Sonderheft 2014 - März 2014

Souveräne Brückenbauer. 60 Jahre Verband der Literaturübersetzer (VdÜ). Im Auftrag des Verbands deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V. / Bundessparte Übersetzer des VS in ver.di, herausgegeben von Helga Pfetsch.­­

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Editorial

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Literaturu?bersetzer lassen den Leser eines Buches lachen und weinen, wenn die Originalleser gelacht und geweint haben –, sie sind Wortscho?pfer und Wortverwandler, die geistigen Bru?ckenbauer der Versta?ndigung.
Versta?ndigung mit anderen und mit sich selbst durch Wahrhaftigkeit, das ist keine einfache, aber eine menschenfreundliche Notwendigkeit, die Literatur und deren literarische U?bersetzung leisten kann.
Goethe schrieb 1821 an Heinrich Voss: „Wie hoch haben wir [...] den U?bersetzer als Vermittler zu verehren, der uns jene Scha?tze heru?ber in unsere ta?gliche Umgebung bringt, wo wir vor ihnen nicht als fremde selt- same Ausgeburten erstaunen, sondern sie als Hausmannskost benutzen und genießen.“
Das trifft heute auch auf die U?bersetzerinnen und U?bersetzer des VdU? zu, die das 60ja?hrige Jubila?um ihres Verbandes feiern, der mit dem Ver- band deutscher Schriftsteller VS Teil von ver.di ist, das trifft zu auf die große Reihe der U?bersetzer – der geistigen­ Vermittler zwischen den Vo?l- kern –, wie es Tieck oder die Bru?der Schlegel in Deutschland waren. Fu?r sie alle galt und gilt – ich zitiere noch einmal Goethe: „daß der U?bersetzer nicht nur fu?r seine Nation allein arbeitet, sondern auch fu?r die, aus deren Sprache er das Werk u?bernommen hat.“
Der Begriff der Versta?ndigung hat einen herausgehobenen Stellenwert im Mu?hen der Menschen um friedliches Zusammenleben. Ihm vorangestellt sind Verstehen und Toleranz, Eigenschaften, die einer guten, einer gu?ltigen U?bersetzung zugrunde liegen. Die Rede ist dabei von menschlicher als auch sprachlicher Toleranz. Denn wir sprechen bei einer literarischen U?berset- zung nicht nur von u?bersetzen und nachdichten, sondern auch von kompe- tent und sensibel beurteilen, kommentieren und einordnen.
Was uns wiederum animiert, die Frage zu stellen: „Wann ist eine litera- rische U?bersetzung gut“, wohl wissend, dass die Frage nach der ku?nstleri- schen Qualita?t u?bersetzter Literatur eine ebenso zwiespa?ltige ist, wie nach guter oder schlechter Kunst generell zu fragen. Obwohl wir als Lesende, als Kunst und Musik Genießende unsere Maßsta?be zur Beurteilung ku?nstleri- scher Leistungen in uns tragen – sie fu?hren von scho?n und anregend bis spannend, erhellend oder abenteuerlich –, sind sie nicht ausreichend, um das Außerordentliche einer literarischen U?bersetzungsleistung zu erfassen, die im besten Sinn zwischen Fremden, ja zwischen Welten vermittelt.
Wenn U?bersetzer beispielsweise die deutsche Literatursprache mit den Erfahrungen aus ihrer europa?ischen Heimat tra?nken, dann arbeiten sie damit auf hohem Niveau unwillku?rlich an der Vereinigung Europas mit. Als Folge dieses Prozesses verinnerlichen die deutschen Leser und damit automatisch auch ihr Sprachbewusstsein fremde Lebensformen, die ihr perso?nliches Ich erweitern.
Unser Nachdenken u?ber Europa – und natu?rlich nicht nur u?ber diesen Kontinent – und das Vermitteln von Geschichte und Geschichten, die uns helfen, andere Vo?lker, ihre Gegenwart und ihre Vergangenheit, ihre facet- tenreichen Kulturen, ihre Wu?nsche und ihre A?ngste, ihre Liebe und ihren Hass zu verstehen, wird nicht nur von denjenigen ermo?glicht, die Ge- schichten schreiben, sondern auch von denjenigen, die sie uns durch U?ber- setzungen erst zuga?nglich machen.
Es sind auch die U?bersetzer, die uns in diesem multikulturellen Staa- tengefu?ge eine Identita?t vermitteln. Wenn wir heute Literatur aus anderen La?ndern lesen, seien es Klassiker oder Zeitgenossen, dann verdanken wir ein tieferes Versta?ndnis ihrer jeweiligen Mentalita?t der Leistung der U?ber- setzenden.
Kein anderer Beruf ist fu?r das Kennenlernen des Nachbarn und die Mo?glichkeit, ihm zuzuho?ren oder seine Bu?cher zu lesen, von so fundamen- taler Bedeutung wie der des Literaturu?bersetzers. Und dennoch: kaum eine andere literarische Beta?tigung hat so um o?ffentliche Anerkennung und soziale Absicherung zu ka?mpfen wie die des U?bersetzens von Litera- tur. In einer Studie des VdU? zur Einkommenssituation der Literaturu?ber- setzer 2012 ist zu lesen: „[...] im europa?ischen Vergleich erweist sich die Lage der deutschen Literaturu?bersetzer als preka?r [...]. Bei den durch- schnittlich bezahlten Seitenhonoraren liegt Deutschland gerade mal im Mittelfeld (rund 30 % unter den Honoraren, die beispielsweise in Frank- reich, England oder Norwegen bezahlt werden).“
Fu?r die von uns allen so gescha?tzte Versta?ndigungsleistung ist eine deutliche Verbesserung der sozialen Situation der U?bersetzer Vorausset- zung. In der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di haben literarische U?ber- setzer diesbezu?glich einen verantwortungsbewussten und engagierten Partner.

Herzlichen Glu?ckwunsch zu 60 Jahren harter Arbeit und großartigem Vergnu?gen.


Regine Mo?bius ist stellvertretende Vorsitzende des Verbands deutscher Schriftsteller und Bundesbeauftragte fu?r Kunst und Kultur der ver.di. 


Inhalt

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Regine Mo?bius­­ Geleitwort – Verstehen und Versta?ndigung
Hinrich Schmidt-Henkel Geht das denn? 11
Luis Ruby 60 Jahre VdU? – und jetzt?
­Zu den Zielen unseres Verbands­­
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I. Chronik, Ru?ckblick, Erinnerung­  
Josef Winiger Der VdU? – ein berufssta?ndischer Verband mit Strahlkraft u?ber das Berufssta?ndische hinaus 16
Josef Winiger Rolf Italiaander (1913–1991), Gru?nder des VdU? und erster Pra?sident 51
Josef Winiger Helmut M. Braem (1922–1977), Manager eines Aufbruchs 55
Josef Winiger Susanna Brenner-Rademacher (1899–1980), Gru?ndungsmitglied und „First Lady“ des VdU? 58
Ragni Maria Gschwend 60 Jahre VdU? ? Aus dem Erinnerungstopf eines Mitglieds der zweiten Stunde 61
Susanne Schaup Gespra?ch im Cafe? Landtmann 67
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II. Meilensteine. Was uns berufspolitisch bewegte und bewegt­  
Burkhart Kroeber Der Streit u?ber Lemprie?re’s Wo?rterbuch
Eine o?ffentliche Erregung mit langem Nachhall
73
Ulrich Blumenbach Forschheit vor Verlegerthronen 85
Reinhild Bo?hnke Aus dem Geha?use hinaus in die Welt
Literarische U?bersetzer in Sachsen
88
Joachim Meinert Die aus dem Osten kommen! 91
Claudia Steinitz Und wenn sie nur gejammert ha?tten?
Die ersten Anpassungsklagen
103
Maria Hummitzsch Gespra?ch mit Aktiven aus den Vorsta?nden des VdU? von 1988–2005 105
Julian Mu?ller Ein Kahn, auf dem es sich fahren la?sst
Interview mit Mitgliedern der Vorsta?nde seit 2008
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Holger Fock Lost in Justice? Warum sich Literaturu?bersetzer nach dem Gesetz zur Sta?rkung der Urheber von 2002 durch die Rechtsprechung benachteiligt fu?hlen 144
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III. Blick von außen – Wie uns die anderen sehen­  
Fritz Senn Am Rande mittendrin: unter den U?bersetzern 157
Ba?rbel Flad Zwischen den Stu?hlen.
Impressionen einer Wahlverwandten aus dem Lektorat
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Katrin Lange Einzug in die Arena 168
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IV. Erreichtes, Errungenschaften­  
Anke Burger Die Zeitschrift Der U?bersetzer/U?bersetzen, seit 50 Jahren Sprachrohr der Literaturu?bersetzenden 173
Rosemarie Tietze Wie wa?re es, wenn...
Eine Anekdote aus grauer Seminarvorzeit
186
Karen No?lle „... ko?nnen wir nur selber tun!“
Fortbildung als Thema des VdU?
189
Eike Scho?nfeld Straelen, die Anfa?nge 197
Andreas Jandl Learning by doing par excellence
Entwicklungsstufen der zweisprachigen Werksta?tten von den Anfa?ngen bis ViceVersa
202
Ebba D. Drolshagen Smoke got in our eyes
Erinnerungen an Bergneustadt
209
Susanne Ho?bel „Von der hohen Wu?rde des U?bersetzers“
Der Hieronymus-Ring
223
Martina Kempter U?bersetzer auf der Weltlesebu?hne
Wie gru?ndliche Leser aus gutem Grund zu Vorlesern wurden und anfingen, ihre Arbeit auf die Bu?hne zu bringen
228
Irmgard Ho?lscher U?ber das Sichtbarwerden der U?bersetzer auf der Frankfurter Buchmesse 235
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V. U?bersetzen und Medien­  
Ingrid Altrichter Recherchieren anno dazumal 240
Larissa Bender Das blaue Fenster zur Welt
Kein Leben ohne Facebook!
243
Isabel Bogdan Sozialgesto?rte Nerds 246
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VI. U?bersetzungskritik­  
Pieke Biermann Rezensentische Fehlgriffe 252
Burkhard Mu?ller Literarische U?bersetzungskritik
Was ist sie? Was ko?nnte sie sein?
264
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VII. U?bersetzerpraxis­  
Peter Friedrich Erwin Magnus – der Mann, der das professionelle U?bersetzen erfand. Ein Ku?nstlerschicksal 268
Matthias Wolf Beckmessereien. Der Sachbuchu?bersetzer als Nervensa?ge am Stuhlbein des Autors 273
Nicola Denis U?bersetzen im Ausland. Perso?nliche Betrachtungen samt einer Portra?tskizze von Anne Weber 276
Friedrich Griese Vom Zwickel oder Wie man sich behilft 281
Ursula Wulfekamp Warum ich U?bersetzerin werden wollte
und weshalb ich es dann doch geblieben bin
289
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VIII. Literaturu?bersetzer und ihre Autoren – U?bersetzen als Kunst­  
Stefanie Gerhold Weit reisende Geschichten 292
Brigitte Do?bert U?ber Asymmetrie. Ein ganz einseitiger Versuch zur Beziehung zwischen Autor und U?bersetzer 299
Ju?rgen Dormagen­ Vom großen U? und einem kleinen l 302
Frank Heibert U?bersetzen zwischen Bauch und Kopf 307
 
Helga Pfetsch Nachwort der Herausgeberin 317
Personenregister ­319
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