Sonderheft 2011 - Oktober 2011

Wieder ein Tandem-Heft – die dritte Sammlung mit literarischen Ortserkundungen. Fünfmal sind jeweils zwei Schriftsteller aus zwei Städten zusammengekommen, für je zwei Monate in Berlin und zwei am anderen Ort. 2002 ging das erste Tandem ins Rennen, diesmal waren Riga, Sofia, Skopje, das kroatische Pula und Paris die auswärtigen Ziele. Die neue Sammlung zeigt, wie eng Europa zusammengewachsen ist – nicht nur wirtschaftlich und politisch. Unsere Autorinnen und Autoren sprechen anders darüber, sie finden ihre eigenen Wege und Orte, sie schauen sich um in Vorstädten und im Nahverkehr, auf Straßen und Plätzen – und vor allem bei denen, die sie da so antreffen: Passanten und Paare, Fußballfreunde, langzähnige Grafen, laszive Bardamen oder Pizza-Esser in der U-Bahn.

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Editorial

Wieder ein Tandem-Heft – die dritte Sammlung mit literarischen Ortserkundungen. Wieder stellen wir die fünf mal zwei Autorinnen und Autoren vor, die sich aufgemacht haben, eine neue Stadt zu entdecken. Und wieder gibt es Neues zu berichten. Nur das Grundmuster ist gleich geblieben: Zwei Schriftsteller aus zwei Städten kommen zusammen, für je zwei Monate in Berlin und zwei am anderen Ort. Am Ende lesen sie im Max Liebermann-Haus über ihre Erfahrungen in der Fremde. Und das Ganze heißt Tandem.

Als wir im Frühjahr 2002 begannen, Europäer nach Berlin und Berliner nach Europa einzuladen, wussten wir nicht, wie bald aus einer Idee eine Tradition werden würde, wie rasch aus einzelnen Tandems ein Netz von Kontakten, Freundschaften und gemeinsamen Vorhaben wachsen würde. Viele Teilnehmer des Programms kennen Kolleginnen und Kollegen in Berlin oder anderen Städten, die gerne und mit Gewinn für ihr Schreiben zwei Monate auswärts verbringen könnten. Das zeugt vom Vertrauen ins Tandem, und es hilft bei der Suche nach neuen, vielleicht unentdeckten, sicher aber reisefreudigen Gästen. Bislang hat sich noch niemand beklagt, als ihn die Einladung zum Tandem erreichte.

Unsere neue Sammlung zeigt, wie eng Europa zusammengewachsen ist – nicht nur wirtschaftlich und politisch. Wer die Essays und Gedichte unserer Gäste liest, blickt auf einen Kontinent mit einer gemeinsamen Geschichte und starken Gegensätzen. Politiker würden wohl fragen: Wie kann das Ende des „Systemgegensatzes“ fruchtbar gemacht werden für die Zukunft? Was macht das Zusammenleben aus? Gibt es so etwas wie eine europäische Identität? Schriftsteller sprechen anders darüber, sie finden ihre eigenen Wege und Orte, sie schauen sich um in Vorstädten und im Nahverkehr, auf Straßen und Plätzen – und vor allem bei denen, die sie da so antreffen: Passanten und Paare, Fußballfreunde, langzähnige Grafen, laszive Bardamen oder Pizza-Esser in der U-Bahn.

Georgi Tenev und Falko Hennig schlagen die Brücke zwischen Berlin und Sofia. Tenev entführt uns auf einen Horrortrip in eine Welt der totalen Kontrolle, eine Welt, in der Sexualität als Werkzeug der Unterwerfung dient: „Er hatte es verpasst, er hatte sich sehr verspätet, und das war nicht mehr rückgängig zu machen.“ Schwer beladen mit einer Menge Schwulenpornos und einem Kilogramm Marihuana kommt dagegen Hennig in Bulgarien an – zumindest schreibt er das. Zwischen Synchronschwimmen und Polizeiaffenfütterung forscht er nach dem Sinn von Augenentfernungen und Schweineschlachtfesten: „Die zwei Monate Bulgarien vergingen wie im Fluge, mir schien, als hätte ich niemals eine Pause gehabt zwischen den vielen Abenteuern.“ Tenevs und Hennigs Lesung im Liebermann-Haus machte dann klar, dass sich beide doch sehr wohl gefühlt hatten auf ihren Tandem-Reisen.

„Berlin besaß eine Mauer, auf der kein Dach ruhte. Über ihr waren nur der Himmel und die menschliche Unsicherheit“, schreibt Nikola Madzirov; gemeinsam mit Uljana Wolf bildet er das Tandem Skopje-Berlin. Für ihn wird Berlin zur neuen Geburtsstadt: „Wir bewohnen den Raum zwischen dem Monument und dem Moment, zwischen der Ewigkeit und der Menschlichkeit.“ – „Reisen ist Schreiben, Reisen ist Lesen“: Uljana Wolf entdeckt in ihrem „mazedonischen Reisewörterbuch“ Vokabeln als Kassiber eines verschütteten Wissens anderer Gegenden und Zeiten; wer mit den Wörtern reist, weiß, dass Sprache „mehr Asyl ist als Heimat.“

Zum Tandem Riga-Berlin trafen sich Margarita Pervenecka und Steffen Popp. In ihrem „Rechenschaftsbericht über das Glück“ erforscht Pervenecka, wie die Berliner inmitten unheilbarer Wunden der Geschichte leben: „Mit den ober- und unterirdischen Bahnen konnte man geradewegs in die Kindheit fahren.“ Dort sind die Geräusche gedämpft, dort essen Fahrgäste, „mit ihrem gesamten Gesicht aus der Hand eine durch die Finger quellende Schnellimbisspizza“, dort duftet es nach warmen Schienen. Abenteuerlich gerät auch Popps Zeit in Riga, wo er einen Messie mit alten Fenstern, die landesweite Flaggenpflicht, die lettische Bauwirtschaft, eine sympathische Professorin und die Bewohner prächtiger Jugendstilbauten kennenlernt: „Mehr war nicht drin gewesen“, glaubt er, „und mehr musste, offen gesagt, auch gar nicht sein.“

Ivana Sajko und Karsten Krampitz bringen in ihrem Tandem das kroatische Pula mit Berlin zusammen. Was Sajko in der „Großstadt am Nordpol“, fern des Mittelmeers erlebt, lässt sie staunen. Etwa, dass am Nebentisch eine Frau bei Kaffee und Kuchen sitzt, die aussieht wie Angela Merkel und es auch ist. Oder dass die Farben Berlins und des Mittelmeers nicht vergleichbar sind. „Wenn wir uns überall wie zu Hause fühlen wollen“, überlegt Karsten Krampitz, „warum bleiben wir dann nicht zu Hause?“ In einem Dorf bei Pula steigt er in den Keller, um Speck, Slibowitz und die Viererkette beim Fußball zu erkunden. So lernt er nicht nur einen Mann kennen, der fünfmal den Staat wechselte, sondern auch das kroatische Wort für Prost: „Gerd Müller!“

Von Beginn an hat das Tandem Berlin mit Osteuropa verbunden. Mit Nedim Gürsel und Hans Christoph Buch blicken wir zum ersten Mal in die andere Richtung. Nedim Gürsel, einer der wichtigsten türkischen Autoren, lebt seit Jahren in Paris. Von dort kam er nach Berlin, um für einen neuen Roman zu recherchieren; sein Essay beschreibt die erotische Faszination einer Stadt, die nur mehr oberflächlich an den Glamour der zwanziger Jahre erinnert: „Wo auch immer man ist, selbst in Berlin kann man sich nicht in absolute Einsamkeit vergraben.“ Sein Partner Hans Christoph Buch schickt den Erzähler seines Romans Ich, Dracula als unesco-Botschafter nach Paris. Dort wird er nicht nur mit Achselspray und Zahnseide konfrontiert, sondern auch mit der Erinnerung an das, was der Schwanenhals der Gioconda damals, vor einem halben Jahrtausend, bei ihm auslöste.

So bringt das Tandem Europa zusammen – als Reiseraum und Ort der Sehnsucht, als ein Reservoir von Anspielungen auf eine gemeinsame Geschichte und trennende Erfahrungen. Sofia, Skopje, Riga, Pula, Istanbul und Paris geistern durch ein Berlin, das nach Transsilvanien und dem Mittelmeer riechen kann, das der einen als Nordpol, der anderen als rätselhaftes Wannsa erscheint.

Das Tandem ist in dieser Form nur möglich durch die Zusammenarbeit mit dem Literarischen Colloquium Berlin, dem wir dafür danken möchten, dass es unseren Gästen aus dem Ausland schon seit vielen Jahren ein zeitweiliges Zuhause mit Charme und Seeblick bietet. Besonders aber möchte ich, auch im Namen der Tandem-Teilnehmer, Caroline Armand und Anja Kuhlmann danken, die in der Stiftung alle Fäden zusammenhalten. Sie sind zur Stelle, wenn Hilfe nötig ist; für die Fragen und Probleme der beteiligten Autorinnen und Autoren haben sie immer ein offenes Ohr. Ohne sie und ihre freundliche, zupackende Art wäre das Tandem als Teil der literarischen Geselligkeit Berlins kaum denkbar.

Die beiden ersten Hefte, die das Literarische Tandem der Stiftung Brandenburger Tor einem größeren Publikum vorstellten, nannten wir nach Zitaten von Gästen „Offenbar Europa“ und „Berlin Ostkrojc“. Der Titel unserer dritten Sammlung folgt einer Beobachtung Uljana Wolfs. In Skopje angelangt, begegnete sie einer unbekannten Sprache. Am Anfang, bevor sich erste Bedeutungen und Ahnungen einnisten, besteht das Idiom nur aus Sounds: „Der Mund formt Laute, spricht Klänge nach, noch keine Worte“, schreibt Wolf: „Ajde cao. Abschied ist das erste, was ich lerne. Die Ohren verstehen immer nur, dass es klingt.“ Ähnliches haben wohl viele Tandem-Gäste erlebt, schließlich ergeht es jedem so, der wirklich Abschied nimmt und sich weit genug weg bewegt von zu Hause, um sich fremd zu fühlen. Und wer sich zu Hause fühlen will, bleibt eben daheim. 

Hans-Joachim Neubauer 


Inhalt

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Monika Grütters Die Stadt – das vor dir ausgebreitete Leben 7
Hans-Joachim Neubauer Eine Mauer ohne Dach 10
     
  Riga - Berlin  
Margarita Pervenecka Rechenschaftsbericht über das Glück 15
Steffen Popp Materialien zu einem Bericht 21
   
Sofia - Berlin  
Georgi Tenev Das Tal 29
Georgi Tenev Heiliges Licht 35
Falko Hennig Fear and Loathing in Sofia 39
   
Skopje - Berlin  
Nikola Madzirov Ich weiß nicht 44
Nikola Madzirov Die Stadt der Geburt und der Erinnerungen 46
Uljana Wolf Sprache guter Hoffnung 50
   
Pula - Berlin  
Ivana Sajko Brief an Falke 56
Karsten Krampitz Ganz unten – Istrien undercover 65
   
Paris/Istanbul - Berlin  
Nedim Gürsel Berlin bei Nacht 70
Hans Christoph Buch Ich, Dracula 79