Sonderheft 2002 - Positionen der Literaturkritik

„Die literarische Kritik in Deutschland befindet sich zur Zeit trotz großer Anstrengungen und einiger guter Einzelergebnisse in einer Sackgasse“, schrieb Walter Höllerer vor 40 Jahren in seiner Zeitschrift „Sprache im technischen Zeitalter“. Vierzig Jahre später ist die Literaturkritik selbst dieser Meinung. Ein Sammelband, der als Sonderheft von „Sprache im technischen Zeitalter“ erscheint, unternimmt es, Wege aus dieser Situation aufzuzeigen: Geschichte und theoretische Ansätze von Literaturkritik, Fragestellungen und Wertmaßstäbe werden diskutiert.

Das Heft präsentiert die Beiträge einer Podiumsveranstaltung „Kritik 2000“ und einer Diskussionsreihe an der Technischen Universität Berlin. Mitarbeiter u.a.: Reinhard Baumgart, Helmut Böttiger, Michael Braun, Volker Hage, Andrea Köhler, Sigrid Löffler, Jörg Magenau, Martin Lüdke, Eva Menasse, Albert von Schirnding, Joachim Scholl, Gustav Seibt.


Editorial

Vor vierzig Jahren konstatierte Walter Höllerer in der zweiten Nummer dieser Zeitschrift: „Die literarische Kritik in Deutschland befindet sich zur Zeit trotz großer Anstrengungen und einiger guter Einzelergebnisse in einer Sackgasse.“ Das war in einem Vortrag, den er im Wintersemester 1960/61 zum Abschluß einer in dieser Zusammensetzung unglaublich anmutenden Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Literatur im Technischen Zeitalter“ an der Technischen Universität Berlin gehalten hat: Hans-Erich Nossack, Wolfgang Hildesheimer, Ernst Kreuder, Herbert Heckmann, Hans Bender, Peter Rühmkorf, Günter Grass, Uwe Johnson, Martin Walser, Karl Krolow, Franz Tummler, Günther-Bruno Fuchs, Franz Mon, Barbara König und Heinrich Böll hatten vor Studenten und Literaturinteressierten im legendären Hörsaal 3010 aus unveröffentlichten Werken gelesen, darunter aus einigen der heute berühmte¬sten Bücher dieser zumindest aus literarischer Perspektive bewegten Zeit. Dem Aufbruch der Modernen hatte, so Höllerer damals, die deutsche Literaturkritik nichts entgegenzusetzen als ein verzweigtes System von Stollen und Verschanzungen, in denen sie sich vor den Herausforderungen bergen konnte. In Deutschland fehle es an einem großen, impulsiv geleiteten Besprechungsforum, wie das in England das „Times Literary Supplement“ oder in den Staaten die „New York Review of Books“ bilden. In den großen Tageszeitungen stehe wenig Raum zur Verfügung, und kaum je ein Herausgeber oder Redakteur, der mit sicherer Hand das Wichtige vom Überflüssigen, das Überraschende vom Gewohnten zu trennen wisse. Auf dem Weg vom Autor über die Verleger zu den Zeitschriften – von den anderen Medien war damals nur der Rundfunk nachdrücklich in die Literaturvermittlung eingebunden – sei der Reibungsverlust im übrigen so hoch, stellten im gleichen Zusammenhang Vertreter der Verlage und des Buchhandels auf mehreren Tagungen übereinstimmend fest, daß es kein Wunder sei, wenn die Auswahl des Besprochenen zufällig und fragwürdig blieb. Die Selbsthilfemaßnahmen der Verbände boten keinen angemessenen Ersatz. Und für das Laienhafte oder gar zu erkennbar Geschäftstüchtige dieser Versuche hatte Höllerer, selbst ein gewiefter, erfahrener Mann des Verlags, nicht viel mehr als Spott übrig. Doch worin sah er dann die Ursachen der Krise in der Literaturkritik nach den Aufbruchsjahren seit dem Zweiten Weltkrieg? Ein¬mal in der verzögerten Wahrnehmung der seit 1945 von Grund auf veränderten, durch die eben rüde vollzogene Teilung Deutschlands noch einmal in aller Absurdität sichtbar gewordenen Situation in Politik und Gesellschaft, zum anderen in den Schatten einer nur notdürftig zurückgedrängten Vergangenheit, aus der bei den Herausgebern der Feuilletons und einigen ihrer wichtigsten Rezensenten eine irritierte Hilflosigkeit mit der Avantgarde zurückgeblieben war. Die Kriterien der Zeit vor 1930 reichten, auch wo sie mit allem Wagemut auf die neuen Abenteuer der experimentellen Lyrik oder den neuen, an französischen oder amerikanischen Mustern geschulten Roman angewandt wurden, nicht ohne weiteres hin, um Kontinuität zu postulieren oder den Bruch unbefangen als Bruch zu beschreiben. Dazu kam sicher die Verstörung durch Thesen wie die George Steiners vom Deutschen als einer gefrorenen Sprache, die nach 1945 zu keinem produktiven und künstlerischen Ausdruck mehr fähig sei, weil sie im Dritten Reich diskreditiert wurde. In der Kahlschlag-Literatur der ersten Jahre hatten ähnliche Einsichten und Ängste zur Forderung nach einem von Grund auf veränderten Umgang mit der Sprache und mit den Anschauungsformen der Kunst geführt, ohne daß sie – jedenfalls aus späterer Rückschau – eine solch radikale Prüfung des Sprachbestands damals zu leisten imstande gewesen wäre.

Diese verwickelte Situation, dieses Netz aus Sackgassen, ließ sich nach Höllerers Auffassung genauer festmachen. Wenn nicht an Individuen, mit Namen zu benennenden Kritikern, dann doch mit scharf umrissenen Charakteren nach dem Vorbild Theophrasts, La Bruyères und der französischen Romanisten. Fünf solche Charaktere entwarf er in seinem Essay, und die allgemeine Zustimmung scheint zu bestätigen, daß damals mit diesen Typisierungen die wichtigsten Sackgassen benannt worden waren. „Den ersten Typ oder Charakter der literarischen Kritik, der heute bei uns in den Feuilletons spukt, nenne ich den ‚Schade, daß-Typ‘. Dieser Charakter hat herabgezogene Mundwinkel, eine sorgenvolle Miene, zum Himmel gerungene Hände und eine klagende Stimme. Auf dem literarischen Gebiet spielt er ungefähr die Rolle, die im Botanischen der Mehltau einnimmt. […] In seinem Rücken, sozusagen als ständigen Maßstab, hat er ein makelloses, großartiges, eigenes Werk – das nur den Nachteil hat, daß es nicht geschrieben ist, sondern nur als einstige große Möglichkeit bestanden hat, der das ‚schade, daß‘ in die Quere gekommen ist. Das Verhängnis dieses Kritikers ist es, daß er sein strahlendes, ideales, nicht geschriebenes Werk zum Vergleich für jedes von ihm kritisierte Werk hernimmt: und alle diese mit Tinte, Druckerschwärze, Schweiß und Mühe behafteten Erdgeburten halten natürlich den Vergleich mit seinem astralischen Idealwerk nicht aus.“ Nicht nötig, diesen Charakter an einzelnen Repräsentanten dingfest zu machen, die seinerzeit leicht hinter der boshaft-genauen Karikatur auszumachen waren. Wie es zu dieser Tradition einer sich immer aus gegebenen Anlässen aktualisierenden Gattung selbstverständlich gehört, daß zwar die Urbilder spezifischer Züge sichtbar blieben, die Wirkung aber nur von der Gültigkeit des in sich stimmigen Charakters ausgeht, so war es auch 1961 gleichgültig, ob sich ein Kritiker unmittelbar verspottet fühlen durfte. Als Hauptkriterium galt, daß das an vielen Rezensionen zu beobachtende Messen des Tatsächlichen am selbst¬¬bestimmten Ideal als ein das Urteil blind machender Habitus erkennbar wurde. – „Den zweiten Charakter nenne ich den ‚Darüber-hinaus‘-Typ. Ihn interessiert nicht das Vorhandene; er nimmt es nur als Absprung für’s sogenannte Transzendente, für’s ‚Dahinterstehende‘, für das, wohin etwas ‚transparent‘ ist. […] Der Dichter hat immer sogleich mit ewigen Werten zu tun, und findet sie der Kritiker nicht im Text, so ahnt er sie – darüber hinaus. Er hat ein mystisches und ein hymnisches Vokabular. Die Worte: Geheimnis, verstummen, echt, gehören zu diesem liturgischen kritischen Sprechen, das mehr einnebelt als es aufhellt.“ In dem höhnischen Porträt des Kritikers als Schwärmer – das Erbauliche und Schwärmerische ist bei diesem Feindbild des Ästheten, der da in der Gnade wandelt, durch den Hinweis auf das herdenhafte Auftreten des Typus besonders ins Komische verbogen – erfaßte Walter Höllerer einen später fast ausgestorbenen, besser gesagt, in ein anderes Vokabular der Unsagbarkeit mutierten Charakter des zeitgenössischen Kritikers, der seine an Hofmannsthal und Rudolf Borchardt, am späten Rilke und an Oskar Loerke gewonnene Auffassung von Dichtung wiederfinden und wieder etablieren wollte. – Mit seinem dritten Typus zeichnete Höllerer eine Spezies, die damals in der Kritik noch ver¬gleichs¬weise selten anzutreffen war, die sich aber seitdem durch die Zeitumstände sehr, zeitweise kaninchenhaft vermehrte: „Der ,Wie-wir-gezeigt-haben‘-Typ ist viel nüchterner […] Er hat von vornherein ein Schema, von dem er alles ableitet, von dem her alles erklärt wird, gegen das er seine kritisierten Autoren verstoßen läßt – ganz unabhängig davon, ob dieser Autor überhaupt in dieses Schema paßt. Das Schema stützt sich meistens auf die modische Zuspitzung einer Wissenschaft: der Soziologie, der Psychologie, der Psychoanalyse oder auch des Existentialismus. […] Alles, was […] mit seinem System, dem System des Kritikers nicht übereinstimme, ist entweder überflüssig oder taugt nichts.“ Der Aufstand der Hilfswissenschaften stand erst bevor, doch war die Zielrichtung erkennbar, den Mißbrauch durch die fremde Disziplin und die von außen kommende Zielsetzung von der Literatur als Kunst fernzuhalten. Mühsam genug hatte sich das Bewußtsein durchgesetzt, daß Dichtung nicht vom Ewigen und vom Ideal handle, daß sie weder angewandte Theologie noch geistige Erhebung war, sondern wie die Musik und die Malerei ein Leben sui generis habe, daß sie nur zu verstehen sei, wenn man sich auf jedes Werk und seine Einzelheiten neu einläßt, wenn man die künstlerischen, nicht die ideologischen Intentionen des Verfassers am Text erkenne und von dort aus dann die Bedeutung eines Gedichts, eines Romans oder eines Essays für die Gesellschaft und die Geschichte herausfindet. Amerikanische Kritiker, englische Essayisten und eine Handvoll sich auf Kunst verstehender Gelehrter wie Erich Auerbach oder Leon Spitzer hatten hier Anregung und Beispiel gegeben. Kein Wunder, daß Walter Höllerer mit seinem untrüglichen Sinn für die Fallstricke der Literatur dem Herannahen der vielen selbstherrlichen Einheitsbrei-Köche mit Zorn und Angst entgegensah. Daß frei¬lich auch Leo Spitzers Übungen im genauen Lesen und die französische explication de texte in Zeitschriften wie dem „Deutschunterricht“ zur rein werkimmanenten Interpretation verkamen und zum Folterinstrument einer ganzen Generation von Kindern wurden, war auch durch den wütendsten öffentlichen Widerspruch nicht zu verhindern. Die beiden letzten seiner Kritiker-Typen teilen, von heute aus gesehen, min¬destens eine gewisse Familienähnlichkeit mit dem priesterlichen Jenseits-Schwärmer, der sich für Gedichte von Rudolf Hagelstange mit den gleichen Worten begeistert wie für die Prosa Ernst Jüngers. Nur sind diese beiden Charaktere betulich-harmloser, freundlicher. Das ist der ‚Echte-Anliegen‘-Typ, der die Diskrepanzen nicht ausrotten will und sich modern gibt, aber mit seiner Haltung des „Und-dennoch!“ alle Widersprüche zu einer ganz unmodernen Harmonie zusammenzwingt. Gerade in schwierigen Fällen, wenn sich ein Werk thematisch und formal nicht über einen Leisten schlagen läßt, gerät der ‚Echte-Anliegen‘-Typ in Wallung und rastet nicht, ehe er den geheimen Kodex hinter dem Buch gefunden hat, also: das Anliegen, den Mythos, die Ethik, die hier an die Stelle der Religion tritt. Den letzten Kritiker nannte Höllerer den ‚Ich-gehe-mit-auf-den-Weg‘-Typ, der viele Worte macht und darüber hinwegtäuscht, daß im Grunde sehr wenig gesagt wird: „Der Wortvorhang verschleiert dem Leser die Sicht und soll dem Schreiber die Sicherheit großer Stilkunst geben. Was Hugo Friedrich im Blick auf Lyrik die ‚sachferne Eigenbewegung des intellektuellen Stils‘ genannt hat, begegnet uns hier, jedoch mehr als Attitüde denn als Notwendigkeit. Es fällt eine affektierte Umständlichkeit auf. Die Preziosität kann sich mit der Überzeugung von der eigenen Überlegenheit paaren, es entsteht so ein metaphorischer Stil, getragen und süffisant.“ Aus der so konstatierten Misere glaubte der Autor, Literaturwissenschaftler und Kritiker Walter Höllerer den Ausweg zu wissen, das eine ins Freie führende Schlupfloch: die hellsichtige Kritik, die den Text und die Zeitsituation, das künstlerische Verfahren und die avantgardistischen Kunsttendenzen im Auge behält, die ihre Kriterien in der Wahrnehmung zu modifizieren vermag: „Der Kritiker, wenn er heute zum Kritiker taugt, beurteilt, indem er ein Werk kritisiert, in diesem Vorgang dauernd seine eigene Stellung zum Werk oder seine Übereinstimmung mit ihm.“ Ein Kritiker-Typus wird da implizit verlangt, der sich wie ein Sisyphos darauf einläßt, mit jeder Rezension neu die Stützbalken für seine Analyse in den Treibsand einzuschlagen und der, ohne die Distanz zur Dichtung aufzuheben, im lebendigen Einklang mit ihr bleibt. Eine avantgardistische Kritik, die nicht akklamiert, eine streng messende Kritik, die sich in aller Schärfe des Gedankens auf das Gegenüber einläßt, wie provozierend dessen Schreiben und Reden auch sein mag. Nur der avantgardistische Kritiker kann neben den Avantgardisten treten, beide getragen von der gleichen, unbedingten Leidenschaft für die gemachte, praktisch hergestellte, in Arbeitsschritten sich formende Poesie. Wie alle Avantgarde hatte natürlich auch Walter Höllerers Avantgarde des Kritisierens ihre eigene Genealogie im Gepäck, strebte sie unter der Hand nach einem Kanon oder doch nach Markierungen und Orientierungspunkten: Robert Mu¬sil, Walter Benjamin und Ernst Robert Curtius. Die Hoffnung für die Zukunft lag auch da in der Vergangenheit, hatte ihre Wurzeln in der durch das Dritte Reich zerrissenen Tradition des Denkens, das die deutsche und die abendländische Kulturentwicklung als Einheit sehen wollte. Diese Einheit der Avantgarde wieder herzustellen, war Höllerers Ziel: in seinen Zeitschriften, in seiner Anthologie „Transit. Lyrikbuch der Jahrhundertmitte“ – dem aus Gedichten und ihrer Motiv-Verwandtschaft über die Nationalliteraturen hinweg entwickelten Gegenstück zu Hugo Friedrichs im Urteil so negativ besetzten „Strukturen der modernen Lyrik“ und nicht zuletzt im Rahmen der Projekte des damals gegründeten Literarischen Colloquiums Berlin.

Vierzig Jahre später ist die Literaturkritik selbst der Meinung, sie stecke in einer Sackgasse. Ungeachtet der Tatsache, daß den Rezensionen in allen größeren und kleineren Zeitungen ein weit höherer Anteil am Feuilleton eingeräumt wird als früher, ungeachtet der Tatsache, daß das Interesse an den Neuerscheinungen im Frühjahrs- und Herbstprogramm der Verlage über den Funk hinaus auf alle Medien übergegriffen hat und dem Gespräch über Literatur und Kunst selbst im Fernsehen eine früher nicht gekannte Aufmerksamkeit gilt, ungeachtet der Tatsache, daß die Kritiker in zahllosen Jurys angesehener Preise ihren Einfluß geltend machen können, sind so unterschiedliche Autoren wie Sigrid Löffler, Reinhard Baumgart, Sibylle Cramer oder Helmut Böttiger der Überzeugung, die Kritik stecke tief in der Krise. Vergebens der laienhafte Einwand, nie vorher habe es in Deutschland eine ähnliche Vollständigkeit der Berichterstattung gegeben – freilich nicht in Proportion zu den nach Tausenden rechnenden Erscheinungen pro Jahr, aber doch zu dem, was davon allenfalls für die literarische Öffentlichkeit bestimmt sein kann. – Nie sei in solcher Dichte und auf so hohem Niveau über die Moderne geredet worden wie jetzt, da mit gleicher Intensität über südamerikanische Romane, Tendenzen der italienischen Lyrik, russische Neuerscheinungen berichtet wird wie über jeden Roman, jeden Gedichtband, jedes Kinderbuch und fast jede Sammlung vermischter Prosa in deutscher Sprache. Nimmt man alle, auch die regionale Presse und das literarische Feuilleton in den Funk- und Fernsehanstalten öffentlichen Rechts zusammen, so könnte der Laie kopfschüttelnd weiterargumentieren, gäbe es hierzulande mittlerweile eine kritische Information über Bücher wie nirgendwo auf der Welt, die romanischen Länder nicht ausgenommen und von den angelsächsischen im weitesten Sinn gar nicht erst zu reden! Sei da nicht Höllerers einstiger Seufzer über die großen Rezensionsorgane in New York und London inzwischen völlig obsolet, da es doch jenseits dieser beiden bekannten Institutionen in England wenig, in Amerika gar keine kritische Öffentlichkeit mehr gebe? Ließen sich nicht die eigenständigen, an jedem Gegenstand neu sich messenden Kritiker zwischen Zürich, Wien, München und Berlin in einer Fülle aufzählen, daß zwei Paar Hände kaum für die Besseren ausreichen. Nein, sagen die Kritiker, die es wissen müssen. Nein, die Krise der Literaturkritik steckt nicht dort, wo sie Walter Höllerer 1960 vermutet hat: in der eitlen Rückständigkeit und Anmaßung der Kritiker selbst, sondern in den Rahmenbedingungen der alltäglichen Berufspraxis und den Strukturwandlungen der Medien, denen gegen¬über der einzelne nur hilflosen Widerstand zu leisten vermag. Das einst geforderte Feuilleton der Avantgarde, das weithin für jeden Schreibenden, der auf sich hält, der Maßstab geblieben ist, hält den von Einschaltquoten und Abonnentenzahlen aufgestellten Kriterien nicht stand. Die angestrebte, auch von der Literatur gewünschte Erweiterung der Leserschaft zwingt zu Verhaltensänderungen beim Schreiben, zur didaktischen Unterrichtung, zum Feature, zur Vereinfachung des Gedankengangs, zu einer kurzatmigen Plausibilität sowie – die letzte und dringendste Forderung der allzu flotten Schreiber, die sich für das Ranking erwärmen und denen an Ranglisten erwartungsgemäß nicht gelegen sein kann – zur Aufhebung der Differenz von Ernst und Spaß, von Kunst und Unterhaltung. Da die Überproduktion der Verlage, mit denen sie sich auf einem unsicheren Markt zu halten und die Konkurrenz zu verdrängen suchen, notwendig dazu führt, daß jedes Unternehmen wenigstens einen Bestseller, einen von der Kritik und den Medien in die schwarzen Zahlen beförderten Erfolgsautor pro Saison in diesem Kampf durchbringt, da das Schicksal aller anderen Verlagsbücher von diesem kaufmännischen Erfolg abhängt, kann kein Beteiligter an der, für sich genommen unsinnigen, Konzentrierung allen Interesses auf die vorher schon ausgewiesenen Highlights des Programms vorbeisehen etc. etc. Die Gründe für die Krise sind mannigfaltig und – wie bei fast allen Krisen – plausibel. Ein Ausweg aus dem damit nur angedeuteten Dilemma ist nicht zu erkennen.

Nun hatte Jörg Henle, der langjährige Vorsitzende des „Gremium Literatur“ im Kulturkreis der deutschen Wirtschaft und einer der genauesten Kenner der Moderne in Literatur, Kunst und Film, den Gedanken, die Diskussion über die auch von ihm beklagte Situation der zeitgenössischen Literaturkritik durch die Stiftung eines hochdotierten, vor allem aber inhaltliche Maßstäbe setzenden Kritiker-Preises und darüber hinaus durch eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Probleme anzuregen. Lassen sich nicht doch Alternativen zu gegenwärtigen Trends entwickeln, so lautete in den ersten Planungsrunden, zu der dieser über so viele Jahre hin bewährte Freund und Förderer des Literarischen Colloquiums zu sich einlud, etwa mit einer offenen, um Außenwirkungen unbekümmerten Tagung, in der alle Aspekte des Themenkomplexes ohne vorgegebene Statements und ohne einengendes Programm erörtert werden sollten. Niemand konnte einer solch vielversprechenden Initiative bereitwilliger und enthusiastischer zustimmen, als der Vorstand und die Programmabteilung des LCB. So begann um die Jahreswende die Planung für unterschiedlichste, aber sorgfältig miteinander verzahnte Aktivitäten.

„Wir beobachten nicht ohne Sorge die Entwicklung der Literaturkritik.“ Mit diesem Satz leitete Jörg Henle sein Einladungsschreiben zum Symposium „Kritik 2000“ ein, eine presseöffentliche Tagung, die schließlich vom 18. bis zum 20. Januar 2001 im LCB am Wannsee stattfand. Eingeladen wurden Schriftsteller, Feuilletonchefs, Verlagsleiter und Kritiker aller namhaften deutschsprachigen Zeitungen, um angesichts unübersehbarer Akzentverschiebungen in diesem Berufsfeld über Grenzen und Möglichkeiten einer zeitgemäßen Literaturkritik zu diskutieren und neue Anstöße für eine traditionsreiche, zur Zeit aber offensichtlich vernachlässigte Debatte zu geben. Einleitend faßt ein direkt Beteiligter, Martin Lüdke, einige Ergebnisse dieses „workshops“ aus seiner Sicht zusammen. Er holt weit aus und verdichtet Eindrücke von einer Veranstaltung, die auch von distanzierteren Beobachtern wie Beatrix Langner (NZZ), Hans-Joachim Neubauer (FAZ) und Ursula Escherig (Börsenblatt) als durchaus aufschlußreiches „Klassentreffen“ bzw. unterhaltsamer „Betriebsausflug in ungezwungener Gesprächsatmosphäre beschrieben wurde. Ein Anfang war gemacht.

Aber damit noch nicht genug. Denn schon in diesen Tagen, die ganz im Zeichen der Buch- bisweilen auch der Selbstkritik standen, wurde die Idee entwickelt, alle angesprochenen Problemfelder im Rahmen einer universitären Veranstaltung erneut aufzugreifen und theoretisch zu hinterfragen, ohne die Berufspraxis aus den Augen zu verlieren. Und so konzipierten Norbert Miller (TU Berlin) und Dieter Stolz (LCB) ein allen Interessenten offen stehendes Hauptseminar zum Thema „Literaturkritik – gestern, heute und morgen“, eine praxisorientierte Vortrags- und Diskussionsreihe, die im Wintersemester 2001/02 am Berliner Institut für Literaturforschung abgehalten und folgendermaßen angekündigt wurde:

„,Literaturkritiker […] haben keine Ahnung. Sie können so gut wie nichts, sie wissen zu wenig, sie begreifen kaum etwas – ihnen schwant oft nicht ein Schimmer, wovon und worüber sie schreiben. […] Es verlangt ja keiner, daß sie tiefe Einsichten äußern, die Rezensenten – sondern nur, sie möchten Idee, Form und Stil eines Werks eini¬ger¬maßen korrekt charakterisieren‘. Eckhard Henscheid

Darüber, daß die Literaturkritik, die tatsächlich diesen Namen verdient, ein universitär relevantes Teilgebiet moderner Literaturwissenschaft darstellt, kann trotz dieser Polemik aus ,primärer Perspektive‘ kein Zweifel bestehen. Erstens, weil sich in beiden Disziplinen im besten Fall alles um den professionellen Umgang mit literarischen Kunstwerken dreht; zweitens, weil viele akademisch geschulte Leser, Dozenten und Autoren bemerkenswerte Kritiker sind bzw. waren und drittens, weil zahlreiche Studenten und Studentinnen der Philologie früher oder später (zumindest insgeheim) mit einer Karriere im Literatur-Betrieb liebäugeln. Ja, hierzulande vielleicht sogar gerade jetzt, denn die deutschsprachige Gegenwartsliteratur feiert zur Zeit Hochkonjunktur, das Branchen-Klima hat sich in Windeseile verbessert, selbst die internationalen Marktchancen der vielseitigen Druckwaren sind gestiegen. Nun wollen nicht nur erschreckend vielversprechende Debüts ausführlich besprochen und immer dickere Buchmessenbeilagen gefüllt, auch Alternativen zum bereits legendären „Literarischen Quartett“ müssen gefunden und innovative Medien im Internet-Zeitalter zum Besten des guten alten Buches genutzt werden. Nur wie?

Wer es sich vor diesem Hintergrund zur Aufgabe macht, aktuelle, möglicherweise auch zukünftige Positionen der Kritik, ästhetische Maßstäbe und andere relevante Beurteilungskriterien herauszuarbeiten, kommt jedoch nicht umhin, zunächst einige erhellende Schlaglichter auf die noch gar nicht so lange, aber bereits sehr aufschlußreiche Geschichte des Genres zu werfen. Denn schon dort – also in den kritischen Schriften von Lessing, Goethe und Schlegel, Börne, Heine und Fontane, Kerr, Heimann und Tucholsky oder Kraus, Cur¬tius und Benjamin – begegnen uns heterogene Ansätze und wegweisende Kritiker-,Typen‘, die im Grunde nach wie vor das Bild bestimmen bzw. den Ton vorgeben. Ein Blick über die französische Grenze zeigt darüber hinaus, daß nationale Akzentverschiebungen im gesamteuropäischen Zusammenhang bis heute zu berücksichtigen sind.

Stellvertretend für das facettenreiche Erscheinungsbild der deutschsprachigen Literaturkritik haben wir einige renommierte Kritike¬rinnen und Kritiker ins Seminar eingeladen: Albert von Schirnding, Volker Hage, Martin Lüdke, Michael Braun, Andrea Köhler und Eva Menasse. Sie werden in jeweils einer Sitzung versuchen, ihre theoretischen Positionen an Text-Beispielen aus der eigenen Schreibwerkstatt möglichst exemplarisch zu veranschaulichen und mit den Teilnehmern über die individuelle Ausrichtung ihrer Arbeit diskutieren. Zum Abschluß des Seminars wird eine öffentliche Grundsatzdebatte im Literarischen Colloquium Berlin zum Thema ,Die Kunst des Lesens‘ stattfinden. Es diskutieren Reinhard Baumgart, Helmut Böttiger, Sigrid Löffler, Jörg Magenau, Joachim Scholl und Gustav Seibt.“

Kurzum, alle im vorliegenden Sonderheft unserer Zeitschrift veröffentlichten Beiträge sind exklusiv für bzw. im Umfeld dieser Veranstaltungen entstanden. Ein außergewöhnlicher Glücksfall, aber eine hoffentlich nicht einzigartige Chance, für die wir uns an dieser Stelle ganz herzlich beim Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI bedanken möchten. Denn ohne dessen großzügige finanzielle Unterstützung hätten weder das Symposium noch das Seminar in dieser Form realisiert werden können – von unserer im besten Fall diskussionsanregend ausgefallenen Publikation ganz zu schweigen.

Herausgeber und Redaktion


Leseproben

Michael Braun Denker ohne festen Wohnsitz in der sekundären Welt

Inhalt


Editorial 6

Kritik 2000. Ein Symposium

Martin Lüdke
Die neue Bescheidenheit der Literaturkritik 15
Beatrix Langner
Betriebsausflug 17

H.-J. Neubauer
Nachschleichende Leser 20
Ursula Escherig
Empfindsame Indianer 22

Zum aktuellen Stand der Forschung

Meike Blatnik
Literaturkritik heute 25
Tilla Fuchs
Elise Clement
"Qu'est-ce que la critique?" 39

Selbstverständnis und Kriterien: Literaturkritiker geben Auskunft

Albert von Schirnding Die zweitbeste Fahrt 72
Albert von Schirnding Unendliche Weltabschiedsmelodie 84
Michael Braun
Denker ohne festen Wohnsitz in der sekundären Welt. 87
Martin Lüdke
Als Dienstbote scheint das Schmuddelkind eher ungeeignet 99
Martin Lüdke Die Frau weint. Der Mann schläft 116
Eva Menasse
Der Kritiker als Geigenbauer oder Von der Qual, Literatur zu kritisieren 121
Andrea Köhler
Endlich ein richtiges Leben 135
Volker Hage
Literatur am Montag 146

„Die Kunst des Lesens“ - Eine Podiumsdiskussion


Die Kunst des Lesens - Positionen der Literaturkritik 159
Bernd Blaschke
Die Kunst der Kritik 204