Sonderheft 2017 - 2017


Editorial

Kommen und gehen, hier sein, dort sein, schreiben: Fünfzehn Jahre lang hat das Literarische Tandem der Stiftung Brandenburger Tor europäische Autorinnen und Autoren zusammengebracht. Seit 2002 haben 24 von ihnen Berlin für zwei Monate verlassen, sind 24 von ihnen für zwei Monate nach Berlin gekommen. Im Grunde eine einfache Sache: Aus der Fremde sieht das Bekannte anders aus, mit einer Kollegin, einem Kollegen an der Seite lässt sich der neue Ort gut erkunden, der Abstand zum gewohnten Leben gibt dem Schreiben neue Impulse, und in den Texten schlägt sich das Ferne nieder. Der literarische Import-Export lohnt sich für alle. Die einen haben Zeit und erleben Neues; die anderen schauen zu, das heißt, sie lesen, etwa in dieser Sammlung mit Lyrik und Prosa, im fünften, dem Tandem gewidmeten Sonderheft der Sprache im technischen Zeitalter. Seine Autorinnen und Autoren waren, außer in Berlin, in Kopenhagen, Jyväskylä, Rom und Wien unterwegs.

Mette Moestrup und Rike Scheffler verbinden die dänische Hauptstadt mit der deutschen. Moestrups lyrisches Berlin ist widersprüchlich: Es verheißt Nähe, Erotik, Sex; zugleich spricht es von der Vergangenheit, von den Gräueln, die von hier ausgingen. „Ich erinnerte mich, es war Deutschland,/wo ich war. Etwas mit einem kalten See.“ Schefflers Reise nach Kopenhagen bedeutete, folgt man ihren Gedichten, auch Wärme und Nähe. „Narbe, Haaransatz, aha, also so eine Nase, aha, spitzes Kinn. Die Haut gewaschen, diese Haut, von der andren, hält einiges aus.“ Auch die Landschaft rückt heran, Boden, Bäume, Heidekraut: „Es ist so schön hier, du musst unbedingt kommen.“

Aus dem finnischen Jyväskylä kommt Suvi Valli, Marlen Pelnys Tandem-Partnerin. Vallis Lyrik beschreibt einen fast mystisch wirkenden Ort. Tiere tauchen auf, Schlangen, ein Märchenwolf, Tauben, ein Steckenpferd; selbst Muhkühe. „Die Ratte im Kanal schwimmt im Rattenstil“, heißt es in Vallis Langgedicht; wer weiß, ob es von Berlin handelt. „Liebe Außenwelt bzw. Innenwelt“ hebt Pelnys Post aus Jyväskylä an. Die anderen sind weit weg, ideale Adressaten für einen lebendigen Expeditionsbericht. „Die Mücken werden müde, die Autobahn hörbar“, notiert Pelny, ein Sound wie Meeresrauschen. Ein Thema auch: das Schreiben. „In Finnland gibt es viele tolle Sachen zu sehen, aber im Moment sehe ich nur meinen Text.“

Crime in Rom, Crime in Berlin: Sandrone Dazieri und Andreas Pflüger inszenieren ihre jeweilige Tandemstadt als Thriller-Tatort. Dazieri zeichnet ein buntes Berlin-Bild: Das Literarische Colloquium am Wannsee bietet – scheinbar – Zuflucht, im Techno-Club versammelt sich ein schrilles Publikum, der Potsdamer Platz fasziniert die Protagonistin: „Für eine gebürtige Römerin grenzte eine so ordentliche, saubere Großstadt fast an Science Fiction.“ Pflügers Ermittlerin Jenny Aaron trifft in einer römischen Prachtvilla auf den Chef einer kriminellen Organisation. Gelingt es ihr, die nötigen Informationen zu beschaffen? Die ewige Stadt wird zur Kulisse einer lebensgefährlichen Begegnung. „Der Palatin schimmert im Abendrot, als sei er mit japanischem Lack überzogen.“

Wien ist die Partnerstadt des Tandems von Lilly Jäckl und Angelika Klüssendorf. Jäckl erkundet ein auf Sand gebautes Berlin; „zum Kotzen schön“ erscheint ihr die Stadt. In deren wilder, historisch verkarsteter Landschaft sind die Trümmer der Geschichte so präsent wie eine „ganz normale Familie“ oder die „fiese kleine Erinnerung an ungeborene Kinder“. Klüssendorfs „kleine Frau“ durchlebt eine unglaubliche Verwandlung: Fell ensteht an ihren Ohren, Zähne wachsen, im Supermarkt kann nur noch Gemüse ihr Interesse wecken. Eine neue Existenzform schiebt sich über die alte. „Langsam dämmerte ihr, was es bedeuten könnte, eine Häsin zu sein.“ Nichts bleibt, wie es war.

Die Texte der frühen Tandem-Jahre spiegeln die Faszination des ganz Neuen wider. „Offenbar Europa“ nannten wir 2005 die erste Sammlung mit Beiträgen unserer Gäste; da war die Öffnung des Ostens noch eine junge Erfahrung. Drei Jahre danach erschien die zweite Tandem-Anthologie; ihr Titel, „Berlin Ostkrojc“, erinnert daran, wie selbstverständ lich es inzwischen war, Berlin als Ort des Austauschs zwischen Ost und West zu sehen. 2011 kam die dritte Sammlung mit Tandem-Texten heraus „Abschied zuerst“. „Im Grunde wie wir“, das vierte Heft mit TandemTexten, schlug 2015 den weiten Bogen von Sibirien bis an den Westrand Europas.

Das aktuelle Sonderheft der Sprache im technischen Zeitalter trägt als Titel ein Zitat Marlen Pelnys. Das Tandem führte sie ins finnische Jyväskylä – und damit auch in ein anderes Klima: „10 Minuten Sonne, 10 Minuten Regen, 10 Minuten Schatten, 10 Minuten Regen, 10 Minuten Sonne und so weiter und so fort.“ Echtes Autoren-Wetter, fand Pelny, gut zum Schreiben. Trotz der Mücken.

Fünfzehn Jahre lang hat sich das Literarische Tandem Europa zugewandt, hat Berlin mit vielen anderen Städten und Gegenden des Kontinents verbunden. „(hier/macht’s die mischung)“ schrieb Michael Speier seinerzeit über Budapest. Das gilt für das gesamte Programm, für seine Gäste und Genres; im Rahmen des Tandems entstanden Gedichte, Essays, Romane, Erzählungen, Drehbücher, Dramen, Chroniken, Briefe, Journale, Lieder. „Ich freue mich, dass ich so viel geschafft habe“, schreibt Marlen Pelny „dass mein kleines Buch gedeiht, ja bald schon fertig ist, dank dieser stillen, konzentrierten Zeit.“

Das Literarische Tandem hat vielen Autorinnen und Autoren diese konzentrierte Zeit ermöglicht, hat ihnen neue Erfahrungen und Chancen eröffnet. Daran haben im Lauf der Jahre vor allem Janet Alvarado, Anja Kuhlmann und Caroline Armand von der Stiftung Brandenburger Tor gearbeitet, die die Tandem-Gäste betreut haben; dafür danke ich ihnen und der Stiftung herzlich. Danken möchte ich auch dem Literarischen Colloquium Berlin, das unseren Gästen – und ihren Texten – so lange ein wunderbares Zuhause geboten hat.

24 mal Import-Export: Was bleibt? Eine einzigartige Anthologie des literarischen Europa in fünf Sonderheften dieser Zeitschrift; viele gute Namen; ein internationales Netzwerk; ungezählte Erinnerungen, Anekdoten, Entwürfe, Versuche, Fragen; eine Menge toller Texte; die Lust, Neues zu beginnen.

Hans-Joachim Neubauer


Inhalt

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Hans-Joachim Neubauer Import-Export 24 9
 
Kopenhagen - Berlin­
Mette Moestrup Blutapfel 12
Rike Scheffler Gedichte 25
 
Jyväskylä - Berlin­
Suvi Valli Unlokalisierbare Stücke 35
Marlen Pelny Post aus Jyväskylä 43
 
Rom - Berlin­
Sandrone Dazieri Aus der Nacht 53
Andreas Pflüger Niemals 76
 
Wien - Berlin­
Lilly Jäckl Blickdicht & Reißfest 85
Angelika Klüssendorf Bloß ein Mensch 97
Anmerkungen zu den Autoren 102
Das Literarische Tandem
Übersicht
104
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