Sonderheft 2009 - European Borderlands

Wer interessiert sich hierzulande ernsthaft für die Lebensbedingungen entlang der 1500 Kilometer langen EU-Ostgrenze? Und für die jene Länder, die jetzt „draußen vor dem Tor“ stehen, abgeschnitten von ihren Nachbarn, den neuen Europäern 1. Klasse? Das Literaturfestival „European Borderlands“ in Lemberg und Leipzig, Bukarest, Iași. Chișinău, Vilnius und Minsk war der Versuch, diese Grenzen mit den Mitteln der „Wortklauber und Verstrafikanten“ (Michael Thoss) zu beschreiben – und zu überwinden, ohne sie zu bagatellisieren. Beiträge von Juri Andruchowytsch, Alhierd Bacharevič, Attila Bartis, Vitalie Ciobanu, Iulian Ciocan, Dumitru Crudu, Tadeusz Dąbrowski, Nichtita Danilov, Mircea Dinescu, György Dragomán, Tanja Dückers, Nicoleta Esinencu, Filip Florian, Vasile Gârneţ, Katrin Hillgruber, Marius Iva¨kevičius, Vojislav Karanović, Irena Karpa, Andrej Khadanovich, Tanja Maljartschuk, Valzhyna Mort, Alek Popov, Ilma Rakusa, Monika Rinck, Julia Schoch, Ingo Schulze, Ostap Slyvynsky, Michael M. Thoss, Sergej Timofejev, und Serhij Zhadan, dazu Impressionen der polnischen Fotografin Monika Bulaj.


Editorial

Über Wortschmuggler und Verstrafikanten

„Der Reichtum Europas bemisst sich
nach seinen Übergangslandschaften.“
Karl Schlögel

Die junge Zuhörerschaft im überfüllten Lemberger Theater Woskresinnja wollte mit ihrem Applaus nicht innehalten, und Ingo Schulze rieb sich verwundert die Augen: Wenn er in einem Land als Schriftsteller wiedergeboren werden könnte, hatte er nach seiner Lesung mit Jurij Andruchowytsch bemerkt, dann sollte das die Ukraine sein. Das Publikum antwortete mit einem wahren Begeisterungssturm. Wo in Europa werden die eigenen Dichter und Schriftsteller von ihren Lesern und Fans geradezu als Popstars gefeiert wie dort? Geradezu atemberaubend mitzuerleben, wie Andruchowitsch, Irena Karpa, Ostap Slyvynsky, Serhij Zhadan und andere mit ihren Texten die eigene Sprache ein Stück neu erfinden, ihr semantisches Terrain erweitern und ihre Ausdruckskraft gegenüber dem allmächtigen Russischen stärken. Jeder ukrainische Vers wird dadurch zugleich zu einem Statement kultureller und politischer Selbstbehauptung. Das merkte sogar der sprachunkundige Besucher, als während der Lesungen plötzlich eine Stille herrscht wie in der Kirche und der Dolmetscherin mehrmals die Worte fehlten.

Es war ein Höhepunkt auf dem Lesefestival European Borderlands, das wir 2006 mit Autoren aus sieben Ländern in Lemberg/Lwiw veranstalteten. Die überschwänglichen Reaktionen (Ilma Rakusa beschreibt sie wunderbar in ihrem Aufsatz) machten uns deutlich, wie wichtig solche regionalen Begegnungen in den alten und neuen Grenzregionen Europas nicht nur für die Schreibenden selbst, sondern auch für ihre Leser sind. Denn „ . . . die Mauer scheint ostwärts zu wandern“, schrieb Karl Schlögel schon 1993. Die „neue Berliner Mauer“ nennt man die immer undurchlässiger werdende EU-Außengrenze. Zwischen Polen und der Ukraine, Rumänien und der Republik Moldau, Litauen und Weißrussland (und demnächst zwischen Ungarn und Serbien) verläuft auch das Projekt European Borderlands, das wir gemeinsam mit dem Literarischen Colloquium Berlin (und nur Dank des großen Engagements von Ulrich Janetzki und seinem Team) organisieren können. Junge Autoren aus „jenem zwischen Ostsee und Schwarzem Meer gelegenen Mittel- und Südosteuropa“ (warum nicht „Zwischeneuropa“?) erhalten die Möglichkeit, ihre peers und Übersetzer, ein neues Publikum und (gar nicht so selten) ihre zukünftigen Verleger in den Nachbarländern kennenzulernen. Nach Lesereisen durch „Sarmatische Landschaften“ (Martin Pollack) und den Balkan (wo immer er auch beginnen mag) trifft sich die verschworene Truppe im darauffolgenden Jahr in Berlin und auf der Leipziger Buchmesse wieder. Diese intensiven Erfahrungen gemeinsamer Grenzüberschreitungen und vielfacher Übergänge haben schon viele literarische Freundschaften gestiftet, von denen mit diesem Sammelwerk auch der Leser profitieren soll.

Zwanzig Jahre nach den friedlichen Revolutionen im ehemaligen Sowjetimperium hat das Vertrauen der Mittel- und Osteuropäer in ihre Politiker erneut den Nullpunkt erreicht. Die Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise zeigen, welch schwaches Fundament der Neoliberalismus in den postkommunistischen Ländern hinterlassen hat. Dafür nehmen Korruption, Nepotismus und Nomenklatura-Kapitalismus in dem Maße zu, wie das Vertrauen in staatliche Einrichtungen drastisch abnimmt. Da selbst die Medienlandschaft vielfach von Politikern und befreundeten Oligarchen kontrolliert wird, kommt heute wieder einmal den Dichtern und Schriftstellern, aber auch Künstlern und „organischen Intellektuellen“ (György Konrád), die wichtige Aufgabe zu, die Freiheit des Wortes zu pflegen und zu verteidigen. Doch kann sich ihr subversiver Geist und ihre moralische Integrität gegen die dumpfen Phrasendreschereien (und das beliebte Europa-Bashing) nationaler Populisten durchsetzen, die in Mittel- und Osteuropa jetzt wieder den Ton angeben?

Unerträglich erscheint die Gleichgültigkeit und Ignoranz vieler Westeuropäer, zu glauben, dass mit zwölf neuen Mitgliedsländern alles so bleiben könnte, wie in „der guten alten EU“ (als ob sich mit der „Übernahme“ der ehemaligen DDR vor zwanzig Jahren nicht auch die Bundesrepublik fundamental verändert hätte). Doch wer interessiert sich hierzulande ernsthaft für die Lebensbedingungen entlang der 1500 Kilometer langen EU-Ostgrenze? Noch weniger erfahren wir über diejenigen Länder, die jetzt „draußen vor dem Tor“ stehen, abgeschnitten von ihren Nachbarn, den neuen Europäern 1. Klasse. Hier wird ein seit Jahrhunderten gewachsener Kulturraum erneut auseinandergerissen, der eine lange und schmerzvolle Geschichte politischer Teilungen und Vertreibungen noch lange nicht überwunden hat. Wer heute von Weißrussland nach Polen oder Litauen kommt, wer als Ukrainer seine polnischen Freunde besuchen oder als Rumäne aus der Republik Moldau in seine ehemalige Heimat reisen möchte, muss sich auf lange Wartezeiten und oftmals unwürdiges Verhalten von Konsularangestellten und Grenzbeamten gefasst machen. Dies betrifft nicht nur den Wanderarbeiter und seine Familienmitglieder, sondern auch die ehemals so bezeichnete „Intelligenz“. Denn die EU erkennt dem „Geistesarbeiter“ keinen eigenen Status zu und macht auch keinen großen Unterschied zwischen Klempnern und Schriftstellern, Putzfrauen und Philosophen. Was die kritisch denkenden Autoren unter dem einstigen kommunistischen Regime suspekt werden ließ, macht sie in der EU bei weitem nicht begehrter!

Manchmal erwischt es sogar die Protagonisten selbst, für die das Projekt Europa eine Utopie sein könnte: Man erinnert sich an drei türkische Erasmus-Studentinnen aus Breslau, die von deutschen Grenzpolizisten zu Weihnachten (2008!) aus dem Zug gezerrt und nach Leibesvisitationen in Handschellen nach Polen abgeschoben wurden. Von Konsularbeamten falsch beraten, hatten sie sich lediglich ein polnisches Visum besorgt (anstatt des benötigten Schengen-Visums). Pech gehabt, Europa!

In Russland und einigen seiner ehemaligen Vasallenstaaten ist eine erbitterte Polemik um die historische Deutungshoheit entbrannt. Historikerkommissionen werden eingerichtet, an denen Vertreter verschiedener Ministerien und (wie zuletzt in Russland) sogar des Geheimdienstes beteiligt sind. Sie sollen gegen die ewigen „inneren Feinde“ und vermeintliche Geschichtsfälschungen des Auslandes angehen. Gesucht wird also die makellose vaterländische Geschichte! Angesichts der vielen miteinander konkurrierenden Nationalgeschichten wird das große Geschichtsbuch Europas wohl nicht so schnell von Historikern geschrieben werden. Vertrauen wir also lieber auf unsere Autoren, die es mit ihren Geschichten und Gedichten aus der Gegenwart anfüllen.

Unterhalb der Mauern unserer „Festung Europa“ gedeihen heute Schmuggel und Schwarzmärkte. Mit Zigaretten, Drogen und Waffen, Menschen oder ihren Organen wird prächtig Handel getrieben und ein Vermögen verdient. Der freien Zirkulation der Gedanken und Worte scheint man allerdings immer weniger Wert beizumessen: Kleine Verlage treibt es reihenweise in den Bankrott, kritische Magazine werden mundtot gemacht, für Übersetzungen – vor allem in die „kleineren“ Sprachen Osteuropas – steht kaum Geld zur Verfügung, so dass die besten Übersetzer/innen nach Brüssel auswandern (noch so ein „Erweiterungseffekt“).

European Borderlands (vom Kulturkreis des BDI mit dem ersten Deutschen Kulturförderpreis ausgezeichnet) macht die beteiligten Autoren zu Grenzgängern und Überbringern kostbar gewordener Botschaften: das freie und ungebundene Wort, das eine neue, Grenzen überschreitende Öffentlichkeit schafft. Sie erheben ihre Stimme gegen die Renationalisierung der Kultur und die Ideologisierung jenes „zivilisatorischen Raumes, aus dem das jetzige Europa hervorgegangen ist“ (K. Schlögel). Allen Beteiligten sei herzlich gedankt.

Michael M. Thoss


Inhalt

Michael M. Thoss Über Wortschmuggler und Verstrafikanten 7
Ilma Rakusa „European Borderlands“ – Dialog ohne Grenzen 10

   

Lemberg 2006: „Junge Literatur in Mittelosteuropa“  
Juri Andruchowytsch Carpathologia Cosmophilica 22
Andrej Chadanowitsch Gedichte 32
Marius Iva¨kevicius Das vierte Mal oder Litauische Metamorphosen 37
Irena Karpa Adieu, geliebte Stadt 45
Ingo Schulze Laudatio auf Juri Andruchowytsch 59
Sergej Timofejew Das Café 69
Serhij Zhadan Gedichte 76

   

Leipzig 2007: „Draußen vor der Tür“  
Alhierd Bacharevic Bedrohung 90
Valzhyna Mort Gedichte 100
Ostap Slyvynsky Gedichte 104
     
  Bukarest – Iasi – Chisinau 2007  
Katrin Hillgruber Moldauische Momente 110
Iulian Ciocan Der Kran 118
Dumitru Crudu Niemandsmenschen 125
Nichita Danilov Gedichte 131
Mircea Dinescu Gedichte 136
Filip Florian Auszug aus dem Roman „Kleine Finger“ 140
Vasile Gârnet Gedichte 151
Vojislav Karanovic Gedichte 155
Tanja Maljartschuk Die Frau und ihr Fisch 160
Monika Rinck Gedichte 164
Julia Schoch „Steltz & Brezoianu – Ein Mosaik für Leidenschaftliche“ 169

   

Leipzig 2008: „European Borderlands. Wie weit reicht Europa?“
Attila Bartis Von Grenzpolizisten und anderen Dämonen 174
Vitalie Ciobanu Durch die Gitterstäbe in den Garten Europas spähen 180
György Dragomán Zollkontrolle 185
Tanja Dückers Rückkehr nach Rumänien 191
Nicoleta Esinencu For Sale 194
Alek Popov Über den Geschmack von Tomaten und die Risiken beim Fliegen 201

   

Vilnius/Minsk 2009: „Sprachlandschaften der Poesie“  
Tadeusz Dabrowski Gedichte 208