Gert Loschütz

Juliabschied

Zum Tod von Rolf Haufs

(aus Heft Nr. 208, S. 402-406)

Ein normalerweise unter Verschluss gehaltenes Foto zeigt uns in lächerlich kurzen Shorts, T-Shirts und Laufschuhen vorm Bücherregal der Enkheimer Wohnung. Er hatte auf dem Rückweg vom Besuch einer Geheim- nis umwisperten Freundin in Bonn ein paar Tage in Frankfurt Station gemacht, und um uns von der Herumsitzerei zu erholen, die mit der Erörterung seiner an die Unbekannte gerichteten Erwartungen verbunden war, hatte ich darauf gedrungen, durch das hinter der Siedlung beginnende Ried zu joggen.

Auf einem anderen Foto sitzen wir, erschöpft von der Wanderung zum hohen Kranzberg, über Elmau auf einer Bank und blinzeln in die Sonne, die Hosen sind bis zu den Knie hochgekrempelt, die in klobigen Schuhen steckenden Beine wie dünne Stöcke.

Auf einem dritten, leider nur in der Erinnerung aufbewahrten Bild sehe ich ihn an einem grauen Ostermorgen im Vogelsberg, in der Schule von F. K. Waechter, zu der wir ihn mitgenommen hatten. Der Schneeregen hat uns so gründlich durchnässt, dass uns die Jacken an der Haut kleben. Fritz war, wie zu erwarten, der schnellste. Er lief vor uns den Berg hoch, bog nach anderthalb Kilometern rechts ab und kam über den Betonweg zurück, während wir hinterher ächzten, er mit kleinsten Trippelschritten, aber einer ungeheuren Zähigkeit, mit der er mich auf den letzten Metern doch noch abhängte.

Ein ebenfalls nicht als Foto, sondern nur in der Erinnerung existierendes Bild zeigt ihn in einer Schöneberger Schwimmhalle, wo wir mit Walter Schürenberg, seinem Vorgänger im SFB, Wasser tretend im Becken stehen, als plötzlich ein anderer Freund prustend neben uns auftaucht und fragt: Geht es hier nach London?

Oder wie er vor der Wohnung in der Weimarer Straße aus dem Auto steigt, dem alten R 4, und die Treppe hochspringt, um Christa, seiner Frau, Bescheid zu sagen, dass wir zu Wendel gehen, wo auch Robert Wolfgang Schnell manchmal saß, die robustere Ausgabe des rheinischen Bohemiens, den er, der Feinnervig-Schüchterne, wegen seiner vitalen Raubauzigkeit mit einer Mischung aus Staunen und Neid betrachtete. Sport- und Bewegungsbilder allesamt, die sich jetzt in den Vordergrund schieben, wie um das andere vergessen zu machen, das letzte Bild, das des Beinamputierten auf dem Bett im ersten Stock des Pflegeheims in der Hohensteiner Straße, der sich gegen die Zumutung der Hilflosigkeit mit dem matten Witz von den Paralympics, bei denen er nächstens an den Start gehen werde, zu wehren versucht.

Nicht immer war es so, sagen die Bilder. Vor dem Unglück lag das Glück. Oder das alltägliche Unglück, das aus heutiger Sicht Glück zu nen- nen ist, damals aber als solches nicht erkannt wurde: das Familienglück, das Glück mit den Kindern, das Rom-Glück, das Aufbruchsglück in der Anfangszeit beim SFB, das Schreib- und Anerkennungsglück, das Ver- liebtheitsglück, das Unruheglück ...

***

Jahrelang gehörte es bei Zusammenkünften jener Handvoll Berliner Autoren, deren Freundschaft bis in die 60er und 70er Jahre zurückreicht, dazu, dass sich irgendwann einer vorbeugte und sagte: Hat jemand Haufs gesehen? Worauf meistens ein kurzes Schweigen eintrat. Nein, es hatte ihn niemand gesehen. Mit der Zeit wurde die Frage dahingehend abgewandelt, dass es nun nicht mehr hieß: Hat ihn jemand gesehen, sondern: hat jemand von ihm gehört. So als rechnete man nicht mehr damit, dass ihn jemand gesehen haben könnte. Er gehörte zu den Leuten, nach denen am meisten gefragt wurde, über die man aber am wenigsten in Erfahrung brachte, weil ihn fast nie jemand zu Gesicht bekam, und wenn doch, wusste er nur zu berichten, was ohnehin schon klar war: dass er den ganzen Abend auf demselben Platz gesessen und bis auf ein paar maulenden Bemerkungen nichts von sich gegeben habe.

Dabei wusste (oder ahnte) man eigentlich immer, wo er sich aufhielt, mochte ihn aber gerade nicht anrufen, weil man sich wieder über ihn geärgert hatte, nicht in Folge eines Streits (den man mit ihm nicht haben konnte, da er ernsthaften Meinungsverschiedenheiten aus dem Weg ging), sondern wegen seiner Unzuverlässigkeit, oder besser: seiner Angewohnheit, fest vereinbarte Treffen im letzten Moment abzusagen, telefonisch, ohne Angabe von Gründen, aber mit so schwacher Stimme, dass man schon beim ersten Laut Bescheid wusste: Es ging ihm nicht gut, er konnte unmöglich ... ich melde mich nächste Woche ... um dann ein geschlagenes halbes Jahr oder länger nichts von sich hören zu lassen. Er war leidend, lange, bevor er es wirklich wurde. Der schlurfende Gang, die hochgezogenen Schultern, der lasche Händedruck, alles das signalisierte einem, dass man es mit einem Kranken zu tun hatte, der Rück- sicht erwartete. Ein Hypochonder, gewiss, aber von jener Sorte, die einen dadurch beschämte, dass sie die vorher nur behaupteten Krankheiten tatsächlich bekam, und auf eine viel schlimmere Weise, als man es in seinen schwärzesten Träumen für möglich gehalten hätte. Nachdem er jahrelang mit seiner Diabetes kokettiert hatte, wurde er am Ende davon regelrecht aufgefressen.

Immer wieder scheint in den Gedicht-, aber auch in den wenigen Prosabüchern die Kindheit auf, die Jugend, die niederrheinische Flusslandschaft („Du siehst, wie der Nebel die Kähne erklettert“), der Krieg, die brennenden Städte, das Kinderheim im Harz, in das er mit seiner älteren Schwester zum Schutz vor den über dem Ruhrgebiet niedergehenden Bombenhageln gebracht wurde, die Erfahrung des im Heim herrschenden Drills, das allgegenwärtige Gefühl der Demütigung und des völligen Verlassenseins, das ihn später, nach dem Scheitern der Ehe, wieder einholte. Aber auch der Alltag findet sich, das banale Leben: So viel Biographie ist in diesen Gedichten versammelt, dass man sie – unterzieht man sich der Mühe und Freude der Entschlüsselung – lesen kann als den großen Haufsschen Lebensroman.

Von Anfang an zählte er zu den beachteten Lyrikern, die große, uneingeschränkte Anerkennung aber kam (ironischerweise?) erst mit Juniabschied, jenem Gedichtband, in dem von der Hölle der Depression die Rede ist, in die er Anfang der 80er Jahre geriet und die sich wohl, wenn überhaupt, als spätes Echo jener aus der Kindheit herrührenden Traumata erklärt. Auch später, als er längst aus der Klinik entlassen war, kam sie immer wieder zurück, oft für Wochen, schloss ihn in die Arme und erstickte ihn fast.

Nicht angepasst genug, um die Zumutungen des Bürgerlebens nicht als Zwang zu empfinden, andererseits aber auch nicht frei und unbürgerlich genug, um sich den Ansprüchen von Familie und Brotberuf zu entziehen und allein der Berufung zu leben. Irgendwas dazwischen, das heißt: hin und her gerissen, infolge davon oft lustlos, krank, den Mangel häufiger im Blick als den Gewinn. Darum wissend, es aber nicht aussprechend, oder nur (aber was heiß nur?) im Gedicht, im deutungsoffenen Schutzraum der Kunst, oder im nächtlichen Zwiegespräch.

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Bei der Beerdigung von Franz Schonauer, der als Luchterhand-Cheflektor seinen ersten Gedichtband angenommen hatte, waren wir die einzigen alten Freunde, die den Weg in das kleine wendländischen Dorf gefunden hatten, in dem er gestorben war. Nachdem wir das Auto auf der Doppelallee der breiten Dorfstraße abgestellt hatten, gingen wir in die vom Friedhof umgebene Kirche und setzten uns in eine der spärlich gefüllten Bankreihen. Ich weiß nicht mehr, ob ein Pfarrer sprach oder einer dieser den pastoralen Weiheton nachahmenden Beerdigungsredner. Jedenfalls lag von Anfang an eine aus der mangelnden Form resultierende Trostlosigkeit über der Veranstaltung, die mehr der Erledigung einer lästigen Pflicht ähnelte als der würdevollen Verabschiedung eines mit allen Wassern gewaschenen Literaturmannes. Haufs, der Schonauer näher stand als ich, wurde immer unruhiger, und als sich schon alle abwenden wollten, trat er plötzlich an das offene Grab, langte in die Innentasche seiner Jacke und zog ein Blatt Papier hervor, die Kopie eines Gedichts, das er vorsorglich eingesteckt hatte. Er las es mit lauter Stimme vor, faltete es wieder zusammen und stellte sich in die Reihe zurück. Ich erinnere mich nicht daran, welches Gedicht es war. Aber ich weiß, wozu es diente: als Abschiedsgruß, gewiss, vor allem aber als Zauberspruch, mit dem er dem Moment die ihm in der Trauerroutine entglittene Würde zurückgab.

Auch dieses Bild ist – wie die Laufbilder – wieder aufgetaucht. Wie er da steht, auf dem Kirch- und Friedhofshügel, und gegen die Nachmittagsgeräusche anredet, bevor er, die Blicke der anderen meidend, leicht gebückt wie immer, in die Reihe zurücktritt.