Von Grenzpolizisten und anderen Dämonen
(aus Heft Nr. Sonderheft 2009, S. 174-179)Wenn ein Schriftsteller gebeten wird, über die Grenzen Europas zu schreiben, und er dazu auch bereit ist, dann wird er wohl Idealist sein und glauben, die Veränderung der Grenzen Europas, wenn auch in noch so geringem Umfang, beeinflussen zu können, und auch, dass er über die nicht zu verachtenden Binsenweisheiten hinaus etwas Nennenswertes zu sagen hat, denn beispielsweise ist er in einer Grenzregion Europas geboren, und wer sollte berufener sein darüber zu reden als jemand, der diese Gegend nicht nur aus den Abendnachrichten oder von einem spannenden sommerlichen Survivaltraining her kennt, sondern mit verbundenen Augen, vom bloßen Geruch einer Handvoll Erde sagen kann, ob sie aus dieser Grenzregion stammt oder nicht,
als ich also gebeten wurde, diesen Essay zu schreiben, dachte ich, dass mir das allein aufgrund meines Geburtsortes leicht von der Hand gehen müsse, denn eine Gegend, die mehr Grenzgegend ist als Siebenbürgen, kann man, selbst wenn man sucht, nicht finden, zumindest, wenn wir unter Grenze einen Ort verstehen, an dem zwei oder mehr höchst unterschiedliche Kulturen, Interessen, Kräfte aufeinanderstoßen und in Spannung zueinander stehen, ja, in Siebenbürgen hat es daran nie gemangelt, ungarisch, rumänisch, deutsch, jüdisch, zigeunerisch, archaisch und modern, balkanisch und mitteleuropäisch, katholisch, kalvinistisch und orthodox,
stimmt, hier war nie ein Kosovo, stimmt, hier wurde auf der Welt zum ersten Mal die Religionsfreiheit verkündet, aber es gab Zeiten, da konnten sie allein auf ethnischer Grundlage auch hier die Brunnen vergiften und alten Frauen mit der Säge den Kopf vom Rumpf trennen, mit anderen Worten, es ist kein Segen Gottes, hier geboren zu werden, doch wenn man schon einmal hier geboren ist, dann würde man das aus einem ewig unerklärlichen Grund um nichts in der Welt hergeben,
also ich dachte, ich hätte so viele wichtige Gedanken darüber, wo die Grenze Europas sei und was sie bedeute, dass ich eigens ein Heft zu diesem Zweck kaufte, aber augenblicklich stellte sich heraus, dass mir zu diesem Thema überhaupt kein Essay einfällt, dass ich wieder nur Geschichten habe, aber keine Motivation, aus ihnen allgemeingültige Lehren zu ziehen, denn diese Geschichten stammen zwar zweifellos aus der Grenzregion Europas, doch sind es vor allem meine Geschichten,
für mich war es wichtig, einer der Ersten zu sein, die ohne Pass die ungarisch-rumänische Grenze überquerten, nicht einmal unbedingt wegen des Gefühls der Grenzenlosigkeit, sondern als Antwort auf eine Ohrfeige, denn im Herbst 1984 hatte ein Genosse Hauptmann oder Oberst versichert: mit diesem heimatlosen Pass nie wieder auf rumänische Erde, worauf mein Vater in seiner Not erwiderte, nicht mit einem heimatlosen und nicht mit einem ungarischen Pass werde er heimkommen, nein, ganz ohne Pass, und schon schlug der Staatssicherheitsoffizier meinen Vater so ins Gesicht, dass er gegen die Wand flog, und weil es nicht die Situation war, in der man eine Ohrfeige hätte zurückgeben können, und weil zwanzig Jahre später der Leberkrebs keine Rücksicht darauf nahm, dass es kaum noch ein halbes Jahr bis zum rumänischen EU-Beitritt dauern würde, erbte ich diese Ohrfeige, hatte also jeden Grund, einer der Ersten zu sein, die einen einfachen, alten ungarischen Personalausweis zückten, als der rumänische Grenzpolizist das Zugabteil betrat,
und die Grenzpolizisten kenne ich auch schon wie meine Westentasche, ich weiß, wer Kent raucht und wer Marlboro, wer auf Ballantine’s scharf ist und wer keinen Alkohol trinkt, wer dem Dollar mehr traut als dem Euro und wer dich aus dem Zug wirft, wenn du den von ihm erfundenen Vorschriften nicht entsprichst, denn bis zum vergangenen Jahr verlief hier eine doppelte Grenze, eine starke ungarisch-rumänische Grenze und eine mindestens genauso starke Grenze zwischen Europa und Nichteuropa, auf beiden Seiten eine Heimat von mir, also darum kannte ich diese Grenzpolizisten so gut,
und als die Schritte der Grenzpolizisten durch den Waggon dröhnten und mir der Schweiß den Rücken hinunterlief, wie jedes Mal, und ich meinen Pass absichtlich in meiner Brieftasche ließ und den Personalausweis bereithielt, um nicht im letzten Moment Angst zu bekommen und es mir anders zu überlegen, betrat ausgerechnet der schärfste Offizier das Abteil, Nicu, der, wenn er sich eine neue Vorschrift ausgedacht hatte, weder mit Kent noch mit Dollar von ihr abzubringen war, Nicu, der bei minus 20 Grad mit Vorliebe alte Frauen über siebzig und Mütter mit zwei kleinen Kindern aussteigen ließ, weil ihm an diesem Morgen gerade eine neue Vorschrift eingefallen war, nämlich dass jeder, der keine 3000 Euro Bargeld und eine weniger als 24 Stunden alte, notariell beglaubigte, in Bukarest übersetzte Einladung vorweisen könne, aussteigen müsse,
also ausgerechnet Nicu, der Europa vor dieser Horde von Ungarn mit rumänischer Staatsangehörigkeit eifriger geschützt hatte als viele hundert Bürokraten in Brüssel, wie gesagt, als Nicu, der Obergrenzpolizist, hereinkam, da legte ich mir Rechenschaft ab über mein ganzes bisheriges Leben, von der rumänischen Staatsangehörigkeit über die Staatenlosigkeit hin zur ungarischen, später europäischen Staatsangehörigkeit, und mit dem Trotz eines dreizehnjährigen Jungen beschloss ich, dass ich nicht klein beigeben würde, dass ich meinen Pass auch dann nicht hervorholen würde, wenn anstelle meines Vaters jetzt ich diese Ohrfeige bekommen würde, und dass ich sie meinem jetzt gerade dreizehn Jahre alten Sohn als Erbe überlassen werde, genau wie mein Vater sie mir überlassen hatte, schließlich handelt die gesamte Geschichte davon, Ohrfeigen zu vererben, die dann unsere Söhne oder unsere Enkel vergelten müssen, warum sollte ausgerechnet ich eine Ausnahme sein?, warum sollte ausgerechnet ich das alles für eine Ungeheuerlichkeit halten?, und der ungarische, das heißt mittlerweile europäische Personalausweis in meiner Faust war vom Schweiß schon ganz durchweicht, da sagte Nicu, buna ziua, und weiter auf Ungarisch: ich wünsche einen guten Tag, wenn Sie mir freundlicherweise Ihre Reisedokumente vorzeigen würden, ich aber saß nur völlig erstarrt da und traute meinen Ohren nicht, schließlich konnte dieser Mensch vor kaum ein paar Monaten noch kein einziges Wort Ungarisch, zumindest tat er viel dafür, dass sich unter den Reisenden dieser Eindruck von ihm verbreitete,
um Gottes willen, kommen Sie hier bitte bloß nicht auf die Idee durchblicken zu lassen, dass Sie Ungarin sind, liebe gute Frau, sagen Sie bitte nie, dass Sie aus Kolozsvár kommen, hier heißt das Cluj Napoca, und Sie fahren auch nicht nach Budapest, sondern nach Budapesta, denn sonst müssen nicht nur Sie aussteigen, sondern das ganze Abteil, hatten die Tagelöhner, die in die ungarische Tiefebene zur Arbeit fuhren, der alten Frau eingeschärft, aber jetzt sprach Nicu die ungarischen Worte so klar und verständlich aus wie jene zigtausend Rumänen, die es an der Grenze, außerhalb des Wirkungskreises der Störsender, vorgezogen hatten, anstelle der Ceauºescu-Reden mit den Sendungen des ungarischen Fernsehens aufzuwachsen,
und nicht nur seine Aussprache war klar, sondern auch sein Blick, ja, man sah ihm die Erleichterung an, dass er ab heute endlich nicht mehr böswillig sein musste, niemanden mehr erniedrigen musste, sich den Kopf nicht wieder und wieder über Gelegenheitsvorschriften zerbrechen musste, na ja, so ist diese Arbeit zwar weniger spannend und bringt weniger Gewinn ein, aber dafür besitzt auch er jetzt ein Papier, mit dem er vollwertiger Europäer ist, und er bemängelte nicht einmal, dass mein Personalausweis zerknittert war, sondern er wünschte eine angenehme Weiterfahrt und zog die Schiebetür hinter sich zu,
und dann spürte ich für ein paar Momente eine sehr, sehr große Leere, wie ein Drogensüchtiger auf Entzug, denn wenn es diese Ohrfeige nicht gibt, was vererbe ich dann meinem Sohn, wenn es nicht mehr die aus Diensteifer verübten Schikanen gibt, wogegen werde ich dann mit Zähnen und Klauen . . .?, doch so schnell, wie sich Nicus bösartiger Blick geklärt hatte, genauso schnell wurde auch ich frei von diesem würgenden Nichts, und bis der Zug die Grenzstation zuckelnd verlassen hatte, war ich schon sicherer als je zuvor in meinem Leben, dass es den Herrgott geben muss, ich wusste nicht nur, dass er existiert, ich kannte sogar seinen Namen, ja, der Herrgott heißt in Wirklichkeit Europäische Union, und an dem frisch getünchten Stationsgebäude flatterten auch die vielen kleinen gelben Sterne auf blauem Grund, wie eine Art Heiligenschein, und sie flatterten auch auf den noch nicht renovierten Baracken, an den Bretterbuden der Zigeuner und am dampfenden Müllplatz,
bisher ist dieser endlose Müllplatz die östliche Grenze Europas gewesen, doch das hat sich nun spürbar geändert, ich würde übertreiben, wenn ich behauptete, dass es nicht mehr genauso stank wie gestern, nein, es stank durchaus genauso, und die Krähen zogen über ihm genauso ihre Kreise, die Männer sammelten genauso das Altmetall und die Frauen das schimmlige, aber noch ganz brauchbare Brot, genau wie gestern, und auch die Kinder wurden noch genauso fündig, für ein Kind ist ein Müllplatz eine wahre Schatzgrube, das weiß ich aus eigener Erfahrung, ich hatte zum Beispiel von einem ähnlichen Platz meinen nicht mehr aufblasbaren Lederfußball und meinen Roller ohne Räder, und jener Müllplatz war viel kleiner, man könnte sagen ärmlicher als dieser, einer am Stadtrand, der hier dagegen ist ein Müllplatz am Landesrand, bis gestern hatte er sogar den Rand einer ganzen Kultur bedeutet, aber irgendwie konnte man trotzdem eine Veränderung spüren, nämlich dass hier jetzt keine Grenze mehr war, sondern ein nützlicher, organischer, sich im Zerfall befindlicher Teil jener Welt, die bald die geplatzten Lederfußbälle aufblasen, an die rostigen Roller Räder montieren, die aus Pferdekadavern hervorbrechenden Gase in elektrische Energie umwandeln wird, und diese Energie wird die Melkmaschinen antreiben, die es dann in jedem Stall geben wird,
worauf Csabi Pál zu Hause in Szárhegy nur müde abwinkte, da kann ich doch nur lachen, Nachbar, eine Melkmaschine!, so eine werde ich haben, wenn sie den Zölibat abschaffen, fürs Erste freue ich mich, wenn ich im Frühjahr jemanden finde, der mir die Kühe mit dem Lastwagen auf die Sommerweide hochfährt, weil so ein Rindvieh in Brüssel sich ausgedacht hat, dass es verboten sein soll, die Kühe mehr als zehn Kilometer pro Tag laufen zu lassen, ich durfte damals noch zwölf Kilometer zur Schule laufen, und das Gleiche zurück, und gestorben bin ich daran nicht, aber einer Kuh steht seit gestern ein Taxi zu, alle zwei Stunden dreißig Minuten Pause, damit sie keinen psychischen Schaden erleidet, worauf ich sagte, reg dich ab, Csabi, das sind nur die Startschwierigkeiten, vor ein paar Jahren hätte noch keiner von uns geglaubt, dass wir je mit dem Personalausweis über die ungarisch-rumänische Grenze können würden, und na bitte, glaub mir, es ist besser, wenn die Kühe keinen psychischen Schaden erleiden, als dass du deinem Enkel Ohrfeigen vererben musst, damit er etwas abzuzahlen hat, worauf er antwortete, weißt du was, ich vererbe ihnen nichts, Herrgott nochmal, sogar die zwei Pferde schlachte ich, na schenk mir noch einen kleinen Gemischten ein, bevor sie den auch noch verbieten,
und jetzt erzähle ich lieber nicht, was so ein Gemischter ist, denn den haben sie nur deshalb noch nicht verboten, weil sie ihn nicht kennen, aber wenn jemand ein kleines Muster nach Brüssel schicken würde, dann bestimmt, und das möchte ich wirklich nicht, dabei schädigt er die menschliche Psyche zweifellos gründlich,
und ein paar Tage später schluchzte die Ärztin im Waisenhaus von Marosvásárhely eine ganze Nacht lang, sie wollte kündigen, denn nach der neuen Regelung darf eine Mutter, wenn sie nicht schriftlich auf ihr in der Geburtsstation vergessenes Kind verzichtet hat, dieses jederzeit abholen, ungefähr wie einen Regenschirm, den sie im Bus liegen gelassen hat, bloß eines haben sie zu regeln vergessen, nämlich dass es keinesfalls möglich sein darf, eine solche für das Abholen nötige Bestätigung mit Schmiergeld kaufen zu können, eine Bestätigung, der zufolge eine sogenannte menschenwürdige Unterbringung des Kindes gewährleistet ist, zumindest so menschenwürdig, wie ein von Salpeter zerfressenes Dorf oder ein Waisenhaus voll Kakerlaken menschenwürdig sein können,
allerdings besteht kein Zweifel, dass die Umstände bald besser werden, ja, auf dem Papier sind sie das längst, nur die mit EU-Geldern finanzierten Renovierungsarbeiten sind ein wenig ins Stocken geraten, denn der oberste Leiter der Waisenhauskontrollbehörde im Komitat baut gerade,
das staatliche Kindererziehungsgeld hingegen ist mittlerweile ausgesprochen europäisch, es gibt auch schon Rechtsanwälte, die sich darauf spezialisiert haben, die nötigen Papiere zu beschaffen, das Büro H & Co. ist Ihnen gerne behilflich, die beste finanzielle Unterstützung zu bekommen, ganz ohne Vorschuss, nur 25 Prozent der Zuwendung monatlich, und das Waisenhaus ist also gezwungen, der Mutti das im Krankenhaus vergessene Kind herauszugeben, auch wenn alle wissen, dass die Papiere, die die menschenwürdige Unterbringung bestätigen, keinen Furz wert sind, und als gestern ein Vati diesen melonengroßen Wasserkopf sah, wurde er so depressiv, dass er den anderthalb Jahre alten kleinen Tamás an den Füßen packte und seinen Kopf an der Wand zerschlug,
und da versuchte ich meine frühere Jugendliebe, die inzwischen Waisenhausärztin ist, zu beruhigen, sie aber brüllte mir ins Gesicht, weißt du was, steck dir deine Europäische Union doch sonst wo hin, und deinen ungarischen Personalausweis dazu, aber zum Glück kündigte sie schließlich nicht, und ein halbes Jahr später gelang es doch noch, das Waisenhaus zu renovieren, für jedes Kind ein eigenes Gitterbett aufzutreiben, und EU-kompatibles Spielzeug aus Plastik, das in chinesischen Kellerwerkstätten von nicht EU-kompatiblen Kindern hergestellt wurde,
das allerdings ist weit jenseits der europäischen Grenze, so weit weg, dass es uns vielleicht selbst dann nicht gelingen würde, bis dorthin zu sehen, wenn wir es wirklich wollten, überhaupt müssten wir zuerst die Grenzen Europas sehen, aber ich fürchte, was es nicht gibt, wird für ewig unsichtbar bleiben,
denn so unangenehm es auch sein mag, dieser Kontinent heißt Eurasien, und wir werden immer nach unseren Möglichkeiten, Interessen, vor allem aber nach unseren Ängsten entscheiden, welcher Fluss sich zwischen dem Eur und dem -asien dahinwälzen muss,
gerade ist der Pruth an der Reihe, gerade ist es die rumänisch-moldawische Grenze, wo jener Grenzpolizist seinen Dienst leistet, der sich unerfüllbare Vorschriften ausdenkt und von den Rumänen auf der anderen Seite der Grenze Papiere verlangt, die kein Mensch besorgen kann, genau so, wie er sie vor kaum einem Jahr von den Ungarn auf der anderen Seite der Grenze haben wollte,
ein schwitzender Offizier mit Tellermütze und bösartigem Blick, der unsere wohl bewährten moralischen Normen schützt, und unsere noch mehr bewährte Doppelmoral, unsere wohl bewährte Kultur und unsere weniger bewährten humanitären Vorstellungen, und es ist völlig verständlich, dass er dort steht, keiner von uns kann Rechenschaft darüber verlangen, denn wo Interessen miteinander im Konflikt stehen, gibt es Angst, und wo Angst ist, braucht man Schutz,
ich könnte auch sagen, was bei Lissabon noch wunderbare Abenddämmerung ist, das ist im Osten schon finstere Nacht, ja, das dürfte die wahrscheinlichste Grenze sein, Europa geht bis zu dem Fluss, von dessen Ufer aus man die Abenddämmerung an der Küste des Ozeans zumindest noch erahnen kann, und für uns wird das, was jenseits dieses Flusses ist, immer fremd, hoffnungslos und furchterregend bleiben.
(Aus dem Ungarischen von Agnes Relle)


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