, die in dem Maße glücke oder missglücke, in dem sich ein Land verwestliche. Ob ich dem Westler nicht eine Art Zuschauer- oder gar Schiedsrichterposition zuweise, der die Entwicklung der anderen beurteile, ohne dabei zur Kenntnis zu nehmen, dass es ja der Westen sei, der sich immer unähnlicher werde, ja dass es aus ihrer Sicht so aussehe, als nehme sich der Westen den wilden Kapitalismus des Ostens und fernen Ostens zum Vorbild und opfere der Ideologie der Privatisierung das Beste, was er habe, als arbeiteten die Politiker an ihrer eigenen Abschaffung, und ob wir die einfachen Wahrheiten westlichen Denkens vergessen hätten, nach denen zum Beispiel das Effizienzstreben im Einzelnen zu Chaos und Irrationalität im gesellschaftlichen Ganzen führe.
„Langer Rede kurzer Sinn“, sagt sie abschließend, „ist nicht der Westen auch eine Übergangsgesellschaft? Könnten wir nicht alle den letzten Satz aus Joseph Roths Kapuzinergruft unterschreiben, „Wohin soll ich jetzt, ein Trotta …? Sind wir nicht alle Trottas?“ Sie wiederholt ihren Sermon auf Ukrainisch, so dass mir genügend Zeit zum Nachdenken bleibt.
(Aus Zeitgründen überspringe ich meine Antwort.)
Während ich signiere, plärrt aus unsichtbaren Lautsprechern russischer Pop, vor der Bühne wird getanzt. Ich werde aufgefordert herunterzukommen. Aber wir müssen zum Nachtzug nach Lwiw.
Die Schlafwagenschaffnerinnen stehen wie Ordonnanzoffiziere neben den Waggontüren auf dem Bahnsteig. Olia bezieht auch mein Bett. Als ich auf den Gang trete, steht genau jene Frau vor mir, die aussieht wie Julia Timoschenko. Sie verschwindet sofort im Nachbarabteil, Frauenstimmen prusten los, wir hören sie kichern, einmal wird an die Wand geklopft. „Deine Groupies“, sagt Olia. „Zwölf Stunden bis nach Lwiw – nicht der Rede wert.“
Als der Zug anfährt, ertönt Estradenmusik, überall klirrt, scheppert und quietscht Eisen. Die Schaffnerin bringt heißen Tee.
Ich kann nicht schlafen und beginne Zwölf Ringe zu lesen. Mehrmals mache ich das Licht aus und wieder an. Auf Seite 292 schlafe ich endlich ein, doch nur um einen Augenblick später mit einem Muschtschina, padjom, von der Schaffnerin wachgerüttelt zu werden. Bevor wir in Lwiw ankommen, soll der Wagen geputzt werden. Ich traue meinen Ohren nicht. Ja inostranjetz, sage ich, also: Ich bin Ausländer. Tschto?!, kreischt sie. Ich verstehe nur, dass ich angeblich der einzige junge Mensch im ganzen Waggon sei. Ich füge mich mit dem Hintergedanken, heute Abend etwas erzählen zu können. Am schwierigsten ist es, den Tambur von den zahllosen Kippen zu säubern, die an dem rutschigen, von Blutspuren markierten Boden festgefroren sind. Für die Klomuschel verbrauche ich fast fünf Kübel eisiges Wasser. Dabei stören mich andere Reisende, Frauen in flauschigen Kopftüchern und polternde Veteranen mit Orden an den Rockaufschlägen. Nur Julia Timoschenko und ihre Mädchen bleiben unsichtbar.
Die Enttäuschung entsteht an jener unsichtbaren Grenze, wo es zur Berührung des Imaginären mit dem Realen kommt. Und weil diese Grenze tatsächlich unsichtbar ist, kann sich die Enttäuschung manchmal unmerklich in Begeisterung verwandeln. Deshalb euphorisiert mich die Einfahrt in Lwiw. Die Stadt liegt auf malerischen grünen Hügeln. Das Morgenlicht ist so hell und klar, als wäre hier schon Frühling.
Beim Aussteigen schmeiße ich der verblüfften Schaffnerin meine Pudelmütze vor die Füße. Cembaloklänge begrüßen uns aus den Lautsprechern. „Galizien!“, raunt Olia. Nur ein paar hundert Meter vom Bahnhof entfernt verläuft die Wasserscheide zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, erklärt sie mir.
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