Ilma Rakusa

„European Borderlands“ – Dialog ohne Grenzen

Eindrücke aus Lemberg, Iasi und Chisinau

(aus Heft Nr. Sonderheft 2009, S. 10-21)

I

Lemberg

Das Flughafengebäude hat die Ausmaße eines Provinzbahnhofs. Die 850000 Einwohner zählende Hauptstadt der Westukraine Lemberg oder Lwiw (russisch Lwow, polnisch Lwów) empfängt den Besucher bescheiden. Der Raum, in dem sich die Pass- und Zollkontrolle endlos hinzieht, erinnert mit seinen Säulen und Täfelungen an einen wohnlichen Wartesaal. Sowjetischer Klassizismus en miniature; die Eingangshalle dann steif-pompös, mit Friesen im Stil des Sozialistischen Realismus.

Auf dem Weg ins Hotel Dnister rattert der Wagen über uraltes Kopfsteinpflaster voller Buckel, Dellen und Löcher. Die Straßen winden sich, gesäumt von Bäumen und teilweise prächtigen Häusern, deren Zustand unprächtig ist. Straßenbahnen fahren quietschend um die Kurven. Die dominanten Farben: Gelb, Grau, Grün. Dazwischen Reklamengelichter.

Das Hotel Dnister, am oberen Ende des Iwan-Franko-Parks gelegen, ist ein Koloss aus der Sowjetzeit und hat diese beängstigend konserviert. Dumpfes Entree, rüde Rezeptionisten, bullige Etagendamen, Rundumkontrolle. Der Gast wird misstrauisch beäugt. Bezahlt wird im Voraus. Prostitutki sind aber keine zu sehen.

Sofia Onufriw, der Engel, nimmt sich unser an. Führt uns durch den abschüssigen Park (Vögel, Liebespaare, Kindergeschrei) hinunter zur Universität und weiter zur Kopernikusstraße. Im Palast der Künste, gleich neben dem Potozki-Palast, findet die Buchmesse statt. Doch jetzt geht es weiter (rascher Geldwechsel in einer winzigen Wechselstube) zum Freiheits-Boulevard und ins Opernhaus. In diesem kakanischen Prachtbau wird das Erste Internationale Literaturfestival unter dem Titel „European Borderlands“ eröffnet (initiiert und gesponsert von der Münchner Allianz Kulturstiftung). Voller Saal. Das Volksensemble „Burdon“ spielt anfeuernd zum Auftakt. Es sprechen der Bürgermeister, der Bezirksgouverneur, die Messedirektorin, Innenminister Jurij Luzenko, ein Hoffnungsträger der Orangenen Revolution. Applaus, Applaus, als Luzenko eine Minimalbibliothek als Grundausstattung für die Polizei fordert und der Messechefin einen Laptop überreicht. Die Zeremonie hat etwas betulich Feierliches, zugleich aber Anrührendes: das einheimische Publikum ist fein herausgeputzt und sichtlich stolz auf das neue Festival, das der „Löwenstadt“, die bald ihr 750-jähriges Jubiläum feiert, zusätzlichen Glanz verleiht.

Draußen, im lauen Septemberabend, die flanierende Jugend, lässig, modebewusst. Die Mädchen auf hohen Absätzen. Sie staksen elegant übers Kopfsteinpflaster. In den engen Gassen der Altstadt hallen ihre Schritte, hallt ihr Lachen.

Sofia lotst uns durchs Gassengewirr in ihr Lieblingslokal, „Kilikia“. Wuliza Wirmenka, Armenierstraße, gleich daneben steht die Kirche aus dem 14. Jahrhundert. Ein hoher Raum, kein Lärm, kein Rauch. Wir sitzen an einem langen Tisch – Martin Pollack, Juri Andruchowytsch, Marius Iva¨kevièius, Thomas Brussig, Jurko Prochasko –, essen ukrainischen Borschtsch und Lammspießchen und trinken einen feurigen Wein. Die vielen Eindrücke machen schwindlig, das Hintergrundgeräusch mehrerer Sprachen.

Lemberg. Was magischer Name war, bekommt langsam Gesicht. Der Marktplatz – Rynkowa Ploschtscha – ist am Hang hingebreitet, ein riesiges Geviert, und jedes Haus hat seine Geschichte. Da, höre ich Sofia durch die Nacht, ist das „Regula-Haus“, dort der Lubomirski-Palast. Als ich nach dem Ghetto frage, winkt sie ins Dunkel. Übrig ist nichts. Nur Ruinen. Hier aber, im Herzen des Herzens der Stadt, Cafés, Kirchen, altes Gemäuer, dass die Luft stockt vor Sättigung. In Lemberg lässt sich lesen wie in einem steingewordenen Buch.

Ars longa, vita brevis steht über dem Eingang des Palastes der Künste, der die Buchmesse kaum noch zu fassen vermag. Auf drei Stockwerken herrscht Gedränge und Geschiebe, auch der Andrang vor den Ständen im Freien ist groß. Das Sortiment reicht von Computer-Fachliteratur bis Esoterik, zahlreich die Werke zur christlichen Theologie und zur Geschichte der unierten Kirche, Judaica sind kaum zu finden. Auch die Auswahl an übersetzter Literatur enttäuscht: Von Dan Brown einmal abgesehen, entdecke ich Haruki Murakami und Eric-Emmanuel Schmitt, Frischs Stiller und Ingeborg Bachmanns Malina, daneben Nietzsche, Hannah Arendt, Paul Ricoeur und Eric Hobsbawm. Deutschsprachige Gegenwartsautoren lassen sich an einer Hand abzählen: Grass, Judith Hermann, Ingo Schulze und Thomas Brussig. Ich kaufe mir in einer Schulausgabe die Gedichte des ekstatischen ukrainischen Modernisten Bohdan Ihor Antonytsch, lese: „Der Herr der Stadt – ein Löwe – schläft beim Arsenal, / und langsam steht er auf, die leeren Plätze hallen, / die Helden schlafen, in Bordellen dröhnt Gesang, / der Regen inspiriert gefangene Rebellen ...“ Erschienen 1936, im Buch des Löwen, ein Jahr später starb Antonytsch mit achtundzwanzig an den Folgen einer Blinddarmoperation. Heute ist er ein Kultautor der Jugend. („Es wächst Antonytsch, und es wachsen die Gräser.“)

Die Jugend: Sie drängt sich zwischen den Ständen, sie drängt sich im Woskresinnja-Theater, wo die meisten Lesungen des Festivals stattfinden. Ein wunderbar abgewrackter Ort. Von der Straße geht es zuerst durch eine muffige Passage, dann betritt man eine Art Foyer oder halbe Rumpelkammer und schließlich das ovale Theater. Die Bühne ist klein, der Zuschauerraum steigt steil an. Seitlich Säulen. Jeder Sitz- und Stehplatz ist belegt. Ich verbringe hier Stunden, an eine Wand oder einen Nachbarn gelehnt, weil ich sofort verzaubert bin.

Andruchowytsch liest einen geopoetischen Essay, mit sonorer Stimme und Witz. Viele Lacher, viel Zwischenapplaus, und am Schluss tosender Beifall. Die Fragen wollen nicht aufhören, mancher Zuspätgekommene setzt sich dem Meister zu Füßen, der keine Nähe scheut, geübter Performer und Star. Bewunderer sind viele im Saal (darunter hübsche weibliche Fans), aber auch Ratsuchende. Ein Autor dieses Formats gilt (noch immer) als Autorität, als Identifikationsfigur. Zumal in politisch und wirtschaftlich labiler Zeit. Und die Literatur als lebenswichtig. Was Ingo Schulze mit dem Satz quittiert, auch er wäre gern ein ukrainischer Schriftsteller.

Wie viel Literaturbegeisterung verträgt der Mensch? Eine Menge, weiß der Saal, der gebannt dem Junggenie Lubko Deresch und den rappenden Rhythmen von Serhij Zhadan lauscht. „… Alle haben den harten Schlag der Herzen gehört, / als sie am Sarg standen, / sich ein paar Tröpfchen Rotz und Wasser von ihren / Dolce & Gabbana wischten / und Hennessy aus Einwegbechern kippten. / Tja, Kolja, haben sie gesagt, was für eine Heimzahlung. / Auf den endlosen Offshore-Feldern / sind wir wie Wildgänse im Herbst, die Leber voll Schrot, / in die kalten Wasserläufe des Vergessens gefallen.“ Zhadan elektrisiert. Das rotzfreche Ungestüm, mit dem er die postkommunistische Wirklichkeit entlarvt, ist von ansteckender Energie. Und wie er aus dem Maroden Funken schlägt. Als entzündete sich seine Sprachphantasie am Widerstand der verrotteten Realität. Ein Anarchiker, der Verse baut, Verse von schlagender Wucht. Neben denen die des Weißrussen Andrej Chadanowitsch fast verspielt wirken, obwohl sie manchmal grimmig sind.

Auf die Uhr schaut keiner. Die Poesie, auswendig deklamiert in der Zielgeraden des Moments, lässt Zeit vergessen. Es gibt nur Intensität und Jetzt.

Draußen reibe ich mir die Augen. Zwei Straßenkehrerinnen in orangefarbenen Overalls sind mit Besen und Schaufel unterwegs. Sie werden von flinken Studentinnen überholt, die plötzlich alle Gehsteige bevölkern. Lemberg, erzählt Sofia, hat mehrere Hochschulen mit insgesamt 120000 Studenten, was einem knappen Siebtel der Einwohnerzahl entspricht. Eine jugendliche Stadt, will es scheinen. Und beschwingt. Handys klingeln, Absätze klappern, geschulterte Taschen wippen beim zügigen Schritt. Man könnte die Atmosphäre prickelnd nennen, swinging. An diesem milden Herbsttag im Festivalrausch.

Denn Lesungen gibt es überall: auf Straßen, Plätzen, selbst auf dem Rathausturm (durchs Megaphon). Vor der Oper erschallen Verse, eine andächtige Menge hört zu. Andruchowytsch nennt die Ukraine „poesiezentrisch“, weil die Poesie es gewesen sei, die ihr „im desaströsen 19. Jahrhundert“ zum sprachlichen (und nationalen) Überleben verholfen habe. Noch immer ist sie fähig, Säle zu füllen. Ganze Plätze.

Kurz verziehe ich mich in die Ikonensammlung des Nationalmuseums. Es ist still, fast menschenleer zwischen den bärtigen Heiligen und ernst blickenden Müttern Gottes. Die Motive gleichen sich, die Gesten, und doch langweilen sie nie. Da und dort leuchtet ein rotes Gewand vor goldenem Grund. Das Jesuskind – uralt.

Draußen, um die Ecke, ein Markt mit ukrainischen Felljacken und gestickten Hemden, mit Decken, Taschen, Holzschnitzereien, Schmuck. Bilder sind auch dabei, meist religiöser Kitsch. Ich kaufe einen Holzkamm, als Souvenir.

In der unierten Verklärungskirche wieder Ikonen, von bestickten Tüchern eingefasst. Betende. Nicht nur alte Frauen. Dass einer meiner Vorfahren mütterlicherseits unierter Bischof in U¸horod war, weckt verwandtschaftliche Gefühle.

Die Krakiwska führt direkt zum Marktplatz, wo im Historischen Museum eine European-Borderlands-Debatte über „Geopoesie“ stattfindet. Was für ein Ort! Mit seinem Arkadenhof im italienischen Renaissancestil und dem Thronsaal, in dem 1686 der polnisch-russische „Ewige Friede“ unterzeichnet wurde. Hier lässt sich trefflich über das Beständige und das Ephemere nachdenken.

Natürlich einigen wir uns nicht. Geopoetische Verortungen sind relativ, in diesem Osten Europas, der seine Grenzen so oft verschoben hat. Es reicht, mit Marius Iva¨kevièius den Finger auf Wershbolowo zu legen: Im zaristischen Russland ein Eisenbahnknotenpunkt mit prächtigem Bahnhof ist es zu einem gottverlassenen ostlitauischen Nest geworden, verlockend höchstens für Schmuggler. Mit welcher Geschichte soll sich der Nachfahre identifizieren? Da lohnt es sich eher, den virtuellen Zug 76 (Potjah 76) zu besteigen, um mit Juri Andruchowytsch & Co. eine Fahrt jenseits bestehender geographischer und politischer Grenzen anzutreten. (Der reale Sechsundsiebziger, der einst zwischen Danzig und Varna verkehrte, kriecht nur noch durch die Westukraine.)

Grenzen überwinden heißt allerdings nicht, sie zu bagatellisieren. Auch nicht die Sprachgrenzen. Es gibt sie, zwischen dem Russisch sprechenden Osten der Ukraine und dem Ukrainisch sprechenden Westen, und keiner behaupte, es gehe nicht um Macht. Statt Gerangel ums Monopol wäre gegenseitiger Respekt die probateste Lösung, gepaart mit Verständnis. Und sieh mal an, wie es im Kleinen funktionieren kann. Im Woskresinnja-Theater liest der Moskauer Viktor Jerofejew Auszüge aus einem Roman (auf Russisch), sein ukrainischer Übersetzer liest die Passagen auf Ukrainisch. Jedes Mal schallendes Gelächter, was heißt, dass die Übersetzung mithält, ja geradezu ingeniös Wortspiele, Kalauer usw. transponiert hat. Das Werkstattgespräch zwischen Autor und Übersetzer sorgt für Furore: ein kongeniales Hin und Her, so kreativ, wie man sich jeden Dialog wünschen möchte. Das ist „Crossing Borders“ live.

Am nächsten Morgen, unterwegs zum Zentralmarkt (Krakiwski rynok), treffe ich Ecke Spitalna/Kotljarska auf Martin Pollack. Wir stehen vor der Gedenktafel für Scholem Alejchem, der 1906 hier lebte. Ein ehemals jüdisches Viertel, mit Spital und Schulen und großem Friedhof. Wo einst das Gräberfeld war, dehnen sich die Hallen und Stände des Markts. Ein riesiges Areal, bunt, summend, die Ware oft billiger Ramsch. Zwei blinde alte Frauen, sich schwesterlich an den Händen haltend, singen mit Engelsstimmen Volkslieder. Doch das Tellerchen vor ihnen ist leer. Nebenan eine Szene wie von Serhij Zhadan: Vor flammend grünem Gemüse ein junges Pärchen, er und sie. „Die Taschen sind mit grünen Sachen voll, / assyrische Goldmünzen, Schmerztabletten, / süße Liebe, verzauberter Paprika.“ Nur der tote Fisch im Arm fehlt.

Taschen: große, karierte, solide, in denen sich die halbe Habe der Armen transportieren ließe. Die Nomadenhypothek. Wer nicht kauft, verkauft, bettelt, der lungert herum, auf Okkasionen hoffend. Aus Kassettenrekordern laute Musik, gewollt kaufstimulierend. Mich trägt das Kopfsteinpflaster zuverlässig zum kleineren Markt an der Torhowa (Berge von Quark, Frischkäse) und weiter zu den Armeniern.

In der alten Kirche findet gerade eine Erwachsenentaufe statt. Das Mädchen ist Anfang zwanzig, die drei Sängerinnen, die die Zeremonie herzerschütternd begleiten, dürften nicht älter sein. Monoton die Gebete des Priesters, ekstatisch schön der Gesang. Spielend überwindet er die Grenzen von Zeit und Raum. Aber das Haar des Täuflings ist nass. Fasse es an, wer dem Zauber nicht traut.

„Klein-Armenien“ liegt inmitten der Lemberger Altstadt, und diese ist an diesem sonnigen Samstag eine einzige Bühne für Hochzeitspaare. Schäumendes Weiß vor Kirchenportalen und Säulen, vor Denkmälern und Fassaden, vor einer schwarzen Wolga-Limousine und im Grün der Parks. Einzelne Paare, mehrere, ganze Gruppen, von Fotografen belagert; das Glück ist ansteckend und will Gesellschaft. Gegen so viel natürlichen Frohsinn vermag die Poesie wenig. Die Rufer von den Türmen tun sich schwer. Also sitzen sie lieber im Künstlercafé Dsyga, gestikulierend, debattierend. Sprachverstärker, nennt sie Juri Andruchowytsch. Visionäre, Geisterjäger und Reanimatoren, die (auch weiterhin) nach Europa suchen.

Am Abend und bis spät in die Nacht haben sie ihren Auftritt im Club-Café Ljalka. Das vorwiegend junge Publikum strömt, weil es zur Sache geht. Schrille Provokationen, lyrischer Hardrock, viel Slang und Mädchen „mit Silikonlippen“. Gastgeber Ostap Slyvynsky: „Das Gedicht / beginnt im Staub, klirrt verhasst / wie zerrissenes Zaumzeug.“

Das Schräge kommt hier an, in Wort und Kleidung. Verrauchtes Ambiente, Bier, Wein. Bonbons – keine. Nach dem Keller eine sternklare Nacht.

Auf der Fahrt nach Czernowitz – im Moskauer „Expresszug“, der für die zweihundert Kilometer sechs Stunden braucht – habe ich Zeit, die Landschaft zu betrachten. Die Weiler mit den blaukuppeligen Kirchen und „Hütten“, mit Teichen, Gänsen und mageren Kühen, die endlosen Felder mit den rauchenden Kartoffelfeuern, die Flüsse und Wäldchen und den fernen Höhenzug der Karpaten, die holprigen Straßen, gesäumt von Kapellen und Ziehbrunnen und Bauerngärten. Und ich habe Zeit, über die „Engel und Dämonen der Peripherie“ nachzudenken, genauer über die Frage, was dieses ostmitteleuropäische Grenzland denn ausmache. Nach Andruchowytsch ist es „ein Territorium außergewöhnlicher historischer Belastungen“, „eine erdbebengefährdete Übergangszone zwischen diversen Imperien“, „die kleine Heimat der illegalen Arbeitskraft“, „eine Exportzone menschlicher Organe“, „ein Terrain überwiegend schlechter Straßen“, „ein Territorium, in dem zu viele Sprachen gesprochen werden, als dass man ihn als Raum einer wie auch immer gearteten gemeinsamen Identität, außer der babylonischen, begreifen könnte“, „ein Raum absoluter und chronischer existentieller Unsicherheit, weshalb man ihn für äußerst religiös hält“. Ich würde ergänzen: Ein Raum, in dem Melancholie und Leidenschaft, Verzweiflung und Begeisterung eine seltsame Mischung eingehen und die Widersprüche phantastische Blüten treiben. Eine Weltgegend, die keinen, der sie betritt, gleichgültig lässt, während ihre Bewohner sie scharenweise verlassen.

Der ätzende Rauch der Kartoffelfeuer treibt mir Tränen in die Augen. Im Volksmund heißt es über den September: Die Ukraine weint. Aber was tun beim Anblick des verwilderten jüdischen Friedhofs von Czernowitz, den die Natur erbarmungslos-erbarmend zurückerobert? Jene Tränen reichen nicht.

II

Iasi. Chisinau

Der Pruth fließt durch Czernowitz und unweit von Iasi. Eine Distanz, kaum der Rede wert, wäre da nicht die eiserne EU-Außengrenze. Aus dem kleinen Propellerflugzeug, das mich aus Timisoara nach Iasi bringt, winke ich Richtung Ukraine. Spielzeughaft harmlos liegt die Landschaft unter mir. Luftlinie erscheint die Entfernung als reinste Bagatelle.

Winzig das Rollfeld, miniaturesk das Flughafengebäude. Die Universitätsstadt im Nordosten Rumäniens liegt peripher. Und bildet durch ihre Grenznähe eine ideale Borderlands-Destination. Zudem gilt sie als eine Hochburg der Literatur, mit verschiedenen Autorengruppen (wie Club 8), Zeitschriften, literarischen Treffs. Kaum angekommen, eile ich schon ins Sage Café, um mit Iulian Ciocan zu lesen.

In diesem hohen Raum mit seinen patinierten Tischen, Stühlen und Wänden ließe sich gut schreiben, gleichsam im Windschatten der Welt. Die wenigen Plätze sind besetzt, die Fragen unaufgeregt. Draußen Sommer.

Entlang der geraden, ansteigenden Straßen duftende Linden (auch Akazien und Kastanien). In den Nebenstraßen mit ihren halbverfallenen Villen und üppigen Gärten riecht es betäubend nach allem. Und schon sitzen wir im lauschigen Restaurant „Monte Carlo“ unter einer Pergola aus Reben, die an einen ländlichen Obstgarten grenzt. Julia Schoch, Monika Rinck, György Dragomán, Attila Bartis, Filip Florian, die Moldawierin Nicoleta Esinencu und die Ukrainerin Tanja Maljartschuk. Spezialität der Region: Hühnersuppe, dann Schweinepörkölt mit Maisbrei und Brinza. Das nährt. Denn nun folgt die Lesenacht am Rande des Stadtparks, im Freien, drei Stunden lang.

Unterm offenen Himmel verhalten sich die Worte wie Vögel: flattern, steigen auf, verfliegen sich. Melodiöse rumänische Worte mit slawischen Palatalen. Übersetzt enthüllen sie ihre Härte: „ich bin 26 und / es ist das erste Mal, dass ich schwarz sein will / ich habe mich daran gewöhnt zur Botschaft zu gehen / Schlange zu stehen / und ein Visum zu beantragen / ich habe mich nicht daran gewöhnt eine nationale Identität zu haben.“ Nicoleta Esinencu. Als Mircea Dinescu liest, bleiben auch Spaziergänger stehen. Liebespärchen, Familien mit Kindern. Bilden Trauben, applaudieren dem Mann, den sie aus Zeitung und Fernsehen kennen und der so unverschämt offen ausspricht, was sich keiner getraut.

Am nächsten Vormittag, im Senatssaal der Universität, dreht sich das Gespräch um die „neuen Insider und Outsider“. Die EU-Rumänen stehen den Moldawiern gegenüber, die außen vor sind, nämlich durch eine brutale Grenze getrennt. Während sie doch dieselbe Sprache sprechen, demselben Kulturraum zugehören. So schlimm war die Situation nicht einmal in Ostblockzeiten. Ein Moldawier, der heute seine rumänischen Verwandten besuchen möchte – und sei es auf der gegenüberliegenden Seite des Pruth, nur einen Steinwurf entfernt –, braucht ein Visum, für das er tagelang anstehen muss. Die Frustration ist gewaltig, das Gefühl, benachteiligt und isoliert zu sein, schmerzt. Zwischen moldawischen Dritte-Klasse-Bürgern und rumänischen EU-Bürgern klaffen – praktisch, nicht mental – Welten. Was unweigerlich zu Ressentiments führt. Da sitzen sie nun, die Dichter von hüben und drüben, um den langen Senatstisch und reden Klartext. Wünschenswert wäre mehr Kommunikation, mehr Zusammenarbeit, mehr Solidarität. Visaerleichterungen müssten erwirkt werden. Über den PEN, auf internationalen Druck? Vasile Gârneþ soll sich nicht mehr als „Hamster im Rad“ fühlen.

In den Gesprächspausen kursieren Zeitschriften und Bücher. Nichita Danilov drückt mir eine Lyrikanthologie des Club 8 in die Hand, ich lese: „es gab eine traurige frau an diesem ort / eine frau mit aluminiumaugen / und mit einem taschentuch / am mastbaum ihres herzens / wir saßen auf beiden seiten des tisches / und die kleinen gesten erstarrten / gleich hunden …“ (Dan Lungu). Fragt sich, was in diesem Winkel der Welt surrealer ist, die Poesie oder die Wirklichkeit.

Phantastisch wirkt das architektonische Kuddelmuddel der Stadt. Im Zentrum stehen Gebäude aus den letzten fünf Jahrhunderten (Kirchen und Klöster eingeschlossen); die Hauptstraße, der Unabhängigkeits-Boulevard (Bulevardul independentei), ist eine von uniformen Plattenbauten gesäumte Schneise, die Ceauºescu in das alte Iaºi hat schlagen lassen. Links und rechts davon marode Gründerzeit- und Jugendstilhäuser, halbrenovierte Bauten aus den dreißiger Jahren, krumme Gassen mit kleinen vorstädtisch anmutenden Villen. Die Lokale heißen „Gaudeamus“, „Ginger Ale“, „Time out“, „Golfo di Napoli“. Auch dieser Mix hat seine surrealen Züge, wie die aus allen Gegenden Europas stammenden Straßenbahnen.

Mit Mircea Dinescu in einer Galerie, die sich der Abstraktion verschrieben hat. Unter den aufliegenden Katalogen und Broschüren einige farbige Karten. Die eine (tiefgelb) zeigt einen Universitätsabgänger, dem Wegweiser „Europe“ folgend. Kommentar auf Französisch: Si je ne peux pas ouvrir un cabinet à Bruxelles, je monte une Pizzeria à Munich.

Wie eine Schatulle steht die Klosterkirche der „Drei Hierarchen“ auf grünem Wiesengelände, kompakt, von dekorativen Friesen eingefasst. Vor einem anderen, kapellenartigen Bau hat sich eine Schlange von Schülern gebildet. Ich stelle mich an. Drinnen ein Reliquienschrein mit Überresten der Heiligen Paraskewa, in Blumen gebettet, von Kerzen umstrahlt. Es duftet nach Bienenwachs und Rosen.

Straßen weiter die Sava-Kirche, das Golia-Kloster, wie zeitlose Refugien hinter dicken Mauern. Während die winzige Synagoge, hingekauert an einem Hang, den Blicken der Automobilisten und Fußgänger ausgesetzt ist. Statt Bäumen ein bescheidenes Denkmal für die 1941 ermordeten Juden.

Sonntagabend, vor dem Kulturhaus „Mihai Ursachi“ lesen diesmal nur Mircea Dinescu und Alek Popov. Mit pfiffigem Witz, der zu den Überlebensstrategien gebeutelter Osteuropäer gehört. „wie brotteig wächst sie, meine akte; / sie bläht sich, blubbert, sie geht auf. / geliebte, lass uns ein paar takte / tanzen im abgelegten lebenslauf.“ Was ist wirklich vergangen? Wie viel Post-Post-Kommunismus braucht es, um die Altlasten zu überwinden? Aufstand der Fragen, den die Etagenfrau des Hotel Unirea mit einem Gutenachtgruß beantwortet.

Und auf nach Chisinau. Keiner sage, er sei nicht etwas nervös. Das auf einem Hügel gelegene Iasi liegt schon hinter uns, der Bus kurvt sich langsam hinunter in die Flussebene. Langgezogene Dörfer, Felder, grasendes Vieh. Wäldchen. Eine Landschaft zwischen lieblich und herb. Viel Abwechslung bietet sie nicht. Bald schon nähern wir uns dem Pruth, der die Grenze zur Republik Moldau bildet. Auen kündigen ihn an. Stop. Die rumänische Grenzstation. Einsammeln der Pässe, wir machen uns auf eine längere Prozedur gefasst. Rechts eine große, von hohem Drahtzaun umgebene Wiese, in deren Mitte eine Stele mit hebräischer Inschrift. Der Rest eines jüdischen Friedhofs? Oder ein Ort, wo Juden umgebracht worden sind? Niemand weiß Bescheid. Schweigsam vertreten wir uns die Füße. Bis es weitergeht. Bis die kleinen gelben Sterne auf blauem Grund zurückbleiben und wir auf einer der Brücken, die im euphorischen Jahr 1990 „Blumenbrücken“ genannt wurden, den träge dahinfließenden Strom überqueren. Der moldawische Grenzposten wirkt sowjetisch, die Grenzsoldaten haben steinerne Gesichter. Diesmal dauern die Formalitäten ewig – angeblich, weil wir keine Einladung vorweisen können –, im Bus wird die Atmosphäre klamm. Julia Schoch vertieft sich in ihre Sarraute-Lektüre, das Trio Dragomán-Bartis-Florian, sonst in angeregtester Unterhaltung, schweigt. Werden wir überhaupt abgefertigt, und wann? Die Grenzer telefonieren, geben sich wichtig. Und drücken schließlich einen eckigen Stempel in unsere Pässe: Sculeni/Moldova. Freie Fahrt!

Alleen, die Dörfer ärmlich, mit kapellenähnlichen Ziehbrunnen. Verstreute Kuh-, Schaf- und Ziegenherden, von Hirten gehütet. Die Landschaft wird zunehmend karg, steigt an. Autos sind wenige unterwegs, auf Feldwegen sieht man vereinzelte Menschen und Vieh. Wir fahren über Hügelkämme, die gleichsam Wellen bilden – ein sanftes Auf und Ab, einschläfernd. Nach stundenlangem Geschaukel erreichen wir in der Mittagshitze Chisinau. Die moldawische Hauptstadt scheint aus einer einzigen langen Straße zu bestehen, die mit ihren schattigen Bäumen südländisches Flair verströmt. Auffallend die teuren West-Limousinen (Mercedes, BMW), schwarz, mit getönten Scheiben. Dazwischen tuckern, dunkle Abgaswolken produzierend, einheimische Modelle. Schon auf den ersten Blick regieren im Armenhaus Europas die Kontraste.

Kaum mache ich mich auf Erkundungstour, weht es mich sowjetisch an: Hauseingänge, Vitrinen, Unterführungen, protzige Amtsgebäude. Und alle sprechen umstandslos russisch. Im Puschkin-Park – Puschkin wurde 1820 ins bessarabische Kischinjow strafversetzt und verbrachte hier drei künstlerisch produktive Jahre – sind Freiluftmaler am Werk. Die kleinen Stände bieten Tücher und Halsschmuck an. (Ein Sodalith für 50 Lei soll gegen Kopfweh helfen.) Wie schon in Lemberg bestechen die jungen Frauen durch Eleganz und einen wiegenden Gang. Die etwas zu kurzen Röcke bringen die schlanken Beine voll zur Geltung. Allenthalben Kosmetik- und Nagelstudios; fragt sich nur, für welche Einkommensklasse.

In der „Onisifor Ghibu“-Bibliothek diskutieren wir einmal mehr über die kulturellen Auswirkungen der neuen EU-Ostgrenze. Die Klage der Moldawier nimmt sich vor Ort noch bitterer aus, für Mircea Dinescu ein Grund, das rumänische Polizistentum zu geißeln. Doch die Tatsache, dass wir alle hier sind, den Kontakt und das Gespräch suchen, wird von moldawischer Seite mit Begeisterung und Rührung aufgenommen. Verständigung beginnt im Kleinen. Stolz zeigen uns Vitalie Ciobanu und Vasile Gârneþ die von ihnen herausgegebene Literaturzeitung Contrafort, deren April-Mai-Nummer 2007 neben Aufsätzen über Kulturmanagement und einem Interview mit Orhan Pamuk European-Borderlands-Beiträge enthält.

Abends haben wir die Ehre, Gäste des deutschen Botschafters Wolfgang Lerke zu sein. Auf dem Gang zur Résidence „Das Gelbe Haus“ unterhalte ich mich mit Attila Bartis und György Dragomán. Die beiden Siebenbürger Ungarn, in Marosvásárhely (Tirgu Mures) geboren und aufgewachsen, doch schon seit längerem in Budapest lebend, haben kaum Kontakte zu rumänischen Kollegen, obwohl sie Rumänisch sprechen. Das Nachbarschaftsverhältnis lässt viel zu wünschen übrig, weshalb sie die Einladung nach Bukarest, Iasi und Chisinau als Chance begreifen. Da haben wir Filip Florian kennengelernt, schwärmt Dragomán, und endlich zeige auch ein rumänischer Verleger Interesse an seinem (bereits in zahlreiche Sprachen übersetzten) Roman Der weiße König. Und überhaupt: Alte Erinnerungen kämen hoch, es sei wie eine Zeitreise, sehr berührend. Bartis, ganz in Weiß, mit Hut, nickt. Auf meine etwas gereizte Frage, wie die giftigen Nationalismen in diesen Landstrichen einzudämmen wären, meint er: Das sind Prozesse, die ablaufen, wie sie müssen. Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Im Übrigen: Was bei Lissabon noch wunderbare Abenddämmerung ist, das ist im Osten schon finstere Nacht.

In der bollwerkartigen Résidence werden wir nicht vom Hausherrn, sondern von seinem Stellvertreter empfangen. Die Brötchen sind schnell verzehrt, bald schon räkeln sich alle am Pool. Eine Buñuelsche Atmosphäre macht sich breit, von den Kellnern misstrauisch beäugt. Um Vorschriften kümmert sich niemand, bis wir hinauskomplimentiert werden, in die Nacht. Die Fortsetzung folgt auf der luftigen Terrasse eines Bierlokals und zu später Stunde auf der Hoteletage, nachdem die Aufseherin sich hat erweichen lassen.

Morgens um neun besuche ich die nahe gelegene Kirche. Zu meiner Verblüffung findet ein Gottesdienst statt. Wenige Gläubige, aber viel Gesang (junge Frauenstimmen) und eine Inbrunst, die völlig unkorrumpierbar erscheint.

Auf dem Basar Gedränge und ein Vielvölkergemisch. Auch Zigeune-rinnen. Berge von getrockneten Pflaumen, Aprikosen, geschälten Baumnüssen, Sauerkirschen. In Gläsern Dillgurken, Peperoni, Pilze. Die Waren sind meistens zweisprachig angeschrieben. In den angrenzenden Gassen bettelnde Invaliden, Nonnen, die für ihr Kloster sammeln, ärmlich gekleidete Frauen, die Schuhbänder oder Wiesenblumen verkaufen, womöglich Rentnerinnen mit einer Monatsrente von umgerechnet 15 Euro. Viele Gesichter wirken bedrückt. – In der Armeneasca ist es still, kein Tumult. Kleine herrschaftliche Häuser (aus dem 18. und 19. Jahrhundert), ziemlich baufällig, aber voll Charme. Die Straßen im ganzen Umkreis – es handelt sich um das Universitätsviertel – sind schattig, von Maulbeerbäumen gesäumt, deren brombeerartige Früchte auf dem Gehsteig zerplatzen und winzige rote Lachen hinterlassen. Dann ein seltsamer Anblick: in einem parkähnlichen Garten Tanks, Flugzeugteile, Sowjetschrott. Die nostalgischen Memorabilien gehören zu einem Restaurant namens „Holiday“. Irgendwann stoße ich auf die griechische Kirche und, schräg gegenüber, auf die rumänische Botschaft, vor der sich eine lange Schlange gebildet hat. Polizeiaufsicht, Abschrankung. Hier dreht sich alles um das Drama: „den Garten Europas durch Gitterstäbe betrachten“ (Vitalie Ciobanu). Oder wie es bei Nicoleta Esinencu heißt: „Beim ersten Mal kaufte ich die Fahrkarte mit Ausweis. Beim zweiten Mal kaufte ich die Fahrkarte mit Reisepass. Beim dritten Mal kaufte ich die Fahrkarte mit Visum im Pass. Rumänien ist in die EU gekommen.“

Wer viel bezahlen kann, bekommt ein Express-Visum. Die anderen stehen an. Um auszureisen und vielleicht nie mehr zurückzukehren. Sagt Nicoleta. Und: Das Land ist ein Tollhaus, aber ich mag meine Stadt.

Aus dem Ethnographischen Museum werde klug, wer will. Ein Bauwerk im orientalischen Stil, dessen Sammlung einem Sammelsurium gleicht (steinzeitliche Funde, Trachten, Möbel, historische Fotos), naiv präsentiert. Die Räume werden für mich einzeln beleuchtet, nach meinem Verlassen versinken sie in Dunkelheit. In seltsames Dunkel hüllt sich für mich die ganze Moldau, samt ihrer komplizierten Geschichte und undefinierbaren Identität.

Dann der Lichtblick in der Nationalbibliothek: ein mehrheitlich junges, studentisches Publikum hört sich enthusiastisch die Marathonlesung der European-Borderlands-Autoren an. Vor allem Germanistinnen sind entzückt über die Tuchfühlung mit deutschen Schriftstellern. Ihr Interesse und ihre Sprachkenntnisse übersteigen alle Erwartungen. Es ist spürbar wichtig, dass wir hier sind und ein Zeichen setzen – der Gesprächsbereitschaft, der Anteilnahme. Eulen tragen wir keine nach Athen. Allerdings können wir den Hunger nach Information und Austausch in so kurzer Zeit nicht stillen. Da wären Nachfolgeprojekte gefragt.

Beim Abendessen fehlt es nicht an Anregungen, ja Bitten von moldawischer Seite. Doch so, dass der Moment nicht zu kurz kommt: der herrliche Zander mit Maisbrei und Paprikagemüse, der würzige Merlot (Jahrgang 2001), der aufsteigende Mond am Horizont. Schon Puschkin schwärmte von den hiesigen Tafelfreuden, und er hatte Geschmack. Meine Tischnachbarin Nicoleta Esinencu sieht lächelnd zu, wie wir dem Essen und vor allem dem Wein zusprechen. Sie, die gebürtige Moldawierin, mag keinen Wein. Weshalb sie mir anderntags ihre Künstlerfreunde im Zentrum für Zeitgenössische Kunst vorstellt, auf die Besichtigung der Weinkellerei Mileºtii Mici aber gern verzichtet. Ein sinistrer Ort, der an eine Militäranlage erinnert: mit streng bewachter Einfahrt, einem unterirdischem Straßennetz von insgesamt 55 km Länge und Kellern, wo zwei Millionen (staub- und spinnwebenüberzogene) Weinflaschen lagern, wo in märchenhaft-kitschigen Degustationsräumen statt Schneewittchen und den sieben Zwergen bloß ein paar einsame japanische Touristen an langen Tischen sitzen und aus den Weinbrunnen gefärbtes Wasser sprudelt. Wem gehören diese unermesslichen Vorräte? Und wo sind die Weinberge, die den wertvollen Saft hergeben? Das Auge sucht und wird nicht fündig. Erst aus der Luft entdeckt es Rebhänge in sanfter Staffelung. Also ist es Gorbatschow doch nicht gelungen, die traditionsreiche moldawische Weinkultur auszurotten.

Knappe zwei Stunden dauert der Flug von Chisinau nach Wien, die Länge eines langen Gedankens. Während die innere Zeitreise so schnell nicht an ihr Ende kommt. Sogar Freunden muss man erklären, dass Moldova nichts mit den Malediven zu tun hat – und wirklich existiert. Fast um die Ecke. Ach so. Manchmal würde ich am liebsten zurückschweigen. Aber „European Borderlands“ verpflichtet. Wir haben noch eine Menge zu tun.